ArchivDeutsches Ärzteblatt4/2010Blinde und Sehbehinderte Schüler: Kein einfacher Prozess

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Blinde und Sehbehinderte Schüler: Kein einfacher Prozess

Dtsch Arztebl 2010; 107(4): A-154 / B-134

Herold, Susanne

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Foto: Karin Lau
Foto: Karin Lau
Die Verbände sehen einige positive Entwicklungen in der Bildungspolitik – die UN-Behindertenrechtskonvention ist aber noch lange nicht umgesetzt.

Ende März 2009 ist die UN-Behindertenrechtskonvention in Deutschland in Kraft getreten. Zu Beginn des Jahres machte die Kampagne „Alle inklusive! Die neue UN-Konvention“, durchgeführt von der Beauftragten der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen, Karin Evers-Meyer, und den Behindertenverbänden im Deutschen Behindertenrat, auf das Thema aufmerksam. Besonders Artikel 24 der Konvention, der sich mit dem Thema Bildung beschäftigt, lag ihnen am Herzen. In einem Punkt sind sich alle Beteiligten einig: Menschen mit Behinderung müssen uneingeschränkt Zugang zu Bildung erhalten. Nur dann haben sie eine Chance, sich frei zu entfalten und sich in die Gesellschaft integrieren zu können.

Generelle Regelungen fehlen
Der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV) hat das Thema Bildung seit jeher auf seiner Agenda. Der Verband schätzt den Anteil blinder und sehbehinderter Schüler in Deutschland auf circa 14 000. Das sind 0,2 Prozent aller Schüler in Deutschland. Um dennoch bei den Entwicklungen in der Bildungspolitik berücksichtigt zu werden, sucht Reiner Delgado das Gespräch mit allen Beteiligten. Er ist Sozialreferent des DBSV und dort als Nichtsehender für das Thema Bildung zuständig. „Wir registrieren in der Bildungspolitik inzwischen eine gewisse Offenheit unseren Anliegen gegenüber“, stellt er fest. Der BDSV versuche daher, die positiven Entwicklungen sowohl auf Bundes- als auch auf Länderebene zu verstärken.

Aufgrund der föderalen Struktur des deutschen Bildungssystems gelten in den einzelnen Bundesländern unterschiedliche Regelungen. „Ein zentraler Punkt ist, wie viele Lehrkräfte und Stunden für den Unterricht für blinde und sehbehinderte Kinder zur Verfügung stehen“, erläutert Delgado. „Unklar ist, ob Fahrtzeiten mit eingerechnet werden. Wie viel Zeit tatsächlich für den einzelnen Schüler bleibt, können wir gar nicht sagen.“ Teilweise fehle in einzelnen Bundesländern eine generelle Festschreibung des Rechts des einzelnen Kindes auf Förderung. In Förderzentren haben blinde und sehbehinderte Schüler die Möglichkeit, in allen Belangen unterrichtet zu werden, die im gemeinsamen Unterricht mit Nichtbehinderten nicht vermittelt werden können.

Die Förderung umfasst drei Bereiche: Fertigkeiten, die das Lernen überhaupt erst ermöglichen, wie Blindenkurzschrift und Bedienung eines Computers. Den zweiten Bereich bilden die sogenannten lebenspraktischen Fähigkeiten, durch die Kinder in die Lage versetzt werden, sich selbstständig unter -Sehenden zu bewegen. Schließlich lernen sie, ihre eigene Situation zu verarbeiten und sich im Umgang mit sehenden Mitschülern zu behaupten. Den Integrationslehrern an den Förderzentren fällt somit eine Fülle an Aufgaben zu: Sie unterstützen den Integrationsprozess der Kinder, beraten Eltern und Lehrkräfte an den Regelschulen und sind erste Anlaufstelle bei Problemen aller Art.

Integration Sehbehinderter in die Regelschulen
Es dürfe jedoch nicht bei den Bemühungen um eine Integration behinderter Kinder in die Regelschulen aufhören. „In der öffentlichen Diskussion zur UN-Konvention wird diese häufig auf das Stichwort ‚Inklusion‘ verkürzt“, stellt Delgado fest. „Darüber wird die Qualität der Bildung häufig vergessen.“ Deshalb setzt sich der DBSV für besseres Unterrichtsmaterial ein. Die Übertragung der regulären Lehrmittel ist nicht bundesweit geregelt. Selbst innerhalb einzelner Bundesländer sind Qualitätsunterschiede zu verzeichnen. Zudem bedroht seiner Meinung nach eine weitere Entwicklung die Qualität der Bildung: „Alle vier Lehrstühle in Deutschland, die Pädagogik für Sehbehinderte und Blinde anbieten, sind in Bezug auf Forschung und Lehre gefährdet“, betont Delgado. Wenn hier nicht bald etwas geschehe, seien alle weiteren Reformversuche und damit die Umsetzung der UN-Konvention von vornherein zum Scheitern verurteilt. „Wer soll die Kinder unterrichten, wenn Lehrkräfte nur unzureichend ausgebildet werden können?“

Es ist noch vieles zu klären, bis man nach den Vorstellungen des DBSV von der Umsetzung von Artikel 24 der UN-Behindertenrechtskonvention sprechen kann. Ein nicht immer einfacher Prozess. Delgado blickt trotz aller Schwierigkeiten zuversichtlich in die Zukunft: „Ich schätze, dass es in den nächsten zwei Jahren positive Veränderungen auf Länderebene geben wird.“

Die Kultusministerkonferenz (KMK) hat sich bisher noch nicht zu diesem Thema geäußert. Sie hat eine Ad-hoc-Kommission zur Umsetzung der UN-Konvention einberufen. Ein zentraler Wunsch Delgados an die KMK: „Wenn behinderte Kinder bald eine echte Wahlfreiheit zwischen Förderschule und Regelschule hätten und dies gesetzlich festgeschrieben wäre.“
Susanne Herold
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