ArchivDeutsches Ärzteblatt5/20101989/1990 bis 2009/2010: 20 Jahre deutsche Einheit: Ein kurzer Traum vom eigenen Weg

THEMEN DER ZEIT

1989/1990 bis 2009/2010: 20 Jahre deutsche Einheit: Ein kurzer Traum vom eigenen Weg

Dtsch Arztebl 2010; 107(5): A-184 / B-162 / C-158

Rieser, Sabine; Jachertz, Norbert

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Der Einigungsprozess verlief unglaublich rasch. Hoffnungen auf einen eigenen Weg der DDR in der Gesundheitspolitik verflogen bald. Über die Gründe und den Aufbau ärztlicher Organisationen berichten Zeitzeugen aus der Ärzteschaft.

Die Dynamik, mit der die Staatsgewalt der DDR zusammenbrach und die deutsche Einigung über die politische Bühne ging, hat jedermann überrascht, wenn nicht gar auf dem falschen Fuß erwischt. „Das Tempo dieser Prozesse wurde“, konstatiert der Historiker Prof. Dr. Gerhard A. Ritter, „von allen Beteiligten zunächst unterschätzt, die Möglichkeiten der Steuerung überschätzt.“ Es gab kein Drehbuch für die Wiedervereinigung in den Schubladen, nicht in denen der Bundesregierung, obwohl es im Westen doch ein einschlägiges Ministerium gab, und schon gar nicht in denen der DDR-Führung: „Die Vereinigung wurde improvisiert“, so Ritter.

An jenem berühmten 9. November 1989 verabschiedete der Deutsche Bundestag die große Rentenreform, nicht ahnend, dass sie ein Jahr später wieder über den Haufen geworfen würde. Am Tag zuvor noch hatte Bundeskanzler Helmut Kohl gegenüber der neuen DDR-Führung – Egon Krenz hatte Erich Honecker beerbt – erklärt, wenn die SED auf ihr Machtmonopol verzichte, sei er bereit, „über eine völlig neue Dimension unserer wirtschaftlichen Hilfe zu sprechen“. Kohl ging erkennbar davon aus, die DDR werde bestehen bleiben.

Doch schon drei Wochen später, am 28. November, legte er sein – damals nach Ansicht von Ritter „außerordentlich gewagt erscheinendes“ – 10-Punkte-Programm zur Überwindung der Teilung Deutschlands und Europas vor. Darin ging er noch von einem Jahrzehnt bis zur Wiedervereinigung aus. Das passte zu den Vorstellungen des neuen DDR-Ministerpräsidenten, Hans Modrow, der in seiner Regierungserklärung am 17. November 1989 auf eine „Vertragsgemeinschaft“ von BRD und DDR hoffte.

Eilige Einheit: Unterzeichnung des Staatsvertrags über die Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion am 21. Mai 1990. Foto: dpa
Eilige Einheit: Unterzeichnung des Staatsvertrags über die Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion am 21. Mai 1990. Foto: dpa
Die KV erledigt Regularien, Mau will zum Ku’damm Doch die Entwicklung überschlug sich. Am 18. März 1990 kam es zur ersten freien Wahl der DDR-Volkskammer. Diese löste Modrow ab. Die neue DDR-Regierung unter Lothar de Maizière schloss am 18. Mai 1990 einen Staatsvertrag mit der BRD; die Vertragspartner rechneten nur noch mit ein- bis anderthalb Jahren bis zur Einheit. Aber bereits drei Monate später, am 23. August, beschloss die Volkskammer den Beitritt. Am 31. August wurde der Einigungsvertrag unterschrieben und – terminlich demonstrativ aufeinander abgestimmt – von Bundestag und Volkskammer am 20. September 1990 ratifiziert.

Und die Ärztinnen und Ärzte? An jenem 9. November 1989 tagte in Berlin (West) der Vorstand der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Berlin. Als die Nachricht von der Öffnung der Mauer gekommen sei, habe man ungläubig reagiert, berichtet Dr. med. Manfred Richter-Reichhelm, damals KV-Vorsitzender, die Tagesordnung bis zum letzten Punkt abgewickelt und sei dann nach Hause gegangen. Gefeiert wurde erst am nächsten Tag.

