ArchivDeutsches Ärzteblatt4/2010Schule für Kranke: Unterricht am Krankenbett

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Schule für Kranke: Unterricht am Krankenbett

Dtsch Arztebl 2010; 107(4): A-156 / B-136

Meißner, Marc

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Maßgeschneiderter Unterricht: Die Lerninhalte stimmen die Lehrer auf die Bedürfnisse des Schüler ab. Unterrichtet wird am Krankenbett, zum Teil mit speziellem Lehrmaterial. Foto: Alfred-Adler-Schule
Maßgeschneiderter Unterricht: Die Lerninhalte stimmen die Lehrer auf die Bedürfnisse des Schüler ab. Unterrichtet wird am Krankenbett, zum Teil mit speziellem Lehrmaterial. Foto: Alfred-Adler-Schule
Kinder, die länger krank sind, verpassen oft viele Unterrichtsstunden in der Schule. Die Alfred-Adler-Schule in Düsseldorf sucht ihre Schüler deshalb direkt in der Klinik auf.

Erinnert man sich an seine Kindheit, dann war das einzig Gute an einer Krankheit, dass man nicht zur Schule musste. Bei langwierigen oder chronischen Erkrankungen, die mit längeren Klinikaufenthalten einhergehen, ändert sich das allerdings – schnell wird es langweilig, und der Stoff, der nachgeholt werden muss, nimmt ein unüberschaubares Ausmaß an. Um solche Kinder kümmern sich sogenannte Schulen für Kranke.

Jutta Hinne-Fischer ist Sonderschuldirektorin an der Alfred-Adler-Schule. Deren Lehrer unterrichten kranke Kinder und Jugendliche, die für längere Zeit stationär oder teilstationär an Düsseldorfer Kliniken behandelt werden. „Wir sind eine ,Schule eigener Art‘. Das heißt, dass wir Schüler aller Schulformen unterrichten“, beschreibt Hinne-Fischer. „Jedes Kind, jeder Jugendliche kann krank werden, egal, welche Schulform er besucht, und muss dann hier im Krankenhaus trotzdem weiter unterrichtet werden.“ Allerdings wird nicht jeder schulpflichtige Patient der Uniklinik von der Schule betreut. Voraussetzung ist ein Klinikaufenthalt von mindestens vier Wochen innerhalb eines Schuljahres, die sich aber auf mehrere kürzere verteilen können. Die Art der Erkrankung spielt hingegen keine Rolle. „Hier in der Uniklinik sind orthopädisch und onkologisch Erkrankte unsere Hauptklientel, aber auch hämatologisch Erkrankte, herzkranke Kinder und chronisch Kranke, wie Langzeitdiabetiker“, fasst Hinne-Fischer zusammen.

Lehrer unterrichten an den Krankenbetten
Die Schule hat zwar ein eigenes Gebäude auf dem Klinikgelände, allerdings wird dort nicht unterrichtet. „Die Lehrer schwärmen von hier aus an die Betten und unterrichten dort“, erzählt die Direktorin. „Das ist aber auch die Krux für uns, da wir nicht die Schüler bündeln können.“ Dies ermögliche zwar einen individuellen Unterricht, aber dafür nur einen sehr kurzen. Gerade mal eine Stunde pro Tag kann man sich um einen Schüler kümmern. „Das liegt zum Teil daran, dass uns in den einzelnen Häusern keine Unterrichtsräume zur Verfügung gestellt werden können“, sagt Hinne-Fischer. „Wir könnten unseren Unterricht und die Beratung von Ärzten, Eltern und Stammschulen deutlich optimieren, wenn wir auch mal drei, vier Schüler gleichzeitig unterrichteten. Die räumlichen Möglichkeiten sind aber leider nicht gegeben.“

Neben der Universitätsklinik ist die Alfred-Adler-Schule noch an zwei weiteren Standorten tätig: in der Abteilung Kinder- und Jugendpsychiatrie der Rheinischen Kliniken der Heinrich-Heine-Universität und der Abteilung Kindertagesklinik für Psychosomatik am Evangelischen Krankenhaus Düsseldorf. Hier sind die Unterrichtsbedingungen günstiger. Es gibt Klassenräume, in denen die Schüler unterrichtet werden.

