ArchivDeutsches Ärzteblatt10/1996Menschenrechtsverletzungen in Waisenhäusern: Chinas vergessene Kinder

POLITIK: Das Interview

Menschenrechtsverletzungen in Waisenhäusern: Chinas vergessene Kinder

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LNSLNSLNSLNS Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch/Asia hat im Januar einen 350 Seiten starken Bericht veröffentlicht. Er belegt, daß jedes Jahr Tausende von Kindern in chinesischen Waisenhäusern sterben, weil sie weder ausreichend ernährt noch medizinisch versorgt werden. Dem Bericht liegen sowohl offizielle Statistiken und Dokumente als auch Augenzeugenberichte zugrunde. Dr. Zhang Shu-Yun hat fünf Jahre lang als Ärztin am Shanghai Children's Welfare Institute gearbeitet. Ihr ist es gelungen, Human Rights Watch eine Fülle von Material zur Verfügung zu stellen, das exemplarisch die katastrophalen Zustände im Shanghaier Waisenhaus belegt. Sie wurde wegen ihrer offenen Kritik 1993 aus dem Dienst entlassen und floh im März vergangenen Jahres aus China. Dem Deutschen Ärzteblatt gegenüber wiederholte sie ihre Vorwürfe gegen die Verantwortlichen des Waisenhauses, das inzwischen der chinesischen Führung als "Vorzeige-Institution" dient.