Auf der anderen Seite der Mauer weckte Prof. Dr. med. Harald Mau, Leiter der Kinderchirurgie am Universitätsklinikum Charité in Berlin (Ost), seine Tochter und fragte, ob sie mit ihm über den Ku’damm spazieren wolle. „Vati, du bist betrunken“, habe sie nur gesagt, erinnert sich Mau. Er passierte, „ich weiß es noch ganz genau“, um 23.55 Uhr den Grenzübergang Bornholmer Straße und feierte „im Westen“. Ein Foto aus dieser Nacht hat er bis heute.

Getrieben waren die Regierungen damals vom „Volk“, von einer unerhörten basisdemokratischen Bewegung: Bei der Montagsdemonstration in Leipzig am 9. Oktober 1989 gingen circa 70 000 Menschen auf die Straße, am 4. November kamen in Berlin etwa 500 000 zusammen. Die Psychiaterin Dr. med. Sonja Süß, in der Bürgerbewegung der DDR aktiv, hält retrospektiv diesen 9. Oktober für das entscheidende Datum der gesellschaftspolitischen Wende in der DDR. Denn an diesem Tag sei in Leipzig die Entscheidung gefallen, „dass die Krise des Systems in einen friedlichen Auflösungsprozess und nicht in einen blutigen Verlängerungsversuch der alten Macht überging“.

Der Beitritt in Eile begrenzt eigene Ideen im Osten
Dr. med. Roger Kirchner aus Cottbus, gleichfalls Psychiater und Mitbegründer der Ärztekammer Brandenburg, sieht noch einen anderen Wendepunkt: Anfangs habe die bei den Demonstrationen skandierte Parole gelautet: „Wir sind das Volk“, dann erst „Wir sind ein Volk“. Folgt man Kirchners Gedankengang, dann wird mit dem Wechsel der Parole „die entscheidende Schwelle“ überschritten von der Revolution in der DDR zur schnellen deutschen Einheit. Kirchner hätte es lieber gesehen, „wenn wir uns zehn Jahre autonom entwickelt hätten“. Die Menschen in der DDR seien im Begriff gewesen, sich selbst wieder zu finden mit ihren Sehnsüchten und Ängsten.

Die Eile des Prozesses, dann aber auch die Form der Einigung, nämlich der „Beitritt“, hätten dazu geführt, „dass die Gestaltungsmöglichkeiten der Ostdeutschen sehr begrenzt blieben“. Das emanzipatorische Potenzial sei durch diesen schnellen Prozess geschrumpft. Das sei die traurige Seite dieser Zeit. Auf der anderen Seite stehe hingegen das Belebende, das Aufgewühltsein.

Prof. Dr. med. habil. Heinz Diettrich aus Dresden, Chirurg und wie Kirchner Mitbegründer einer Ärztekammer, und zwar der in Sachsen, bedauert gleichfalls die Eile, mit der die Einheit vollzogen wurde. Heute, mit Abstand betrachtet, „hätte man vieles besser machen können“, sagt Diettrich. Die Verhandler der DDR seien den ausgebufften Politprofis auf der Gegenseite nicht gewachsen gewesen.

Im Gesundheitswesen sei auch Erhaltenswertes über Bord geworfen worden, ergänzt der Chirurg. Er nennt eine lange Liste: etwa die Polikliniken, die Impfpflicht, die Dispensarien, die Gemeindeschwestern, die Tumorregister, die präschulischen Untersuchungen der Kinder. Manches werde heute wieder entdeckt, wie die Gemeindeschwester, vor allem die Poliklinik in der abgewandelten Form des Medizinischen Versorgungszentrums (MVZ).

