ArchivDeutsches Ärzteblatt5/2010Hämoglobinopathien nehmen zu
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LNSLNS Wenngleich die Bezeichnung von Deutschland als Einwanderungsland politisch umstritten ist, so zeigt die Zusammenstellung von Kohne und Kleihauer in ihrem Beitrag (1), dass in Deutschland durch Immigration die Verbreitung exotischer Erkrankungen in den vergangenen Jahren zugenommen hat. Der Artikel stellt quasi das wissenschaftliche Lebenswerk dieser beiden Autoren dar, die bereits vor Jahrzehnten begannen, sich für die Physiologie und für die menschliche Pathophysiologie der Veränderungen des Hämoglobins zu interessieren. So ist der Kleihauer-Test zur Anfärbung von Erythrozyten mit fetalem Hämoglobin heute Standardlehrbuchwissen und wird noch immer zur Detektion und Quantifizierung der feto-maternalen Transfusion eingesetzt. Mit der Nachweisbarkeit der feto-maternalen Transfusion bot dieser Test zudem überhaupt erst die rationale Grundlage für die Rhesusprophylaxe schwangerer Frauen.

Hämoglobinforschung
Wissenschaftlich erlebte die Hämoglobinforschung in den 1950er- und 1960er-Jahren eine Blüte, als die dreidimensionale Struktur des Hämoglobinmoleküls durch Röntgenkristallographie aufgeklärt wurde und damit half, die physiologischen Besonderheiten dieses Moleküls zu erklären (2). Diese Entdeckung wurde 1962 mit dem Nobelpreis für Chemie an Max Perutz und John Kendrew bedacht. Heute ist die Strukturbiologie ein unverändert aktuelles Gebiet der Lebenswissenschaften, in der mit im Wesentlichen unveränderter Methodik viele medizinisch wichtige Proteine und molekulare Maschinen analysiert werden.

In diesem Kontext verbindet sich der Name Kleihauer nicht nur mit der nach ihm benannten Technik zum Nachweis fetaler Blutzellen sondern mit vielen bahnbrechenden frühen Arbeiten zur Struktur und Funktion des Hämoglobins. Diese Arbeiten hatten weitreichende basiswissenschaftliche Implikationen und haben, wie an der hier vorliegenden Arbeit und zahlreichen weiteren Originalarbeiten der letzten Jahre zu sehen ist, wichtige Daten für die klinische Bedeutung der Hämoglobinkrankheiten in Deutschland erbracht (36).

Durch die Etablierung entsprechender Forschungsstrukturen an der Klinik war Kleihauer einer der Vorreiter angewandter Molekularbiologie in der Medizin und der Molekularen Medizin in Deutschland. Die Globingene boten sich für ein solches Projekt an. Sie waren die ersten isolierten und in ihrer Regulation charakterisierten menschlichen Gene (7). Viele der hier erkennbaren Prinzipien sind fast universell bei anderen Genen gültig.

Hämoglobinkrankheiten
Vor dem Zuzug von Menschen aus den Endemiegebieten der Hämoglobinkrankheiten, die sich wiederum in den (ehemaligen) Endemiegebieten der Malaria befinden, waren diese Erkrankungen in Deutschland selten. Heute ist das, wie aus der Arbeit von Kohne und Kleihauer hervorgeht, nicht mehr so. Die hier vorgelegten Zahlen bestätigen die Erfahrung jedes pädiatrischen Hämatologen: Patienten mit Thalassämien und mit Sichelzellkrankheiten machen einen erheblichen Anteil der Klientel jeder größeren kinderhämatologischen Einrichtung aus. Die erforderlichen Ressourcen sind erheblich.

Patienten mit Thalassämien benötigen eine lebenslange, regelmäßige Transfusionsbehandlung. Ferner brauchen sie eine aufwändige und belastende Eiseneliminationstherapie und meistens eine komplexe endokrinologische Betreuung. Bei Verfügbarkeit eines passenden Spenders wiederum ist eine hämatopoietische Stammzelltransplantation notwendig (8).

Patienten mit Sichelzellerkrankung leiden an einer Multiorgankrankheit, die vor allem durch Gefäßverschlusskrisen und durch chronische Organinsuffizienz charakterisiert ist – die Anämie ist meist das kleinste Problem (9). Weil betroffene Kinder aufgrund optimierter Behandlungsprotokolle heute trotz dieser Probleme eine Lebenserwartung bis ins Erwachsenenalter haben, spielen Hämoglobinkrankheiten zunehmend auch in der internistischen Hämatologie eine Rolle. Und dies trifft, wie die eGrafik 2 der Arbeit zeigt, nicht nur für die Ballungszentren in Deutschland zu.

Konsequenzen aus den vorgestellten Daten
Praktisch gehören Hämoglobinkrankheiten bei nicht einfach erklärbaren hämolytischen Anämien und bei mikrozytären Erythrozytenindices auf den differenzialdiagnostischen Radarschirm. Dies trifft vornehmlich, aber eben nicht ausschließlich bei Patienten aus Endemiegebieten zu.

Zur effektiven Behandlung dieser wenn auch immer noch kleinen so doch wachsenden und medizinisch höchst komplexen und daher anspruchsvollen Patientengruppe sind Kooperationen mit erfahrenen Zentren erforderlich.

Aufgrund der Schwere der Krankheiten ist Prävention wichtig. Eine besondere Rolle kommt hier sicher den Frauenärzten zu, die heterozygote Überträgerinnen anhand des Blutbildes identifizieren und durch Untersuchung der Partner humangenetische Risikokonstellationen für diese meist rezessiv vererbten Krankheiten aufdecken können. Durch professionelle genetische Beratung kann eine Belastung der Familien mit chronisch kranken Kindern vermindert werden.

