ArchivDeutsches Ärzteblatt PP2/2010Gesundheitsversorgung In Afghanistan: Basismedizin rettet Leben

POLITIK

Gesundheitsversorgung In Afghanistan: Basismedizin rettet Leben

PP 9, Ausgabe Februar 2010, Seite 60

Schmitt-Sausen, Nora

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Lokaler Ansatz: Einheimische Gesundheitsberaterinnen klären Frauen zu medizinischen Fragen auf. Hilfsorganisationen schulen die Afghaninnen dafür. Foto: Mats Lignell/Save the Children
Lokaler Ansatz: Einheimische Gesundheitsberaterinnen klären Frauen zu medizinischen Fragen auf. Hilfsorganisationen schulen die Afghaninnen dafür. Foto: Mats Lignell/Save the Children
Die internationale Staatengemeinschaft sucht eine Strategie zum Wiederaufbau Afghanistans. Auch das Gesundheitssystem ist kollabiert. Das Land hat weltweit die zweithöchste Kindersterblichkeit.

Gleich nach der Geburt wird das Neugeborene auf den Fußboden gelegt. So schreibt es die afghanische Tradition vor. Mit dieser Geste wird das Kind in die Gemeinschaft aufgenommen. Doch nicht viele afghanische Neugeborene haben Aussicht auf ein langes Leben: Eins von vier Kindern stirbt, bevor es seinen fünften Geburtstag erlebt. Das Land hat nach Angaben des UN-Kinderhilfswerks UNICEF weltweit die zweithöchste Kindersterblichkeit. Nur im westafrikanischen Sierra Leone verlieren noch mehr Mädchen und Jungen im Kleinkindalter ihr Leben. Gründe für die hohe Kindersterblichkeit sind gravierende Defizite in der medizinischen Grundversorgung: Neugeborene sterben an Komplikationen wie Atemstillstand, Blutvergiftung oder nach einer Frühgeburt, bei älteren Kindern sind Durchfall und Lungenentzündung die häufigsten Todesursachen. Elementar: In vielen Regionen fehlt der Zugang zu sauberem Trinkwasser.

Kinder treffen die Defizite in der medizinischen Versorgung am stärksten, wobei es generell um die Gesundheitsversorgung der 26 Millionen Afghanen schlecht steht. Wer es sich irgendwie leisten kann, sucht sein letztes Geld zusammen und reist in den Iran oder nach Pakistan, um sich dort im Krankheitsfall behandeln zu lassen. Denn drei Jahrzehnte des Krieges haben das afghanische Gesundheitssystem kollabieren lassen: Die Ernährungslage der Bevölkerung ist schwierig, der Weg in die nächste Klinik weit und gefährlich, das medizinische Personal schlecht ausgebildet, der Mangel an Medikamenten groß und die hygienischen Zustände sind vielerorts mangelhaft. Die durchschnittliche Lebenserwartung eines Afghanen liegt gerade einmal knapp über 40 Jahre.

Mangel an Aufklärung
Sara Persson, seit nahezu zwei Jahren für die Kinderrechtsorganisation Save the Children in Kabul tätig, findet nur ein Wort, um die Zustände in der Krisenregion zu beschreiben: „katastrophal“. Trotz der angespannten Sicherheitslage ist die Schwedin viel im Land unterwegs. Sie weiß: Besonders schwierig ist die medizinische Versorgung der Menschen in abgelegenen Regionen. Im Grenzgebiet zum Iran etwa, in den Flüchtlingslagern an der Landesgrenze zu Pakistan oder in kleinen Wüstenstädten und -dörfern. Dort, wo keine Truppen aus dem Westen stationiert sind, die neben Waffen auch Infrastruktur mit in das von Krieg und Armut geplagte Land bringen.

Neben elementaren medizinischen Strukturen mangelt es vor allem an Aufklärung: Der Bildungsstand der Bevölkerung ist niedrig, die Analphabetenrate gerade unter Frauen hoch. Auch Tradition spielt eine Rolle: „Die Kultur der Afghanen verbietet es den Frauen etwa, über ihre Periode oder eine Schwangerschaft zu sprechen“, sagt Persson. Viele wüssten noch nicht einmal, wie ein Kind entsteht. Geschweige denn, wie mit einem Neugeborenen umzugehen ist. Zudem ist die Bewegungsfreiheit der Frauen in Afghanistan stark eingeschränkt: Ob eine Frau überhaupt medizinisch behandelt wird, hängt ausschließlich von der Entscheidung ihres Ehemanns ab. Alleine zu einer Gesundheitsstation zu gehen, ist für eine Frau untersagt – es verstößt gegen das Ehrgefühl des Mannes. Die Folge: Auch bei der Müttersterblichkeit nimmt Afghanistan einen vorderen Platz ein.

Hilfsorganisationen wie Save the Children bilden deshalb Gesundheitsberater aus. Es sind angesehene Bewohner aus den Dörfern und Gemeinden. Nur über den lokalen Kontakt sei ein Zugang zu den Afghanen möglich, so der Ansatz von Save the Children. Zudem könnten die einheimischen Gesundheitshelfer ihr erworbenes Wissen an andere Gemeindemitglieder weitergeben und würden damit zu wichtigen Multiplikatoren. Darüber hinaus gibt es Präventionsprogramme, in denen Schulkinder, Lehrer und Eltern zu Hygiene und Ernährung geschult werden. Die Afghanen lernen dabei die Bedeutung von Impfungen, Entwurmungen und vitaminreichem Essen. Ein Schwerpunkt ist die Ausbildung von Hebammen, die Schwangere begleiten und bei der Geburt helfen. Denn: „Die alten Frauen in den Gemeinden helfen nicht bei der Geburt. Sie schreien mit den Frauen“, weiß Persson. Vermittelt werden einfachste Dinge: auf die Hygiene zu achten und die Nabelschnur richtig zu versorgen etwa. „Das allein hilft schon.“
Nora Schmitt-Sausen
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