Und immer wieder Debatten um die Polikliniken . . .
Gerade über die Polikliniken, denen man im Einigungsvertrag zunächst eine Gnadenfrist bis 1995 zugebilligt hatte, gehen die Meinungen weit auseinander. Historiker Ritter hält sie für „eines der wenigen innovativen Elemente, die die DDR in den deutschen Sozialstaat einbrachte“. Unter dem Druck der Interessenvertreter der Ärzte hätten aber nur wenige überlebt. Ärztliche Akteure wie Diettrich und Kirchner meinen, die DDR-Polikliniken hätte der Westen nicht gewollt; sie hätten nicht in die vorherrschende Vorstellung von Niederlassung gepasst und seien deshalb plattgemacht worden. Solcherlei Interpretationen empfindet der frühere Hauptgeschäftsführer der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) und heutige Vorsitzende des Gemeinsamen Bundes­aus­schusses, Dr. Rainer Hess, als Geschichtsklitterei. Er hält sich (und der KBV) zugute, die Polikliniken durch eine „unbürokratische Vergütungsregelung“ in Anlehnung an vergleichbare Arztgruppen der West-länder, minus dem „Einigungsvertragsabschlag“ von 50 Prozent, sogar gesichert zu haben. Die Polikliniken hätten sich, wenn sie wollten, ihr Geld bei der KBV in Köln in bar abholen können. Eine dauerhafte Lösung hätte es nur geben können, wenn sich für die Polikliniken ein überörtlicher Träger gefunden hätte.

Die Suche danach erübrigte sich. Denn von 1991 an rollte in Ostdeutschland eine beispiellose Niederlassungswelle. 1994 waren bereits 97 Prozent der Ärztinnen und Ärzte in freier Praxis tätig, die Polikliniken marginalisiert. Nach Ansicht von Dr. med. Michael Burgkhardt, der in Leipzig eine große Poliklinik geleitet hat und sich nach der Wende niederließ, zu Recht. Die Polikliniken der DDR seien „leistungsunfähige, überblähte Gebilde“ gewesen, wegen ihrer Zentralisierung habe es keine wohnortnahe Versorgung gegeben: „Es ging der DDR darum, sich mittels der Polikliniken des niedergelassenen Arztes zu entledigen.“ Und die MVZ? Die dienten doch nur den Klinikbetreibern als Zuweiser, meint Burgkhardt: „Mir hat noch keiner den Vorteil für den Patienten gezeigt.“

Lakonisch fiel in einem früheren Interview mit dem Deutschen Ärzteblatt das Urteil von Prof. Dr. med. Wolfgang Böhmer aus, heute Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, in der DDR Chefarzt eines Krankenhauses in Wittenberg. Über die Kollegen, die aus der Poliklinik in die Praxis strebten, sagte er: „Da gab es Gutgläubige, da gab es Misstrauische, und da gab es auch welche, die man drängeln musste. Einige Kollegen haben sich gern niedergelassen, weil sie gehört hatten, dass man da angeblich viel Geld verdienen könne. Andere haben das zähneknirschend gemacht.“

Abgewogen urteilt Richter-Reichhelm: „Die zentrale Frage war, wie die Kollegen im Osten weitermachen wollten. Wir haben in Berlin viel mit der Basis gesprochen. Die Ost-West-Integration ist uns gut gelungen. Aber vielleicht hätte man den damals von manchem Ostkollegen empfundenen Eindruck mildern müssen, dass den Kollegen ein System übergestülpt worden ist.“

Von der Eigendynamik und Geschwindigkeit der gesellschaftlichen Veränderung waren nicht nur Politiker, sondern auch die ärztlichen Akteure der ersten Stunde überrascht. Etwa Kirchner: Nach der Wende habe man gestalten wollen, doch das Beitrittstempo habe das verhindert. Burgkhardt resümiert: „Immer wenn wir gestalten wollten, war der Prozess schon weiter.“

Das hat in ähnlicher Form Dr. med. Burkhard John erlebt, der sich von Anfang an für die KV in Sachsen-Anhalt engagierte und heute deren Vorstand ist: „Es war überhaupt nicht die Zeit für Diskussionen, welche Elemente des DDR-Gesundheitswesens man erhalten könnte. Es herrschte ein derart hohes Tempo, man konnte die Entwicklung nicht bremsen.“