Ihre Schüler bekommt sie direkt von den Kliniken. „Morgens erhalten wir eine Liste von der Univerwaltung, auf der uns alle Patienten zwischen sechs und 18 Jahren gemeldet werden“, erzählt Hinne-Fischer. „Damit ziehen wir los und fragen dann auf den Stationen nach: Bleibt dieser Schüler mehr als vier Wochen, oder ist er früher wieder weg?“ Gegebenenfalls würde dann ein Aufnahmegespräch mit dem Kind und seinen Eltern geführt.

Der Unterrichtsschwerpunkt liegt auf den Fächern Deutsch, Mathematik und den Fremdsprachen. Dabei wird eng mit den Schulen der Kinder zusammengearbeitet. „Wir schreiben die Stammschulen an, erbitten das Unterrichtsmaterial und erfragen die Schwerpunkte, die da dann gewünscht sind“, erläutert Hinne-Fischer den Ablauf. Der Unterricht orientiert sich aber vor allem an dem, was für den Schüler wichtig und möglich ist. „Es gibt Schüler, die sind so krank, dass man nur eine Geschichte vorlesen kann. Die sind aber dankbar, dass sie überhaupt eine Ansprache oder eine Abwechslung haben.“ Andere seien hingegen so fit, dass man sie auf das Latinum vorbereiten könne.

Individuelle Förderung
Christiane Bosch ist eine der 16 Lehrerinnen der Alfred-Adler-Schule. „Im Prinzip prüfen wir erstmal, wo der Schüler steht“, sagt sie. „Steht er in Mathe auf der Fünf, dann machen wir am ehesten Mathe mit ihm.“ Unterrichtet würden aber auch Fächer wie Erdkunde, Geschichte oder Biologie. Da müsse man auch schon mal improvisieren und etwas mit nach Hause nehmen, erzählt Bosch. „Wenn es um Kegelberechnung oder Ähnliches geht – das kennt man eher noch aus der eigenen Schullaufbahn – das muss man sich dann schon mal über Nacht angucken, um es am nächsten Tag unterrichten zu können.“

Wie lange ein Kind oder Jugendlicher die Schule für Kranke besucht, ist sehr unterschiedlich. „Hier in der Uniklinik kommen die Patienten auch oft noch mal wieder, so dass man es schwer einschätzen kann. In der Onkologie sind sie zum Beispiel zwei bis drei Wochen zu einer Chemotherapie und dann nach ein paar Wochen immer wieder mal für einige Tage“, sagt Hinne-Fischer. In der Kinder- und Jugendpsychiatrie seien die stationären Zeiten meist länger. Dort können es auch mal zwei bis drei Monate sein.

Über Schülermangel kann sich die Direktorin nicht beklagen. Circa 85 Schüler werden täglich an der Alfred-Adler-Schule unterrichtet. In einem Schuljahr sind es zwischen 500 und 600. „Die Schülerzahl steigt. Das liegt zum Teil daran, dass wir unsere Arbeit hier an der Uniklinik deutlich verbessern und erweitern konnten, aber auch an immer mehr Fällen in der Psychiatrie.“ Dort gebe es vor allem immer mehr junge Schüler.

Dadurch sei der Aufwand für die Dokumentation enorm gestiegen. „Womit wir zu kämpfen haben, ist die Zunahme des unglaublichen Verwaltungsaufwands“, klagt Hinne-Fischer. „Leider können wir dadurch das Schwergewicht nicht so auf die Pädagogik legen, wie wir das wollen.“ Dazu gehört auch die Notengebung. Zwar seien bei den Zeugnissen die Stammschulen federführend. „Aber die haben oft gar keine Grundlage mehr, auf der sie eine Beurteilung vornehmen können“, betont die Direktorin. „Letztendlich sind wir es, die dann dafür sorgen müssen, das die Schüler das bekommen, was ihnen zusteht – dass am Ende des Schuljahres auch ein Zeugnis vorliegt.“
Dr. rer. nat. Marc Meißner
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