Präventiv kann auch das Neugeborenenscreening in Regionen mit hoher Inzidenz für die Sichelzellerkrankung sein. Es steht fest, dass eine neonatale und damit präsymptomatische Erkennung dieser Kinder die Morbidität und Mortalität drastisch senken kann. In Deutschland ist dieses Vorgehen im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern noch nicht etabliert.

Interessenkonflikt
Der Autor erklärt, dass kein Interessenkonflikt im Sinne der Richtlinien des International Committee of Medical Journal Editors besteht.


Anschrift des Verfassers
Prof. Dr. med. Andreas E. Kulozik, PhD
Klinik für Pädiatrische Onkologie, Hämatologie und Immunologie
Zentrum für Kinder und Jugendmedizin der Universität Heidelberg
Angelika Lautenschläger Klinik
Im Neuenheimer Feld 430
69120 Heidelberg
E-Mail: andreas.kulozik@med.uni-heidelberg.de

Hemoglobinopathies Are on the Increase

Zitierweise: Dtsch Arztebl Int 2010; 107(5): 63–4
DOI: 10.3238/arztebl.2010.0063

@The English version of this article is available online:
www.aerzteblatt-international.de
1.
Kohne E, Kleihauer E: Haemoglobinopathies in Germany—a longitudinal study over four decades [Hämoglobinopathien – eine Langzeitstudie über vier Jahrzehnte]. Dtsch Arztebl Int 2010; 107(5): 65–71 VOLLTEXT
2.
Perutz MF, Rossmann MG, Cullis AF, Muirhead H, Will G, North AC: Structure of haemoglobin: a three-dimensional Fourier synthesis at 5.5-A. resolution, obtained by X-ray analysis. Nature 1960; 185: 416–22 MEDLINE
3.
Kleihauer E, Braun H, Betke K: Demonstration of fetal hemoglobin in erythrocytes of a blood smear. Klin Wochenschr 1957; 35: 637–8 MEDLINE
4.
Kleihauer E, Betke K: Elution procedure for the demonstration of methaemoglobin in red cells of human blood smears. Nature 1963; 199: 1196–7 MEDLINE
5.
Kleihauer E, Brandt G: Qualitative estimation of erythrocyte catalase by starch gel electrophoresis. Nature 1964; 204: 478–9 MEDLINE
6.
Kleihauer E, Buss IO, Luck CP, Wright PG: Haemoglobins of adult and foetal African elephants. Nature 1965; 207: 424–5 MEDLINE
7.
Maniatis T, Kee SG, Efstratiadis A, Kafatos FC: Amplification and characterization of a beta-globin gene synthesized in vitro. Cell 1976; 8: 163–8 MEDLINE
8.
Kulozik AE: Thalassämien. In: Gaedicke G, Gadner H, Ritter J, Niemeyer C: Pädiatrische Onkologie und Hämatologie. Heidelberg: Springer-Verlag 2005.
9.
Dickerhoff R, Kulozik AE: Sichelzellerkrankung. In: Gaedicke G, Gadner H, Ritter J, Niemeyer C: Pädiatrische Onkologie und Hämatologie. Heidelberg: Springer-Verlag 2005.
Klinik für Pädiatrische Onkologie, Hämatologie und Immunologie, Zentrum für Kinder und Jugendmedizin der Universität Heidelberg: Prof. Dr. med. Kulozik, PhD
1. Kohne E, Kleihauer E: Haemoglobinopathies in Germany—a longitudinal study over four decades [Hämoglobinopathien – eine Langzeitstudie über vier Jahrzehnte]. Dtsch Arztebl Int 2010; 107(5): 65–71 VOLLTEXT
2. Perutz MF, Rossmann MG, Cullis AF, Muirhead H, Will G, North AC: Structure of haemoglobin: a three-dimensional Fourier synthesis at 5.5-A. resolution, obtained by X-ray analysis. Nature 1960; 185: 416–22 MEDLINE
3. Kleihauer E, Braun H, Betke K: Demonstration of fetal hemoglobin in erythrocytes of a blood smear. Klin Wochenschr 1957; 35: 637–8 MEDLINE
4. Kleihauer E, Betke K: Elution procedure for the demonstration of methaemoglobin in red cells of human blood smears. Nature 1963; 199: 1196–7 MEDLINE
5. Kleihauer E, Brandt G: Qualitative estimation of erythrocyte catalase by starch gel electrophoresis. Nature 1964; 204: 478–9 MEDLINE
6. Kleihauer E, Buss IO, Luck CP, Wright PG: Haemoglobins of adult and foetal African elephants. Nature 1965; 207: 424–5 MEDLINE
7. Maniatis T, Kee SG, Efstratiadis A, Kafatos FC: Amplification and characterization of a beta-globin gene synthesized in vitro. Cell 1976; 8: 163–8 MEDLINE
8. Kulozik AE: Thalassämien. In: Gaedicke G, Gadner H, Ritter J, Niemeyer C: Pädiatrische Onkologie und Hämatologie. Heidelberg: Springer-Verlag 2005.
9. Dickerhoff R, Kulozik AE: Sichelzellerkrankung. In: Gaedicke G, Gadner H, Ritter J, Niemeyer C: Pädiatrische Onkologie und Hämatologie. Heidelberg: Springer-Verlag 2005.

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