Wer warnte, galt schnell als Parteigenosse von gestern
Ideologische Vorbehalte spielten auch nach Ansicht des Kinderchirurgen Mau eine Rolle dabei, dass sich Einrichtungen der DDR nicht durchsetzen konnten: Wer vor den Risiken der Freiberuflichkeit warnte oder für eine Fortentwicklung spezifischer Versorgungsformen wie Polikliniken und Ambulatorien plädierte, wurde häufig kritisiert, entweder als Parteigänger der SED oder als Ewiggestriger, sagt er.

Dennoch: „Wir haben uns mehr als gefreut, dass es zu dieser Wende gekommen ist“, bekennt Diettrich. Und Burgkhardt sagt: „Der Umbruch – das war die glücklichste Zeit meines Lebens.“ Kirchner hält den Umbruch für „das Tollste, was Europa hat erleben können“.

Politisch zurückgezogen hat sich Süß, die frühere Bürgerrechtlerin. Im Gespräch darüber wirkt sie erleichtert, wenn auch enttäuscht: Darüber, dass bei der Volkskammerwahl am 18. März 1990 das Bündnis 90, in dem sich diverse Bürgerrechtler zusammengeschlossen hatten, lediglich 2,9 Prozent der Stimmen bekam. Dabei hatte man geglaubt, die Wähler würden honorieren, dass die Bürgerbewegung die friedliche Revolution in der DDR voranbrachte. Dieses Wahlergebnis hat sie und ihre Freunde indes von der „bedrückenden moralischen Verpflichtung“ befreit, Staatspolitik machen zu müssen – eine Aufgabe, der man sich eigentlich nicht gewachsen fühlte, wie sie heute erinnert.

Anders Diettrich und Kirchner, Burgkhardt und Mau sowie etliche Kolleginnen und Kollegen. Sie machten sich zur Wende daran, die Ärzteschaft zu organisieren, Kammern zu gründen und KVen aufzubauen, aber ebenso Berufsverbände – ihr Beitrag zum Umbruch der Verhältnisse.
Norbert Jachertz, Sabine Rieser

@Langfassungen der einzelnen persönlichen Statements im Internet: www.aerzteblatt.de/10184

Anzeige
System übergestülpt? Jein . . .
„Die zentrale Frage nach der Wende war, wie die Kollegen im Osten beruflich weitermachen wollten. Dass viele ältere lieber in der Poliklinik bleiben und sich nicht niederlassen wollten, blieb keinem verborgen. Es gab aber Puristen unter meinen Kollegen, die nur Niederlassungen oder Ermächtigungen von Klinikärzten akzeptieren wollten, sonst nichts . . . Wir haben in Berlin viel mit der Basis gesprochen. Die Ost-West-Integration ist uns gut gelungen. Aber vielleicht hätte man den damals von manchem Ostkollegen empfundenen Eindruck mildern müssen, dass den Kollegen ein System übergestülpt worden ist.“

Dr. med. Manfred Richter-Reichhelm war zur Zeit des Mauerfalls Vorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Berlin. Weshalb er in der Nacht der Maueröffnung arbeitete und nicht feierte und warum er es später schwierig fand, Verstrickungen ostdeutscher Kollegen in das DDR-System realistisch einzuschätzen, unter: www.aerzteblatt.de/10184

Das passte nicht ins System
Berufspolitisch glaubt Kirchner einiges bewegt zu haben: So habe man den Facharzt für Psychotherapie durchsetzen können, und die psychosomatische Grundversorgung, die schon in der DDR bekannt war, habe auf ganz Deutschland ausgedehnt werden können.

