ArchivDeutsches Ärzteblatt6/2010Honorar 2010: Freie Leistungen sorgen für Unmut

POLITIK

Honorar 2010: Freie Leistungen sorgen für Unmut

Dtsch Arztebl 2010; 107(6): A-220 / B-195 / C-191

Rieser, Sabine

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Das Glas ist doch nur halb voll: Wenn es um die Regelleistungsvolumen geht, ist das keine Aussage eines Pessimisten, sondern die Folge der Honorarreform.
Das Glas ist doch nur halb voll: Wenn es um die Regelleistungsvolumen geht, ist das keine Aussage eines Pessimisten, sondern die Folge der Honorarreform.
Die Honorare für die haus- und fachärztliche Basisversorgung sinken vielerorts, weil sogenannte freie Leistungen wie Akupunktur, Langzeit-EKG oder Psychotherapie besser bezahlt werden. Die KVen suchen deshalb nach neuen Begrenzungen.

Er habe „noch nie eine Vergütungsreform durchgeführt, bei der es so viele Gewinner gab“, hat Dr. med. Andreas Köhler dieser Tage im Interview mit der „Welt“ betont. Der Vorstandsvorsitzende der -Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) verwies auf die Endabrechnungen des ersten und zweiten Quartals 2009: „Versprochen hat uns die Politik eine Honorarsteigerung von 2,5 Milliarden Euro gegenüber 2007. Jetzt werden es fast 3,4 Milliarden Euro sein.“ Für 2010 habe man mit den Kassen eine weitere Steigerung von 1,7 Milliarden Euro ausgehandelt. Aber: „Die Gewinner schweigen – aus Furcht, dass man ihnen die Gewinne wieder nimmt.“

Die Furcht ist nicht unbegründet. Mittlerweile melden sich wieder mehr Verlierer der Reform zu Wort. Ihr Hauptärgernis hat stellvertretend für viele Dr. med. Axel Brunngraber, Hausarzt in Hannover und engagiert bei der Freien Ärzteschaft, beschrieben: „Wir werden nunmehr über einen schwerwiegenden Absturz unserer pauschalierten Honorare ab dem ersten Quartal 2010 informiert.“

In vielen KVen wurden die Regelleistungsvolumen (RLV) zum neuen Jahr erneut gekürzt. Zwar ist unbestritten mehr Geld für ärztliche Honorare vorhanden, doch werden aus der morbiditätsorientierten Gesamtvergütung auch sogenannte freie Leistungen finanziert, für die es keine Mengenbegrenzungen gibt. Damit verkleinert sich die Honorarsumme, die für die RLV und damit für die Basisversorgung zur Verfügung steht. Weil zum Teil sehr viel mehr freie Leistungen, wie beispielsweise Akupunktur, dringende Besuche oder Psychosomatikleistungen abgerechnet werden als zuvor, steht weniger Geld für alles andere zur Verfügung.

Der KBV ist das Problem bekannt. „Wir werden noch in diesem Jahr im Bewertungsausschuss Beschlüsse fassen, die vor allem die Regelversorgung stützen“, hatte Köhler Anfang Dezember angekündigt. Geplant sei, freie Leistungen außerhalb der RLV als „qualifikationsgebundenes Zusatzvolumen“ zu steuern, also zu begrenzen. Doch noch gibt es keine Einigung mit den Krankenkassen.

Die schleichende Absenkung der RLV verschärft aber die Unzufriedenheit, die die Honorarreform von Anfang an begleitete, weil es als Folge von zuvor regional sehr unterschiedlich gesteuerten Fallwerten und Fallzahlen auch Verlierer gibt. „Gerade die Ärztinnen und Ärzte in Nordrhein-Westfalen müssen die Erfolgsmeldungen aus Berlin als zynisch empfinden“, sagte Dr. med. Thomas Kriedel, Vorstand der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Westfalen-Lippe, vor kurzem. Der Vorstand der KV Nordrhein, Bernd Brautmeier, stimmte ihm zu: „Unsere Haus- und Fachärzte haben nach der Honorarreform die niedrigsten Fallwerte pro Patient. Mit anderen Worten: Für die Behandlung eines Patienten werden in anderen Bundesländern bis zu 35 Prozent mehr gezahlt.“

Wer die Gewinner sind, teilen die KVen nicht mit. Ersten Analysen der KV Nordrhein im Sommer 2009 zufolge profitierten zunächst auch dort zwei Drittel der Ärzte von der Honorarreform. Allerdings war damals auch schon klar, dass überall in Deutschland mancher Gewinner sein zusätzliches Honorar nicht mit der Basisversorgung erzielt, sondern durch freie Leistungen oder Angebote, die außerhalb der morbiditätsorientierten Gesamtvergütung bezahlt werden, zum Beispiel Präventionsleistungen.

Das KV-Blatt Berlin hat den jüngsten Honorarproblemen im Februar die Titelgeschichte gewidmet. Auch in der Hauptstadt steht demnach für die Versorgung im ersten Quartal 2010 nicht weniger Geld zur Verfügung als im ersten Quartal 2009, nur: Die RLV-Fallwerte sind um durchschnittlich 15 Prozent gesunken. Ein Grund dafür ist, dass die relevanten Fallzahlen um zehn Prozent gestiegen sind. Allein dies begründe, so das KV-Blatt, rund zwei Drittel des Fallwertverlusts. Weiteres Geld für die RLV fehlt, weil es für freie Leistungen benötigt wird.

Die Ver­tre­ter­ver­samm­lung fasste deshalb den Beschluss, das Honorarvolumen für die freien Leistungen zu begrenzen und so die RLV-Fallwerte zu stabilisieren. Eine ähnliche Entscheidung hat die KV Nordrhein in Abstimmung mit den Kassen bereits mit Geltung für das vierte Quartal 2009 getroffen. Dort waren die Ausgaben für freie Leistungen im ersten Halbjahr 2009 um 14 Prozent gestiegen.
Sabine Rieser
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