ArchivDeutsches Ärzteblatt25/1997Stolpersteine klinischer Studien: Hypertonie - eine unbekannte Größe?

SPEKTRUM: Akut

Stolpersteine klinischer Studien: Hypertonie - eine unbekannte Größe?

Blaeser-Kiel, Gabriele

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LNSLNS Es gebe kaum einen anderen Bereich der inneren Medizin, über den so viele widersprüchliche Daten vorlägen wie bei der Hypertonie; außerdem fehle ein valides, objektives Meßinstrument. Diese recht provokante These vertrat Prof. Thomas Philipp (Essen) beim Workshop "Klinische Forschung heute und morgen" der Medizinischen Forschungsgesellschaft Verum Staticon in München. Laut Philipp stehen die Interventionsziele nicht mit dem Risikoprofil der Hypertonie in Einklang. In den richtungweisenden Studien der 80er Jahre wurde durch eine konsequente Blutdrucksenkung die Gesamtletalität etwa halbiert, doch nicht, wie erhofft, durch Reduktion von Infarktinzidenz beziehungsweise kardiovaskulär bedingten Todesfällen - die Abnahme lag zwischen fünf und zehn Prozent -, sondern vorrangig durch Verhinderung von zerebrovaskulären Ereignissen - um 40 bis 50 Prozent.


Hoher Blutdruck, betonte Philipp, sei in erster Linie verantwortlich für den Schlaganfall und stehe als Risikofaktor für die koronare Herzkrankheit erst an dritter Stelle, nach Hypercholesterinämie und Zigarettenrauchen. Wenig wisse man auch über den Stellenwert der antihypertensiv wirksamen Substanzen. Ob beispielsweise Kalziumantagonisten, ACE-Hemmer oder Angiotensin-II-Rezeptorblocker ebenso präventiv wirksam sind wie die häufig als unmodern oder als ungünstig abgetanen Diuretika, die neben anderen "alten" Substanzen als Vera in den vorliegenden Interventionsstudien eingesetzt wurden, ist heute noch nicht belegt. Ebenso offen ist, welche Antihypertensiva die wichtigste kardiale Folgeerscheinung der Hypertonie, die linksventrikuläre Hypertrophie, verhindern oder reduzieren. Der Bedarf an prospektiven klinischen Studien ist unbestreitbar hoch.


Die Krux dabei sei, so Philipp, daß für den Blutdruck kein valides Meßinstrument zur Verfügung stehe. Jeder könne zwar mit einem Quecksilber-Manometer umgehen, doch die Ergebnisse schwankten in einzelnen Studien um bis zu 20 mm Hg. Philipp würde heute jede Teilnahme an einer Studie ablehnen, bei der nicht ein automatisiertes Meßsystem eingesetzt würde.Eine der Grundvoraussetzungen, um "konsensfähige" Ergebnisse zu erhalten, sei die strikte Einhaltung des oft mehr als fünfzig Seiten umfassenden Prüfplans. Gerade die großen multizentrischen Untersuchungen seien, so Philipp, ohne ein interessenneutrales Monitoring durch ein medizinisches Forschungsinstitut heute kaum noch möglich. Auch Universitäten verfügten in der Regel nicht über die Struktur, eine regelhafte Durchführung von Studien beziehungsweise eine ausreichende Kontrolle der Prüfzentren zu gewährleisten. Gabriele Blaeser-Kiel

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