ArchivDeutsches Ärzteblatt5/2010Aidsbekämpfung: Druck von unten notwendig

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Aidsbekämpfung: Druck von unten notwendig

Dtsch Arztebl 2010; 107(5): A-188 / B-168 / C-164

Meyer, Petra

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Aufklärung auf der Straße: „Ohne Prävention kriegen wir das Problem nicht in den Griff.“ Foto: dpa
Aufklärung auf der Straße: „Ohne Prävention kriegen wir das Problem nicht in den Griff.“ Foto: dpa
Auch in Zeiten der Finanzkrise und des Klimawandels muss die weltweite Bekämpfung von HIV/Aids Priorität haben.

HIV/Aids hat die Welt verändert. Blickt man allein auf die Gelder, die in den vergangenen Jahren für die Bekämpfung der HIV-Epidemie bereitgestellt wurden, zeigt sich der enorme Wandel: Waren es 1996 ganze 300 Millionen US-Dollar, so stieg der Betrag bis 2008 auf 13,7 Milliarden US-Dollar. Doch auch diese Summe reicht nicht aus, um alle Menschen, die eine Behandlung benötigen, zu therapieren. UNAIDS (The Joint United Nations Programme on HIV/Aids) zufolge sind jährlich 25 Milliarden US-Dollar notwendig, um einen universellen Zugang zur Prävention, Behandlung, Pflege und Unterstützung zu erreichen. Denn darauf haben sich die Vereinten Nationen 2006 verständigt, und auch die G-8-Staaten haben sich seitdem mehrfach dazu verpflichtet.

Nach UNAIDS lebten 2008 weltweit 33 Millionen Menschen mit dem HI-Virus – zwei Drittel von ihnen in Afrika südlich der Sahara. Mit 30,8 Millionen HIV-Infizierten im Alter von 15 bis 49 Jahren schlug das Virus insbesondere bei der wirtschaftlich aktiven Bevölkerung zu.

Trotz dieser erschreckenden Zahlen gibt es auch eine gute Nachricht: Vor allem der zivilgesellschaftliche Druck hat bewirkt, dass die Bekämpfung der Krankheit auf die politische Agenda gesetzt wurde. Es waren vor allem Aidsaktivisten, Selbsthilfegruppen und Nichtregierungsorganisationen, die sich für mehr Geld im Kampf gegen Aids einsetzten und die bewiesen, dass auch in armen Ländern Menschen mit den überlebenswichtigen antiretroviralen Medikamenten behandelt werden können. „Ohne dieses zivilgesellschaftliche Engagement wären die bisherigen Erfolge in der Aidsbekämpfung nicht möglich gewesen“, behaupten Sonja Weinreich und Christoph Benn in der Neuauflage ihres kürzlich veröffentlichten Buchs über HIV/Aids.* Sie skizzieren darin die wichtigsten Entwicklungen im Kampf gegen Aids von den Anfängen bis heute.

Lokale Akteure einbeziehen
Das Buch positioniert sich auch eindeutig für ein Gleichgewicht in Sachen Prävention und Behandlung. Beides sei nötig, denn das eine ohne das andere greife zu kurz. Tobias Luppe von der Hilfsorganisation Oxfam teilt diese Sicht: „Die Neuinfektionsraten sind einfach zu hoch. Auf jeden Patienten, der behandelt wird, kommen drei Menschen, die sich neu mit HIV infizieren. Ohne Prävention kriegen wir das Problem nicht in den Griff.“ Einfache Antworten sind indes nicht zu erwarten. In Sachen Prävention wurden viele Lektionen gelernt. Aufklärungskampagnen müssen von der Abstinenz- und Kondomfrage entideologisiert werden, die richtige Sprache und Botschaft finden und vor allem die lokalen Akteure miteinbeziehen.

Auch wenn es vor zehn Jahren noch undenkbar war, dass heute circa vier Millionen HIV-Infizierte mit antiretroviralen Medikamenten behandelt werden, der Erfolg hat einen Pferdefuß. Denn immer öfter bilden sich Resistenzen gegen die Medikamente der ersten Therapielinie, die mittlerweile erschwinglich sind. Die Arzneimittel der zweiten Therapielinie jedoch sind um ein Vielfaches teurer und für viele Entwicklungsländer unbezahlbar. Hinzu kommt, dass in Entwicklungsländern auf kostengünstige Medikamente zurückgegriffen wird, die in den Industrieländern als veraltet gelten. Würde nur eine Komponente der eingesetzten Kombinationspräparate ausgewechselt, schössen Tobias Luppe zufolge die Preise gleich in die Höhe.

Zweiklassenmedizin
Die Zweiklassenmedizin zeigt sich auch an anderer Stelle. In Ländern wie den USA wird die Behandlung von HIV-Infizierten mit antiretroviralen Medikamenten empfohlen, sobald ihre CD4-Zellen unter den Wert von 350 rutschen. In Entwicklungsländern beginnen Mediziner die Behandlung meist erst bei einem Wert unter 200. Würden gleiche Standards benutzt, müssten in den armen Ländern viel mehr Menschen behandelt werden. Doch schon jetzt reichen die Mittel nicht aus.

Es ist daher unverzichtbar, dass sich zivilgesellschaftliche Gruppen weiterhin dafür einsetzen, dass die Preise für antiretrovirale Medikamente sinken. Die Aidsaktivisten können hier auf beachtliche Erfolge verweisen. Während anfangs die Kosten einer Standardtherapie bei etwa 10 000 US-Dollar je Patient und Jahr lagen, sanken sie durch die Produktion von Generika auf weniger als 100 US-Dollar jährlich pro Patient. Zudem haben sich die Aktivisten mit Nachdruck für den Vorrang von Menschenleben vor Patentmonopolen eingesetzt. Petra Meyer
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