ArchivDeutsches Ärzteblatt4/2010„Theateroperation“: Zeitgeschichte aus der Klinik

KULTUR

„Theateroperation“: Zeitgeschichte aus der Klinik

Dtsch Arztebl 2010; 107(4): A-149 / B-131 / C-131

Rose, Christina

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Fotos: Theater Operation
Fotos: Theater Operation
Mit „Halbstarke Halbgötter“ schreibt und inszeniert der Anästhesist und Schauspieler Tug¡sal Mo¡gul sein erstes Theaterstück.

Anästhesist und Schauspieler – man fragt sich, wie das zusammenpasst. Für Tug¡sal Mo¡gul ist dieses berufliche Doppelleben etwas Selbstverständliches. Bereits als Jugendlicher hat er in seiner Heimatstadt Beckum Theater gespielt. Nach dem Abitur entschied er sich zunächst, Medizin zu studieren. „Irgendwann habe ich dann gemerkt, dass mir etwas fehlt“, sagt der 40-Jährige. Deshalb bewarb er sich nach dem Physikum an der Hochschule für Musik und Theater in Hannover. Ein Dozent habe ihn immer wieder ermutigt, das Medizinstudium nicht aus den Augen zu verlieren. Also studierte er parallel vier Jahre lang Medizin und Schauspiel in Hannover. Seit seinem Abschluss an der Schauspielschule im Jahr 1997 und nach dem Staatsexamen arbeitet er als Arzt und Schauspieler.

Ein Operationssaal hat für den Sohn türkischer Einwanderer etwas Mystisches: „Ich wollte immer im OP sein. Ich habe das immer verglichen mit Kirchen oder Moscheen, wo man auch sehr andächtig ist.“ Auf der Bühne sei das ähnlich: „Die Privatismen lässt man draußen.“ Seine Vorgesetzten reagieren positiv auf seinen Nebenjob. „Ich habe mich immer mit beiden Lebensläufen beworben und auch klar gemacht, dass das kein Hobby ist.“ Kollegen fänden es gut, dass er nicht nur die Sicht des Arztes auf das Leben habe: „Ich glaube, diese Sehnsucht nach musischen oder künstlerischen Tätigkeiten ist bei vielen enorm.“ Für „Halbstarke Halbgötter“, das seit zwei Jahren erfolgreiche Stück, hat Mo¡gul sechs Jahre lang sowohl eigene Berufserfahrungen als auch die seiner Kollegen gesammelt. Herausgekommen ist eine Collage, die nachdenklich stimmt. Mo¡gul zeigt den Klinikalltag „zugespitzt, aber wahr“.

Sechs Jahre lang hat Mo¡ gul für „Halbstarke Halbgötter“ sowohl eigene Berufserfahrungen als auch die seiner Kollegen gesammelt.
Sechs Jahre lang hat Mo¡ gul für „Halbstarke Halbgötter“ sowohl eigene Berufserfahrungen als auch die seiner Kollegen gesammelt.
Vier Arztfiguren, dargestellt von Bettina Lamprecht, Carmen Dalfogo, Stefan Otteni und Dietmar Pröll, erzählen ihre Geschichten. Im Stück haben sie ihre Namen beibehalten. Gegenseitig gestehen sie sich ihre Selbstzweifel und Frustration. „Die Sprache in den Krankenhäusern hat sich sehr verändert“, sagt Mo¡gul. Seit der Gesundheits-reform gehe es mehr um Kunden als um Patienten sowie um Risikomanagement, Fehlermeldung und Qualitätskontrolle. „Das nervt. Wir sind kein Hotel, wir sind im Krankenhaus, und wir müssen uns auf unsere Ideale berufen.“

Die vier Charaktere agieren in einem schlichten Bühnenbild: Ein Operationssaal mit OP-Tisch als symbolisches Zentrum. Die Schauspieler tragen OP-Kleidung. Wie in einem anatomischen Hörsaal verfolgen die Zuschauer das Geschehen auf der Bühne. Es werden jedoch keine Patienten seziert, sondern die Mediziner selbst. „Bei meiner Aufnahme in den ärztlichen Berufsstand gelobe ich feierlich, mein Leben in den Dienst der Menschlichkeit zu stellen“, rezitieren sie das Genfer Ärztegelöbnis von 1948. Doch die Menschlichkeit kommt oft zu kurz: Die Ärzte sind desillusioniert, überarbeitet, erschöpft. Neben dem allgemeinen Klinikstress gibt es im Stück jedoch auch immer wieder humorvolle Momente.

„Es geht vor allem um das Innenleben der Charaktere“, betont der Autor. Dafür sind die Schauspieler an EKG-Elektroden angeschlossen. Die Herzfrequenzen werden per Telemetrie auf eine Großleinwand an der Rückwand der Bühne projiziert. Im Stakkato diskutieren sie über Differenzialdiagnosen, Röntgenbefunde, Therapieoptionen – alles im medizinischen Fachjargon. „Viele glauben, die Schauspieler seien auch Ärzte, aber sie haben mit Medizin nicht das Geringste zu tun“, erklärt Mogul. Als Vorbereitung auf ihre Rolle haben die Darsteller deshalb einen Tag auf einer Intensivstation hospitiert und waren bei einer Operation dabei. Auch als Rahmenveranstaltung auf Kongressen kann Mo¡gul sich das Stück gut vorstellen. Informationen per E-Mail: tug salmogul@gmx.de.
Christina Rose

Termine
In Bonn: Mittwoch, 27. Januar; Freitag, 29. Januar; Samstag, 30. Januar, und Sonntag, 31. Januar (Gastspiel im Theater im Ballsaal, E-Mail: karten@theater-im-ballsaal.de)
In Nürnberg: am Freitag, 12. März; Samstag, 13. März im Gostner-Hoftheater Nürnberg (www.gostner.de, Kartenreservierung unter Telefon: 09 11/26 15 10 oder per E-Mail: info@gostner.de)
Außerdem finden vom 17. März bis 20. März Aufführungen im Theater im Pumpenhaus Münster statt. Telefon: 02 51/23 34 43 oder E-Mail: karten@pumpenhaus.de.
Das Nachfolgeprojekt „Intensivstation“ startet im Herbst.
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema