ArchivDeutsches Ärzteblatt PP2/2010Kindersoldaten: Langer Weg zur Normalität

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Kindersoldaten: Langer Weg zur Normalität

PP 9, Ausgabe Februar 2010, Seite 62

Sonnenmoser, Marion

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LNSLNS In fast allen Krisenregionen der Welt gibt es Programme, die Kindersoldaten helfen, in ein normales Leben zu finden. Aber der Weg dorthin ist schwer.

Opfer und Täter – In vielen Krisenregionen bedienen sich fanatische Rebellengruppen der Kinder, die sie entführen, foltern und für sich kämpfen lassen. Foto: dpa
Opfer und Täter – In vielen Krisenregionen bedienen sich fanatische Rebellengruppen der Kinder, die sie entführen, foltern und für sich kämpfen lassen. Foto: dpa
Als der 14-jährige Samuel im Jahr 2002 in einem Auffanglager im Norden Ugandas Zuflucht fand, hatte er bereits eines der schlimmsten Dinge erlebt, die einem Menschen widerfahren können: Er war im Alter von acht Jahren von der fanatisch-religiösen Rebellengruppe „Lord’s Resistance Army“ (LRA) entführt, gefangen gehalten und gefoltert worden. Er hatte Menschen töten müssen und war oft schwer verletzt mit dem Leben davongekommen. Er musste mit ansehen, wie andere Menschen verletzt, verstümmelt oder ermordet wurden und wie Mädchen vergewaltigt oder gegen ihren Willen verheiratet wurden. Er lebte jahrelang unter Terroristen und verlor Eltern und Geschwister. Ihm blieb nichts als das nackte Leben.

Doch er hatte Glück im Unglück. Er wurde in ein Programm aufgenommen, das die Abrüstung, Demobilisierung und Reintegration (Disarmament, Demobilization, Reintegration; DDR) von ehemaligen Soldaten in Uganda zum Ziel hat und das unter anderem von den UN gefördert wird. Solche Programme gibt es mittlerweile in fast allen Krisenregionen der Welt, etwa in Afrika (Kongo, Liberia, Sierra Leone), in Asien (Afghanistan, Nepal) oder in Zentralamerika (Haiti). Die UN, einige Regierungen und zahlreiche nationale und internationale Hilfs-, Friedens- und Menschenrechtsorganisationen versuchen, terroristische Anschläge, Überfälle und gewaltsame Auseinandersetzungen in den Krisenregionen einzudämmen, den Opfern zu helfen, die Rebellen und Soldaten zu entwaffnen und wenn möglich in die Gesellschaft zu reintegrieren und die Verantwortlichen anzuklagen. Diese Bemühungen gehen einher mit wirtschaftlichen, strukturellen, pädagogischen und medizinischen Hilfsleistungen. Auch die psychotherapeutische Versorgung und Therapie ehemaliger Kindersoldaten gehört bisweilen dazu. Die Angebote aus dem westlichen Kulturkreis reichen von Psychoedukation und Anleitung zur Selbsthilfe bis hin zu traumafokussierter Therapie. Immer öfter werden auch traditionelle Methoden der einheimischen Bevölkerung (wie Heilrituale) hinzugezogen. Allerdings sind die Mittel begrenzt, es gibt wesentlich mehr Opfer als Therapeuten, und auch die sprachliche Verständigung zwischen Einheimischen und meist westlichen Therapeuten stellt oft ein Problem dar. Entsprechende Angebote sind daher oft nicht mehr als ein Tropfen auf dem heißen Stein.

Belastungsstörungen bleiben ein Leben lang erhalten
Verschiedene Studien aus Krisenregionen zeigen, dass Kinder und Jugendliche, die in kriegerische Auseinandersetzungen verwickelt oder als Soldaten, Söldner und Rebellen tätig waren, meistens stark traumatisiert sind und unter Belastungsreaktionen (zum Beispiel Combat Stress Reaction; CSR) und schweren posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) leiden. Die Störungen bleiben in der Regel ein Leben lang erhalten, wenn auch in abgeschwächter Form. Erstaunlich ist, dass es der Mehrzahl der Betroffenen offenbar gelingt, sich zu reintegrieren, ihre Traumata zu überwinden und ein weitgehend normales, unauffälliges Leben zu führen – oft auch ohne therapeutische Unterstützung. Welche Voraussetzungen dafür nötig sind, untersuchten die beiden kanadischen Psychologinnen Liliana Cortes und Marla Buchanan von der University of British Columbia. Sie befragten sechs ehemalige kolumbianische Kindersoldaten nach ihren Kriegserfahrungen und wie sie damit zu leben lernten. Auf diese Weise ermittelten sie folgende Resilienzfaktoren:

Kontrolle und Selbstwirksamkeit: Autonomie, Selbstvertrauen und die Fähigkeit, trotz widriger Umstände eine gewisse Kontrolle zu behalten und die eigene Situation bei Bedarf zu ändern, verhalf den Befragten dazu, ihren Peinigern zu entkommen und ein neues Leben zu beginnen.

soziale Intelligenz und Empathie: Kinder die ihre Emotionen im Griff halten und verbergen, sich in ihre Peiniger einfühlen und sich anpassen, wurden seltener in Konflikte involviert und überlebten eher. Später nützten ihnen diese Fähigkeiten, um sich in ihre Familie oder Volksgruppe zu reintegrieren.

Akzeptanz und Gemeinschaftssinn: Die Kenntnis, dass andere Kinder, die ebenfalls an Reintegrationsprogrammen teilnahmen, ihr Schicksal teilten, half den Befragten, mit ihren Schuldgefühlen fertig zu werden und wieder Vertrauen zu fassen. Sie fühlten sich schnell geborgen in der Gemeinschaft aus Betreuern und Kindern, weil sie dort akzeptiert und nicht verurteilt und abgelehnt wurden. Zusätzlich vermittelte ihnen die Erinnerung an eine liebevolle, unterstützende Person, die in ihrer frühen Kindheit eine wichtige Rolle gespielt hatte, eine moralische Orientierung.

Hoffnung und Wachstum: Die Befragten ließen sich nicht von den Erinnerungen an die Vergangenheit beherrschen, sondern versuchten, das Geschehene so gut wie möglich zu vergessen. Sie wollten dazu beitragen, etwas aus sich zu machen, damit ihr Leben in Zukunft positiv verläuft. Außerdem versuchten sie, einen Sinn in ihren traumatischen Erlebnissen zu sehen.

Glaube und Moral: Einigen Befragten verhalf ihr religiöser Glaube über schwere Zeiten hinweg. Trotz durchlittener Kriegsgräuel konnten sich die Kinder ein Gefühl für „gut“ und „böse“ bewahren. Manche litten wegen ihrer Taten unter tiefen Schuldgefühlen, andere negierten hingegen Gefühle wie Schuld oder Stolz; sie erklärten, dass sie unter Zwang gehandelt hätten und dies nichts mit ihrer persönlichen moralischen Haltung zu tun hätte.