DÄ: Dr. Zhang, was war Ihre Aufgabe im Waisenhaus?
Zhang: Ich habe dort als Ärztin gearbeitet. Zwei- bis dreimal im Monat mußte ich die Kinder im Waisenhaus untersuchen und medizinisch versorgen. Außerdem war ich zuständig für andere medizinische Einrichtungen wie das Labor.
DÄ: Wie viele Ärzte gab es im Waisenhaus, und wie war das Verhältnis Kinder/Mitarbeiter?
Zhang: Wir waren ungefähr 20 Ärzte und 20 Krankenschwestern. Neben Ärzten und Schwestern gab es noch die Pfleger sowie die Verwaltungskräfte, Putzpersonal usw. Die Pfleger haben keinerlei Ausbildung. Die meisten von ihnen sind Freunde oder Verwandte der Funktionäre des Waisenhauses, weil sie für ihre Arbeit dort sehr gut bezahlt werden. Die Krankenschwestern sind alle ausgebildet. Sie haben alle die Schwesternschule absolviert.
DÄ: Wie viele Kinder gab es im Waisenhaus?
Zhang: Wir hatten ungefähr 360 Waisenkinder und 60 Kinder, die zwar noch Eltern hatten, aber behindert waren. Sie sollten im Heim therapeutisch betreut werden. Die gesamte Belegschaft des Waisenhauses, Ärzte, Schwestern, Pfleger, Funktionäre, Verwaltung betrug ungefähr 360.
DÄ: Ist der Anteil der Mädchen im Waisenhoch besonders hoch?
Zhang: Ja, absolut. Sie stellen die Mehrheit der Kinder. Als Beispiel: Im Monat Januar 1993 wurden 26 Kinder aufgenommen, davon waren nur zwei Jungen, alle anderen waren Mädchen. Oder im nächsten Monat, im Februar, gab es 29 Neuaufnahmen, von denen nur sechs Jungen waren und 23 Mädchen. Als sie im Heim ankamen, waren sie gesundheitlich wohlauf. Aber nur wenige Wochen oder Monate später wurden sie krank, und innerhalb eines Jahres waren sie tot.
DÄ: Das ist einer der Hauptvorwürfe gegen das Waisenhaus, das bewußte Sterbenlassen der Kinder. Was sind Ihrer Ansicht nach die Gründe für ein solches Verhalten?
Zhang: Die Kinder waren Säuglinge, als sie zu uns kamen. Sie bekamen weder genug zu essen noch zu trinken. Daraufhin wurden sie krank und wieder nicht ausreichend versorgt. Sie erhielten keine ausreichende medizinische Versorgung, keine Medikamente oder Injektionen. Ihr Zustand verschlimmerte sich immer mehr, und sie starben.
DÄ: Was ist der Grund dafür, daß sie keine Medikamente erhielten? Sind sie in China nicht verfügbar?
Zhang: Nun, Shanghai ist die zweitgrößte Stadt in China. Deshalb haben wir dort weder einen Mangel an Ärzten noch an medizinischer Versorgung oder Medikamenten. Es gibt diese Dinge. Sie werden den Kindern nur vorenthalten. Es ist dasselbe mit dem Essen. Milch und Porridge werden eher in die Toilette gekippt, als sie den Kindern zu geben.
DÄ: Wer ist denn verantwortlich für ein solches Vorgehen? Ist es den Pflegern, die die Kinder füttern und sie leiden sehen, egal, was mit ihnen geschieht?
Zhang: In erster Linie sind natürlich die Waisenhaus-Funktionäre dafür verantwortlich. Und die Pfleger sind nicht ausgebildet für ihre Tätigkeit. Außerdem sehen sie mit an, wie Funktionäre die Kinder mißhandeln, sie schlagen, mit ihnen machen, was sie wollen, sie sogar vergewaltigen. Das bringt sie dazu zu denken, nun, diese Leute werden auch nicht bestraft. Sie tun folglich, was sie wollen, und machen sich das Leben einfach: sie füttern die Kinder nicht, pflegen sie nicht, nehmen sie nie in den Arm. Der ehemalige Direktor des Waisenhauses, Han Weicheng, hat mehrere weibliche Teenager vergewaltigt und wurde nicht dafür belangt. Das beeinflußt die Haltung des Pflegepersonals.
DÄ: Wie konnte das Waisenhaus die Zustände so lange vertuschen?
Zhang: Die Stadtverwaltung in Shanghai, der Bürgermeister, die Funktionäre sind korrupt. Ihnen sind die Waisen egal, außerdem arbeiten viele ihrer Verwandten dort. Sie haben einfach versucht, die ganze Geschichte zu vertuschen. Mittlerweile ist das Waisenhaus eine Vorzeige-Institution. Es ist geöffnet für ausländische Besucher, und dadurch ergeben sich für das Personal hervorragende Möglichkeiten. Sie können ins Ausland reisen, sich im Ausland weiterbilden und erhalten viele Spenden aus dem In- und Ausland. Von diesen Möglichkeiten profitieren die Funktionäre und wollen dementsprechend nicht, daß irgend etwas nach außen dringt.
DÄ: Dr. Zhang, halten Sie diese Kinder für Opfer der chinesischen Ein-Kind-Politik?
Zhang: In gewisser Weise schon. Viele Eltern setzen ihre Kinder deswegen aus, oft nur, weil sie wollen, daß ihr Kind ein Junge ist. Sie suchen jemanden, der sich um die Kinder kümmert, und sind der Auffassung, daß das der Staat tun kann. Also setzen sie die Kinder an öffentlichen Plätzen aus, von wo aus sie ins Waisenhaus kommen.
DÄ: Was halten Sie persönlich von der Ein-Kind-Politik?
