ArchivDeutsches Ärzteblatt5/2010Neue Influenza: Kritik ohne Realitätssinn

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Neue Influenza: Kritik ohne Realitätssinn

Zylka-Menhorn, Vera

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Dr. med. Vera Zylka-Menhorn, Ressortleiterin Medizinreport
Dr. med. Vera Zylka-Menhorn, Ressortleiterin Medizinreport
Ein Sachbuch mit dem Titel „Schweinegrippe als Jahrtausend-Fake. Chronik einer geplanten Seuche“ sowie eine Strafanzeige gegen die Ständige Impfkommission sind Extreme der Kritik am politischen Umgang mit der Neuen Influenza A/H1N1. Die Vorwürfe: Nachdem die Weltgesundheitsorganisation die „Schweinegrippe“ voreilig zur Pandemie erklärt habe, sei in Deutschland eine Impfaktion aus dem Boden gestampft worden, die einen Großteil der Bevölkerung zu Versuchskaninchen der Pharmaindustrie mit unzureichend getesteten Impfstoffen gemacht habe – nur um deren Gewinne zu steigern. Zudem werden Verschwörungstheorien konstruiert mit heimlichen Allianzen zwischen Pharmafirmen, Vertretern öffentlicher Institutionen und Wissenschaftlern. Ohne Zweifel: Nachträgliche Evaluierungen gesundheitspolitischer Entscheidungen und das Aufdecken von Interessenkonflikten sind ein absolutes Muss. Doch man fragt sich, ob nicht vielmehr die Kritiker das Augenmaß für die Verhältnismäßigkeit von Bedrohung und erforderlichen Gegenmaßnahmen verloren haben – und Kenntnisse der Virologie vermissen lassen.

Bei der „normalen“ Grippe kennt man die zirkulierenden Viren gut, sie verändern sich stetig in geringem Maß, so dass der Impfstoff jährlich „nur“ angepasst werden muss; daher existiert in der Bevölkerung eine gewisse Immunität. Zu den unzweifelhaften Tatsachen gehört, dass A/H1N1 ein neues Influenzavirus ist, das sich außerhalb der üblichen Grippesaison verbreitet hat und dessen weitere Entwicklung nicht absehbar war (und immer noch nicht ist). Es existierte daher keine oder lediglich eine beschränkte Immunität in der Bevölkerung. Schwere Verläufe und Todesfälle traten vor allem bei jüngeren Menschen auf. Dies war die Ausgangslage, auf der relevante gesundheitspolitische Entscheidungen getroffen werden mussten, um den Staat auf ein potenziell gefährliches Virus vorzubereiten.

Es war aus virologischer Sicht daher unverzichtbar, Vorräte an Impfstoffen und antiviralen Medikamenten anlegen zu lassen. Auf Bitten der Politik hat die viel gescholtene Industrie in kürzester Zeit auf der Basis von Musterimpfstoffen effiziente Vakzinekandidaten in ausreichender Menge zur Verfügung gestellt. Dies ist ein Beweis für die Leistungsfähigkeit der Branche. Daran ändern auch möglicherweise schlecht ausgehandelte Verträge zwischen Herstellern und Bundesländern nichts, in denen bestimmte Mengenabnahmen vereinbart wurden. Das letztlich eine einzige statt zwei Impfdosen pro Person gegen A/H1N1 ausreichte, war zum Zeitpunkt der Bestellung nicht abzusehen. Hätte Deutschland keine Pandemie-Vorbereitungen getroffen und die Schweinegrippe hierzulande einen ähnlichen Verlauf genommen wie in der Ukraine, wo das soziale Leben virusbedingt zum Stillstand kam, stünde nun der Vorwurf der Fahrlässigkeit im Raum.

Wo ist das rechte Maß des Handelns? Risikoforscher Prof. Dr. Ortwin Renn vom Institut für Sozialwissenschaften an der Uni Stuttgart gab im „Tagesspiegel“ (31. Januar) folgende Empfehlung: „Politik, Wissenschaft und Medien haben die Aufgabe, alles dazu beizutragen, damit die Menschen . . . Risikomündigkeit auch entwickeln können. Dazu gehören Informationen über den Stand des Wissens zu dem jeweiligen Risiko, Kommunikation über die Wahrnehmungs- und Bewertungsmuster der Menschen und das Aufzeigen von Steuerungsmöglichkeiten, die der Einzelne oder die Gemeinschaft zum Umgang mit diesen Risiken nutzen kann.“
Dr. med. Vera Zylka-Menhorn
Ressortleiterin Medizinreport

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