Auch die Tatsache, ein Überlebender zu sein, stärkt oft das Selbstvertrauen der Betroffenen und macht ihnen Mut, die Resozialisierung in Angriff zu nehmen. Allerdings gibt es hierbei zahlreiche Hindernisse. Ein grundlegendes Problem sind fehlende Gelder, Auffanglager und geschultes Personal. Darüber hinaus ist die Sicherheit der Kinder und Jugendlichen selbst in den Auffanglagern nicht gewährleistet. Es kommt immer wieder vor, dass die Auffanglager von der LRA überfallen und Kinder erneut entführt werden. Außerdem fehlt es ihnen oft an Aufgaben und Herausforderungen, sowohl im Auffanglager als auch in der Zeit danach. Britische und US-amerikanische Experten für Entwicklungshilfe berichten, dass Kinder und Jugendliche wie Samuel Versäumtes nachholen, Neues lernen und sich weiterentwickeln wollen. Sie möchten Berufsabschlüsse machen, einer Erwerbstätigkeit nachgehen und ihren Platz in der Gesellschaft finden, aber die Bedingungen in ihrer Heimat ließen das oft nicht zu. Trotzdem geben sie die Hoffnung auf ein normales Leben in Freiheit nicht auf. „Dazu trägt die relativ unkomplizierte Reintegration in die Familien bei“, berichten die Wissenschaftler. Ehemalige Kindersoldaten, die das Glück haben, noch eine Familie zu besitzen, finden meistens recht schnell wieder Anschluss und Geborgenheit, ohne dass ihnen Vorwürfe gemacht werden. Gelegentlich wird ihnen aber beispielsweise von Nachbarn unterstellt, dass sie deren Angehörige umgebracht hätten, oder die Leute gehen ihnen aus dem Weg aus Angst, dass sie noch gefährlich sein könnten. Solche Schwierigkeiten lassen aber mit der Zeit nach. Das ist zum einen der Verdienst der Jugendlichen, denen es offenbar gelingt, sich an Regeln und Normen zu halten und sich relativ problemlos in die Gesellschaft einzugliedern, zum anderen ist es der Verdienst von Amnestieregelungen. In Uganda wurde beispielsweise im Jahr 2000 ein „Amnesty Act“ erlassen, wonach jedem, der als Rebell gegen die Regierung gekämpft hat und davon abgekommen ist, Straffreiheit gewährt wird. Damit verbunden ist ein Freispruch von moralischer Schuld. Ehemalige Kindersoldaten werden nicht als Täter, Mörder oder Rebellen bezeichnet, sondern es wird betont, dass sie zu den Taten gezwungen wurden und sie gegen ihren Willen gehandelt hätten. Dadurch fällt es der Gesellschaft leichter, sie wieder aufzunehmen, und den Betroffenen gelingt es eher, die Vergangenheit zu bewältigen oder sogar mit ihr abzuschließen und die Chance auf ein neues, besseres Leben zu ergreifen.

Militärgemeinschaften werden der Isolation vorgezogen
Auch wenn es erfreulich ist, dass offenbar viele ehemalige Kindersoldaten im Laufe der Zeit zu einem Stück Normalität zurückfinden, heißt das nicht, dass auf traumatherapeutische Arbeit in Krisenregionen verzichtet werden kann – im Gegenteil. Die Anstrengungen müssen weiter verstärkt werden, allein schon, weil längst nicht allen Kindersoldaten eine erfolgreiche Reintegration gelingt, sei es, weil sie stark unter anhaltenden PTBS-Symptomen und Depressionen leiden oder weil sie von der Familie nicht mehr angenommen wurden. Dann kann es passieren, dass sie ein Leben in einer Gemeinschaft – selbst einer terroristischen oder militärischen – der Isolation vorziehen. Manche hegen darüber hinaus Rachegefühle, lehnen Versöhnung ab oder verrohen moralisch, was sie veranlasst, sich auch im Erwachsenenalter Guerillaeinheiten oder Söldnergruppen anzuschließen. Ehemalige Kindersoldaten zu therapieren und zu fördern ist daher eine Investition in die Zukunft und in den Frieden.
Dr. phil. Marion Sonnenmoser
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1.
Annan J, Brier M, Aryemo F: From „rebel“ to „returnee“: Daily life and reintegration for young soldiers in Northern Uganda. Journal of Adolescent Research 2009; 24(6): 639–67.
2.
Cortes L, Buchanan M: The experience of Columbian child soldiers from a resilience perspective. International Journal for the Advancement of Counselling 2007; 29(1): 43–55.
3.
Gregory J, Embrey D: Reducing the effect of profound catastrophic trauma for former child soldiers. Traumatology 2009; 15(1): 52–62.
4.
Wessells M: Supporting the mental health and psychosocial well-being of former child soldiers. Journal of the American Academy of Child and Adolescent Psychiatry 2009; 48(6): 587–90.
1. Annan J, Brier M, Aryemo F: From „rebel“ to „returnee“: Daily life and reintegration for young soldiers in Northern Uganda. Journal of Adolescent Research 2009; 24(6): 639–67.
2. Cortes L, Buchanan M: The experience of Columbian child soldiers from a resilience perspective. International Journal for the Advancement of Counselling 2007; 29(1): 43–55.
3. Gregory J, Embrey D: Reducing the effect of profound catastrophic trauma for former child soldiers. Traumatology 2009; 15(1): 52–62.
4. Wessells M: Supporting the mental health and psychosocial well-being of former child soldiers. Journal of the American Academy of Child and Adolescent Psychiatry 2009; 48(6): 587–90.

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