ArchivDeutsches Ärzteblatt PP2/2010HelferStress: Kräfte bewahren, Engagement erhalten

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HelferStress: Kräfte bewahren, Engagement erhalten

PP 9, Ausgabe Februar 2010, Seite 82

Eichenberg, Christiane

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Helfen kann überfordern und auszehren, ein Thema, das auch in der medizinischen Fachpresse unter dem Stichwort „Burn-out“ zunehmend Beachtung findet. Bisherige Studien hatten vorwiegend die Beziehung zwischen Arzt und Patient im Blick. Christian Pross hat nun die bislang kaum beachteten strukturellen Faktoren bei der Entstehung von Helferstress in einer umfangreichen qualitativen Vergleichsstudie untersucht. Die Ursachen des hohen Stress- und Konfliktpegels in Traumazentren sind vor allem strukturelle Mängel wie Selbstausbeutung, Workaholismus, fehlende Einhaltung von Grenzen, Fehlen eines professionellen Managements und einer klaren Leitungsstruktur, Rollen- und Kompetenzdiffusion, keine oder nur sporadische Supervision sowie Vermischung der Ebenen von Personal, Leitung und Vorstand. Organisationen mit einem niedrigen Stress- und Konfliktpegel dagegen – fand Pross heraus – hatten etwa eine deutlich klarere Struktur, regelmäßige Supervision und ein professionelles Management.

Eine wesentliche Erkenntnis von Pross ist, dass die Stressphänomene nicht Zeichen einer von den Patienten auf die Helfer übertragenen „sekundären Traumatisierung“ von Helfern, sondern einer schlechten Arbeitsorganisation sind, welche typisch ist für die Pionierphase von Non-Profit-Organisationen. Wie Pross anhand von zahlreichen Beispielen zeigt, lassen sich durch Strukturreformen der Stress- und Konfliktpegel reduzieren und das Arbeitsklima sowie die Qualität der Patientenversorgung deutlich verbessern.

Erste Leserzuschriften aus Kollegenkreisen zeigen, dass Pross neuralgische Punkte benennt, die Helfern nicht nur im Traumasektor, sondern allgemein in karitativen, medizinischen und psychosozialen Einrichtungen auf den Nägeln brennen: „Das Buch eröffnet heikle Fragen, die auch mich umtreiben: zum Beispiel des Verständnisses des ‚Unmenschlichen’, das doch so offenkundig menschenmöglich ist und damit Fragen an ‚uns alle’ aufwirft. Interessant finde ich die Loslösung von Begriffen beziehungsweise die Entpathologisierung und Entindividualisierung von zwischenmenschlichen Prozessen, damit auch die Kritik am Begriff der indirekten Traumatisierung selbst . . . aus systemischer Perspektive für mich ein befreiender Gedanke . . .“

„Mein Verein ist bisher nicht aus der Pionierphase herausgewachsen . . . Raum, um das Destruktive zu bearbeiten, lässt sich nicht herstellen, weil alle Angst davor haben . . . Das Buch hilft mir, mein eigenes Sein in diesen wirren und irren Verhältnissen zu erkennen . . . zu der Struktur und den Akteuren Distanz zu gewinnen . . . denn Distanz zu finden, ist eine gute Selbsthilfe, der dann andere Schritte folgen können.“

Überforderte und ausgebrannte Helfer und Therapeuten werden sich und ihre Arbeitsbedingungen in Pross’ Buch wiederfinden sowie wertvolle Hinweise erhalten, wie sie ihre Kräfte bewahren, Ressourcen nutzen und ihr Engagement erhalten können. Christiane Eichenberg

Christian Pross: Verletzte Helfer. Umgang mit dem Trauma: Risiken und Möglichkeiten sich zu schützen. Reihe Leben Lernen 222. Klett-Cotta, Stuttgart 2009, 288 Seiten, kartoniert, 26,90 Euro
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