Zhang: Aufgrund unserer hohen Bevölkerungszahlen halte ich eine Kontrollpolitik für notwendig. Auf der anderen Seite kritisiere ich die Eltern, die ihre Mädchen aufgrund der Ein-Kind-Politik aussetzen. Dennoch, als Staat, als Gesellschaft haben wir die öffentlichen Mittel, um uns um diese ausgesetzten Kinder, zum Beispiel in Waisenhäusern, zu kümmern. DÄ: Sie haben es durchgesetzt, daß die städtischen Behörden die Situation im Waisenhaus offiziell untersuchen. Sind Sie dabei unterstützt worden von Angestellten oder Behörden? Was kam dabei heraus?
Zhang: Von 1988 bis 1991 haben zehn Angestellte des Waisenhauses und ich einen Appell unterzeichnet. Meine Kollegen und einige andere Mitarbeiter haben mich dabei unterstützt. Die örtlichen Behörden waren nicht begeistert von unserem Appell.
DÄ: Und er hatte keinen Effekt?
Zhang: Doch, es wurde eine Untersuchung in unserem Waisenhaus gestartet, die jedoch den Zweck hatte, unsere Behauptungen zu widerlegen und uns als Lügner darzustellen. Sie haben den Rest der Belegschaft dazu gebracht, falsche Aussagen zu machen. Diejenigen, die den Appell mitgetragen und mich unterstützt haben, sind in andere Institutionen zwangsversetzt oder entlassen worden.
DÄ: Sie wurden 1993 entlassen. Was waren die Gründe?
Zhang: Ende 1989 wurde ich zum "vorbildlichen Arbeiter" in unserem Waisenhaus gewählt und war außerdem Kandidatin für den städtischen Volkskongreß. Die städtischen Be-hörden waren damit jedoch nicht einverstanden und zwangen den Bürgermeister, die Wahlergebnisse zu ändern. Ich habe allerdings das Waisenhaus nicht verlassen. Weil ich wußte, daß die Kinder mißhandelt werden, war ich entschlossen, das zu dokumentieren und die wahre Geschichte zu erzählen.
Ich habe noch bis Juni 1993 im Waisenhaus gearbeitet, und dann wurde ich gezwungen zu gehen. Als ich das Gefühl hatte, daß es zu gefährlich ist, in China zu bleiben, und ich außerdem dort nichts tun konnte, um die Situation der Kinder zu verbessern, habe ich mich entschlossen, China zu verlassen. Das war im März 1995.
DÄ: Welches Material haben Sie aus China herausgeschmuggelt?
Zhang: Ich habe mehr als zehn Kilo an Dokumenten mitgenommen. Darunter Photos von sterbenden Kindern, Krankenakten, sogar offizielle Dokumente der Stadtverwaltung.
DÄ: Die britischen Journalisten Kate Blewett und Brian Woods haben einen Dokumentarfilm gedreht, der die Situation in sechs Waisenhäusern in verschiedenen chinesischen Provinzen schildert. Der Film hat den Titel "Todeszimmer". Können Sie die Behauptungen des Films bestätigen?
Zhang: Die beiden Journalisten haben ihren Film gemacht, bevor ich die Zustände in Shanghai geschildert habe. Sie haben andere Waisenhäuser besucht und waren nicht in unserer Institution. Ich würde dennoch sagen, die Ergebnisse ihrer Nachforschungen sind korrekt und wahr.
DÄ: Welche Änderungen erhoffen Sie sich dadurch, daß Sie die Mißstände öffentlich angeprangert haben?
Zhang: Zunächst hoffe ich, daß all die, die über Jahre hinweg die Kinder mißhandelt haben, bestraft werden. Außerdem hoffe ich, daß die Menschenrechte der Waisenkinder anerkannt werden.
DÄ: Was müßte Ihrer Ansicht nach getan werden, um die Situation der Kinder zu verbessern?
Zhang: Zunächst muß Druck ausgeübt werden auf die chinesische Regierung. Sie muß zugeben, daß es Mißstände gibt, daß die Menschenrechte der Waisen nicht geachtet werden. Außerdem müssen die Mitarbeiter eine ausreichende Ausbildung erhalten. Außerdem fände ich es besser, wenn das Waisenhaus in Shanghai von einer karitativen Organisation geleitet würde.
DÄ: Wissen Sie etwas Neues über staatlichen Druck auf Freunde oder Familie?
Zhang: Wir wurden alle als Lügner bezeichnet. Freunde, Verwandte, mein Bruder sind festgenommen worden. Sie wurden nach drei Tagen wieder freigelassen, sind aber immer noch unter Aufsicht gestellt. Die Journalisten und Juristen, die mich bei meinem Bericht unterstützt haben, sind alle von den Behörden gewarnt worden, fremden Journalisten Interviews zu geben.
DÄ: Dr. Zhang, was sind Ihre Pläne für die Zukunft?
Zhang: Ich versuche immer noch, mit internationaler Unterstützung die Situation der Kinder in den Waisenhäusern zu verbessern. Wenn möglich, würde ich gerne einen Fonds einrichten, aus dessen Mitteln wir Hilfe für die Waisenhäuser leisten können. Außerdem versuche ich, ausländische Regierungen dazu zu bewegen, das Verhalten der chinesischen Regierung zu verurteilen, sie daran zu hindern, diese Kinder zu verfolgen.


Das Interview mit Dr. Zhang führte Heike Korzilius. Die chinesische Dolmetscherin war Xiao Yan Jin.

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