POLITIK

Kommentar: Prof. Dr. med. Adolf Windorfer, Niedersächsische Gesellschaft für Impfwesen und Infektionsschutz unerwünschte Reaktionen nach Impfungen Besser erfassen und auswerten

Dtsch Arztebl 2010; 107(5): A-179 / B-159 / C-155

Prof. Dr. med. Adolf Windorfer, Niedersächsische Gesellschaft für Impfwesen und Infektionsschutz
Prof. Dr. med. Adolf Windorfer, Niedersächsische Gesellschaft für Impfwesen und Infektionsschutz
Welcher niedergelassene Arzt und welche Medizinische Fachangestellte (MFA) hat sie nicht schon geführt – die Diskussionen mit impfkritischen Patienten vor einer Impfung – und wurde dabei konfrontiert mit einer Vielzahl von angeblichen Komplikationen, die nach Impfungen aufgetreten seien, nachzulesen im Internet. Wie hilflos musste man sich als Arzt oder als Medizinische Fachangestellte bei dieser Diskussion vorkommen; denn mit der Aussage, „dass moderne Impfstoffe kaum Nebenwirkungen haben“, gaben und geben sich diese Patienten nicht zufrieden.

Der zur Aufklärung verpflichtete Arzt benötigt, um wirklich für die in der Regel problemlose Durchführung einer Impfung überzeugende Argumente zu haben, mehr als nur die Aussage „in der Regel sind keine Komplikationen zu befürchten“.

Die Ständige Impfkommission (STIKO) hat zwar eine allgemein gehaltene Aufstellung über mögliche Impfnebenwirkungen veröffentlicht. Diese kann den Ansprüchen für eine sachgerechte und praktisch durchführbare Patienteninformation in der Praxis jedoch in keiner Weise genügen. Die Folge ist, dass Ärzte keine wirklich sachgerechte Impfaufklärung betreiben können und nicht selten daher der Durchführung von Impfungen abwartend gegenüberstehen.

Sie befinden sich in einem erheblichen, auch rechtlichen Dilemma; einerseits sind sie verpflichtet, ihren Patienten alle Maßnahmen, die dem medizinischen Standard entsprechen, anzubieten, andererseits müssen sie über mögliche Komplikationen im Zusammenhang mit Impfungen aufklären.

Praktisch verwertbare Daten dazu kann es nur geben, wenn von den impfenden Ärzten unerwünschte Reaktionen nach einer Impfung gemeldet werden. Dieser Meldeweg ist im Infektionsschutzgesetz vernünftig geregelt. Die namentliche Meldung mit den übermittlungspflichtigen Angaben geht an das zuständige örtliche Gesundheitsamt. Das Gesundheitsamt hat die Aufgabe, die Ursache der gemeldeten Reaktion zu klären. Es ist jedoch in der Regel nicht in der Lage, den Sachverhalt kompetent zu überprüfen. Der weitere Meldeweg, der die Störung in anonymisierter Form an die obere Landesgesundheitsbehörde und von dort weiter – ebenfalls anonymisiert an das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) vorsieht, ist ebenfalls nicht geeignet, eine unbedingt erforderliche objektivierbare Bewertung des Sachverhaltes vorzunehmen.

Das PEI veröffentlicht die gemeldeten Reaktionen ohne weitere direkte Nachforschungen in einer Liste. Da diese Meldungen an das PEI anonymisiert erfolgen, ist eine nachträgliche Aufklärung über die Art eines zeitlichen oder ursächlichen Zusammenhangs nicht möglich. Daher fehlt in den Aufstellungen des PEI jede Bewertung, die aber für den impfenden Arzt so wichtig wäre. Eine Information der Patienten durch impfende Ärzte über Häufigkeit und Art möglicher Impfnebenwirkungen, zu der sie jedoch verpflichtet sind, ist daher nicht möglich.

Die Vorgaben des Gesetzgebers für Ärzte, um wirklich sachgerechte Informationen über mögliche Impfnebenwirkungen an die Patienten weitergeben zu können, werden von den Ärzten zunehmend wahrgenommen. Allerdings sollte man den Sinn dieser Maßnahmen hinterfragen; denn damit eine Bewertung der im Zusammenhang mit einer Impfung gemeldeten Störung vorgenommen werden kann, ist eine namentliche Meldung nicht nur an das lokale Gesundheitsamt, sondern an eine Behörde unerlässlich, die auch in der Lage ist, diese Bewertung vorzunehmen, wie zum Beispiel das Paul-Ehrlich-Institut.

Erstaunlich groß ist das Jammern sowohl von Gesundheitspolitikern, Gesundheitsbehörden, aber auch von ärztlichen Standesvertretern hinsichtlich der angeblichen „Impfmüdigkeit“ der Bevölkerung. Aber es ist nicht in erster Linie die fehlende Impfbereitschaft der Bevölkerung die Ursache für eine in einzelnen Bereichen immer wieder festzustellende mangelhafte Durchimpfung, sondern es ist vor allem die mangelnde Bereitschaft von Bundes- und Landesbehörden, impfende Ärzte mit den für eine sachgerechte Impfaufklärung notwendigen Informationen über die tatsächlichen oder vermeintlichen Nebenwirkungen bei Impfungen zu versorgen und damit sachgerecht und erfolgreich den oft abstrusen Aussagen von Impfgegnern zu der Art und Häufigkeit von Impfkomplikationen entgegenzuwirken.

Es ist daher dringend an der Zeit, dass die Ärzteschaft die Gesundheitspolitiker und die Gesundheitsbehörden nachdrücklich darauf hinweist, dass nicht so sehr „Nationale Impfprogramme“ und öffentliches Lamentieren erfolgreich sind, sondern die sachliche Aufbereitung der für Ärzte und Patienten erforderlichen Informationen. Gerade wenn man den großen Wert von Impfungen für die Gesundheit jedes Einzelnen sowie für die gesamte Bevölkerung deutlich machen will, darf nicht vergessen werden, dass Impfungen auf dem Prinzip der Freiwilligkeit beruhen und daher auch akzeptiert werden müssen. Dies geschieht am nachhaltigsten, wenn einigermaßen Klarheit über die immensen Vorteile, aber auch über die sehr seltenen tatsächlichen Impfkomplikationen besteht.
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