ArchivDeutsches Ärzteblatt5/2010Information über verschreibungspflichtige Medikamente: Vereint gegen Brüsseler Vorschläge

POLITIK

Information über verschreibungspflichtige Medikamente: Vereint gegen Brüsseler Vorschläge

Dtsch Arztebl 2010; 107(5): A-175 / B-155 / C-151

Spielberg, Petra

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LNSLNS Ärzte, Apotheker und Krankenkassen sehen vor allem Heilberufler und Verbraucherschutzorganisationen in der Pflicht, Patienten über verschreibungspflichtige Arzneimittel neutral zu beraten. Die Pläne der EU-Kommission lehnen sie ab.

Es mutete schon ein wenig seltsam an, wenn Vertreter der Heilberufe ein Treffen mit Europaabgeordneten veranstalten, bei dem es um Transparenz und Information geht, Journalisten dann aber die Teilnahme verwehrt wird. So geschehen Ende Januar in Brüssel auf Betreiben der ABDA – Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände. Anlass des parlamentarischen Abends war eine Diskussion über den heftig umstrittenen Vorschlag der EU-Kommission, der Industrie die Information der Öffentlichkeit über verschreibungspflichtige Medikamente zu erlauben.

Die Vertreter der Bundes­ärzte­kammer (BÄK), der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), der ABDA und der gesetzlichen Krankenkassen waren mit dem Ziel nach Brüssel gereist, die eingeladenen Europaabgeordneten davon zu überzeugen, das laufende Gesetzgebungsverfahren zu stoppen. Der vom scheidenden EU-Industriekommissar Günter Verheugen vorgelegte Ansatz sei zu sehr auf die Pharmaindustrie zugeschnitten und somit völlig ungeeignet, Patienten objektiv, transparent und frei von werblichen Einflüssen über rezeptpflichtige Arzneimittel zu informieren, so die Selbstverwaltungsorganisationen. Dies sei vielmehr Aufgabe der Ärzte und Apotheker unter Einbeziehung von Verbraucherverbänden. Einen wichtigen Beitrag zur Aufklärung der Patienten könnten darüber hinaus Krankenkassen, Zulassungsbehörden oder Institutionen wie das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen leisten, hieß es weiter. Die Chancen für eine komplette Zurückweisung der Rechtsvorschriften stehen allerdings schlecht. Zwar gibt es auch bei den EU-Regierungen mehrheitlich Vorbehalte gegen die geplanten Regelungen, auch aufseiten der Bundesregierung. Wie sich hingegen das Europäische Parlament (EP) entscheiden wird, das vor-aussichtlich im Mai dieses Jahres über das Regelwerk abstimmt, ist noch nicht absehbar. Der CDU--Europaabgeordnete Peter Liese bestätigte allerdings dem Deutschen Ärzteblatt, dass das EP den Vorschlag der EU-Kommission nicht unverändert annehmen, sondern erhebliche Korrekturen beschließen werde.

„Ziel eines europäischen Rechtsrahmens muss es sein, die Patientensouveränität durch transparente, verständliche und objektive Informationen über verschreibungspflichtige Arzneimittel im Sinne eines Beipackzettels plus zu stärken“, meint KBV-Vorstand Dr. med. Carl-Heinz Müller. Die Angehörigen der Heilberufe sehen es folglich als vorrangig an, Beipackzettel und Fachinformationen aller im Handel befindlichen Medikamente verständlicher und lesbarer zu machen.

Die Compliance ließe sich nach Ansicht der Spitzenverbände beispielsweise durch eine sogenannte Drug Facts Box verbessern. Darunter versteht man eine auf der Packungsbeilage abgedruckte, optisch hervorgehobene Zusammenfassung der wichtigsten Informationen über ein Medikament, wie Indikationen, Kontraindikationen sowie erwünschte und unerwünschte Wirkungen. Studien aus den USA belegen, dass eine solche Box das Wissen der Patienten über den Nutzen und die Risiken von Medikamenten deutlich erhöht und zwar unabhängig von der Bildungsschicht.

Die Informationen sollten zudem in einer EU-weiten, öffentlich zugänglichen Datenbank für Beipackzettel verfügbar gemacht werden, sagte Dr. med. Frank Ulrich Montgomery, Vizepräsident der BÄK. Einig waren sich die Vertreter der Heilberufe und Krankenkassen mit den Europaabgeordneten auch darüber, dass es keine Information der Öffentlichkeit durch die Industrie ohne behördliche Vorabkontrollen geben darf. „Die Grenze zwischen Werbung und Information ist schwer festzulegen. Deshalb sollte man hier streng kontrollieren“, betonte Liese. Eine Ex-post-Kontrolle reiche hierfür nicht aus.

Der liberale Europaabgeordnete Jorgo Chatzimarkakis ergänzte, dass er sich dafür einsetzen werde, eine Informationsweitergabe in Printmedien zu verbieten, sollte eine EU-weite Vorabkontrolle nicht durchsetzbar sein. Der FDP-Politiker hofft, dadurch auch die zuständigen EU-Minister dazu bewegen zu können, den geplanten Neuregelungen zuzustimmen.

Noch sieht der Kommissionsvorschlag vor, Patienteninformationen nicht nur im Internet, sondern auch in Druckerzeugnissen zuzulassen. Allerdings hatte auch EU-Gesundheitskommissarin Androulla Vassiliou, die im Februar ihr Amt an den maltesischen Politiker John Dalli abgeben wird, bereits einen Verzicht auf die Veröffentlichung in Printmedien gefordert. Wie sich Dalli in diesem Punkt entscheiden wird, bleibt abzuwarten. Zunächst liegt der Ball beim Parlament.
Petra Spielberg
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