1989, noch zu Zeiten der DDR, hat Kirchner sich für Änderungen der Poliklinikstrukturen eingesetzt. Er wollte die Hausärzte in den Wohngebieten einsetzen, die Spezialisten sollten in den Polikliniken bleiben. Auch Konzepte für ein integriertes Krankenhaus mit Akut-, Reha- und Anschlussheilbehandlung in einem Hause gab es. Doch „das passte nicht ins System der BRD“.

Dr. med. Roger Kirchner ist niedergelassener Psychotherapeut in Cottbus. Er war der erste Präsident der Ärztekammer Brandenburg. Warum er meint, dass die Anfänge der Kammer nicht lupenrein demokratisch waren und warum der Umbruch unter dem Strich das Tollste für Europa war, unter: www.aerzteblatt.de/10184

wer kritisierte, war SED
„Das Entscheidende waren die Verlockungen der Freiheit und des Geldes. Viele Ärzte wollten sich niederlassen und endlich machen, was sie wollten – ohne Parteisekretär. Das war die freiwillige Entscheidung der Mehrheit der DDR-Ärzte. In den ersten Jahren erfüllten sich die Erwartungen ja auch auf das Schönste. Wer erzählt, dass es den Ärzten gleich ganz schlecht ging, der lügt.“
Noch etwas erinnert Mau: Wer vor den Risiken der Freiberuflichkeit warnte oder, wie der Virchow-Bund im Frühjahr 1990, für eine Fortentwicklung spezifischer Versorgungsformen wie Polikliniken und Ambulatorien plädierte, wurde häufig kritisiert: entweder als Parteigänger der SED oder als ewig Gestriger.

Prof. Dr. med. Harald Mau arbeitete vor und nach der Wende als Leiter der Kinderchirurgie an der Charité. Er hat den Virchow-Bund mitbegründet. Warum Vereinsgründungen ohne Kopierer schwierig sind und warum wir seiner Meinung nach trotz allem das beste Gesundheitssystem der Welt haben, unter: www.aerzteblatt.de/10184

Friedliche Auflösung
Das entscheidende Datum der gesellschaftspolitischen Wende in der DDR sei der 9. Oktober 1989 gewesen, denn da sei in Leipzig die Entscheidung gefallen, „dass die Krise des Systems in einen friedlichen Auflösungsprozess überging“. Damals demonstrierten in Leipzig circa 70.000 Menschen auf der Straße. Das magere Wahlergebnis von 2,9 Prozent bei der Volkskammerwahl am 18. März 1990 enttäuschte Süß und ihre Freunde aus der DDR-Bürgerbewegung zwar, es befreite sie aber andererseits „von der bedrückenden moralischen Verpflichtung, Staatspolitik machen zu müssen“.

Dr. med Sonja Süß, Mitbegründerin des „Demokratischen Aufbruchs“, 1990 Leipziger Sprecherin von „Demokratie jetzt“, promovierte über die NS-Krankenmorde in Waldheim und wurde bekannt durch ihre Untersuchung zur Psychiatrie und Staatssicherheit in der DDR. Heute ist sie als Fachärztin für Neurologie und Psychiatrie in Berlin niedergelassen. Ein Interview mit ihr zur Psychiatrie in der DDR findet man unter: www.aerzteblatt.de/091882

Den Staat entmiefen
Er glaubte wie viele in der DDR, es werde zu einem föderalen Staatsgebilde aus BRD und DDR kommen: „Ich dachte an eine Renovierung der DDR, mit Elementen des Kapitalismus. Und dass wir den Staat entmiefen.“ Die Eigendynamik und Geschwindigkeit der gesellschaftlichen Veränderungen haben Burgkhardt überrascht: „Immer wenn wir gestalten wollten, war der Prozess schon weiter.“

Dr. med. Michael Burgkhardt, Hausarzt und Kommunalpolitiker im Leipziger Stadtrat, war zur Wende Ärztlicher Direktor der Poliklinik Leipzig-Ost. Warum er Polikliniken kritisch sieht und was er zu -Stasi-Überprüfungen gelernt hat, unter: www.aerzteblatt.de/10184

