ArchivDeutsches Ärzteblatt5/2010Arztgeschichte: Die Sache mit dem Käse

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Arztgeschichte: Die Sache mit dem Käse

Dtsch Arztebl 2010; 107(5): [112]

Tasche, Thomas

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Zeichnung: Elke R. Steiner
Zeichnung: Elke R. Steiner
„Mein Tipp mit dem Käse vom letzten Jahr sei ihn zwar teuer zu stehen gekommen, habe sich aber als Volltreffer erwiesen.“

Dr. W. ist mir seit einem Vierteljahrhundert als Patient bekannt. Er straft das böse Wort lügen, nach dem Männer sich bis zum 14. Lebensjahr entwickeln und danach nur noch wachsen. Bei Dr. W. verhält es sich genau andersher - um: Sein Körper behielt die knabenhafte Gestalt eines Heranwachsenden, während sein Geist sich zu schöner Blüte entfaltete. Davon zeugen ein akademischer Titel in einer Geisteswissenschaft, eine dicke Brille und ein imposanter, den zarten Körper krönender Gelehrtenschädel mit weißem Haarkranz und Denkerstirn. Er kommt jährlich zu seiner routinemäßigen Augenkontrolle.

Eine Staroperation hat ihm seine lebensnotwendige Lesefähigkeit bis in das längst angebrochene neunte Lebensjahrzehnt erhalten. Der Patient ist rüstig, vital und freut sich des Lebens.. Wenn nur das nachlassende Gehör und die lästigen Beschwerden nicht wären, die ihm seine Conjunctivitis sicca bereitet.

Bei seinem letzten Besuch nun sprudelte es aus Dr. W. heraus, kaum dass die üblichen Grußformeln ausgetauscht waren und ohne dass er meine einleitende Frage nach dem Befinden abgewartet hätte: Mein Tipp mit dem Käse vom letzten Jahr sei ihn zwar teuer zu stehen gekommen, habe sich aber als Volltreffer erwiesen. Seine Augenbeschwerden seien praktisch nicht mehr existent, ja, er stünde nicht an, sich als geheilt zu bezeichnen, nachdem er den Käse gewechselt habe . . . Diese mit Emphase vorgetragene Gesprächseröffnung machte mich rat- und zunächst sprachlos. Wohl versuche ich – auch als hochschulgebildeter Organmediziner – den Menschen ganzheitlich zu sehen, aber Ernährungsratschläge gebe ich eher selten. Käse betreffende Einlassungen gehören eindeutig nicht zu meinen Beratungsgewohnheiten. Ich machte, um Zeit zu gewinnen, ein unbestimmtes Geräusch, etwa „mmh“ und gab diesem durch eine Stimmhebung am Ende einen fragenden Tonfall, um den Patienten zum Weitersprechen zu ermuntern. „So, der Käse?“, fragte ich schließlich, da der Patient, wohl in der Annahme, alles gesagt zu haben, schwieg.

Ich hätte ihm ja vor einem Jahr auseinandergesetzt, setzte Dr. W. dann seine Ausführung fort, dass seine Augenprobleme von dem falschen Käse herrührten. Dies habe ihn bewogen, seine Ernährungsgewohnheiten umzustellen und sich an Schweizer Käse zu gewöhnen. Dieser sei ihm, wie erwähnt, zwar eigentlich zu teuer, habe aber eine so verblüffende Heilwirkung gezeitigt, dass er sein Lebtag lang bei dieser Nahrungsvariante zu bleiben gedenke. Kein Tränen mehr, kein Brennen, es gehe ihm blendend.

Jetzt war bei mir endlich der Groschen gefallen: Statt „schlechte Tränen“ hatte Dr. W. „schlechter Käse“ verstanden (die Ohren!) und entsprechend gehandelt. Mir blieb nur, meinen dankbaren Patienten zu seiner Heilung zu beglückwünschen.

Diesen lupenrein alternativmedizinischen Heilerfolg teile ich hier mit, damit nachfolgende Medizinergenerationen sich dieses völlig zu Unrecht vernachlässigten Teilgebiets der Augenheilkunde annehmen mögen. Hinzufügen möchte ich, dass ich keinesfalls von der Schweizer Milchprodukte-Industrie gesponsert wurde oder werde und stelle vielmehr anheim, eine Versuchsreihe mit inländischen Milcherzeugnissen ins Leben zu rufen. Das Kochen mit regionalen Produkten wird schon lange für die moderne Küche gefordert. Uns Heilern sollte der Griff ins heimische Kühlregal, so meine ich, zur selbstverständlichen Gewohnheit werden. Wer von uns hätte nicht zum Beispiel schon Quarkpackungen empfohlen?

Letzte Anmerkung: Immer gibt es Zweifler, Nörgler und Übelmeinende, die bahnbrechende Neuerungen in der Wissenschaft nicht anerkennen wollen, gerade, wenn und weil sie von uns universitätsfernen Praktikern ans Licht gebracht werden. Diesen Kollegen sei abschließend entgegengehalten, dass umwälzenden Entdeckungen von jeher ein starkes Moment des Zufalls innewohnt. Man denke nur an die Entdeckung Amerikas, des Penicillins oder der Flaschengärung. Dr. med. Thomas Tasche
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