Ein Fan der Kammer
„Eine Kammer muss sein, selbst wenn man den Staat beseitigt. Ich bin mit mehr Abstand ein noch größerer Fan der Selbstverwaltung geworden.“ In Sachsen konstituierte sich die Ärztekammer formal am 20. April 1991. „Wir haben alles sofort angefangen. Ich frage mich heute, wie wir das überhaupt gemacht haben.“

Prof. Dr. med. habil. Heinz Diettrich war bis 1999 Präsident der Sächsischen Lan­des­ärz­te­kam­mer. Der Chefarzt der Chirurgie arbeitete vor der Wende als Oberarzt an der Medizinischen Akademie Dresden. Wie er die gesundheitspolitische Entwicklung seit der Wende beurteilt und warum es ein Fehler war, die Polikliniken abzuschaffen, unter: www.aerzteblatt.de/10184

Wir waren alle unter Spannung
„Der Neubau eines Ärztehauses bedeutete damals eine große Investition, mit der wir alle schlecht schlafen konnten. Gleichzeitig waren wir auch sehr optimistisch. Wir sind ja nicht aus dem Nichts gestartet, sondern nahmen unsere Patienten sozusagen mit. Es war uns schnell klar, dass wir eine halbwegs vernünftige Vergütung erhalten würden.“

Dr. med. Burkhard John war Ende 1989 im Ambulatorium eines Traktorenwerks tätig und ließ sich dann als Allgemeinmediziner mit Kollegen in einem Ärztehaus nieder. Heute ist er Vorstand der KV Sachsen-Anhalt. Weshalb es weder im Osten noch im Westen schnell Ideen für einen dritten Weg gab, unter: www.aerzteblatt.de/10184

Kommune gegen Poliklinik
„Die Zerschlagung der Polikliniken ist das Werk der Kommunen gewesen, nicht das der KVen. Die Kommunen wollten damals Polikliniken und Ambulatorien loswerden. Die Ärzte im Osten dagegen wollten sich zwar frei niedergelassen, aber nicht unbedingt vereinzelt.

Ich erinnere mich, dass Regine Hildebrandt ein Investitionsförderprogramm für Polikliniken auflegte: 117 Millionen DM für 24 Einrichtungen. Die Investitionen, mit denen ostdeutsche Ärzte ihre Niederlassung privat finanzierten, im Durchschnitt rund 250 000 DM, hätte der Staat doch niemals aufbringen können.“

Dr. med. Hans-Joachim Helming war zur Zeit des Mauerfalls niedergelassener Gynäkologe. Heute ist er Vorstand der KV Brandenburg. Wie unvorstellbar es war, dass unterschiedliche Finanzierungssysteme Gräben zwischen ambulanter und stationärer Versorgung errichten, und warum er sich für seine KV manchmal den Schwung der ersten Jahre zurückwünscht, unter: www.aerzteblatt.de/10184

Vom Floss ins Schnellboot
Was hält er von dem Vorwurf, die DDR hätte auf einem dritten Weg auch für das Gesundheitswesen bestehen sollen? „Sicherlich eine Möglichkeit, aber dafür war keine Zeit. Wenn Sie von einem Floß auf ein Schnellboot springen sollen, haben Sie nur ein sehr kleines Zeitfenster.“

Und warum haben er und andere nicht offen mit den Partnern in der KV Schleswig-Holstein über ihre Vorstellungen gesprochen, wenn sie diese doch als gute Aufbaupartner schätzen gelernt hatten? „Aus dem damaligen Respekt vor den Partnern haben wir Dinge, die für uns eigentlich relevant waren, nicht nachhaltig verfolgt – und bissig wäre es ja gelaufen.“

Dr. med. Dietrich Thierfelder war zur Zeit des Mauerfalls niedergelassener Gynäkologe in Schwerin. Heute ist er Vorstand der KV Mecklenburg-Vorpommern. Was eine mitreißende Rede bewirken kann und warum er trotz der Freude über den Mauerfall Zeit brauchte, sich umzugewöhnen, unter: www.aerzteblatt.de/10184

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema