GELDANLAGE

Börsebius: DSDS

Dtsch Arztebl 2010; 107(6): A-251 / B-219 / C-215

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LNSLNS Gestern Abend habe ich mir fast die Augen aus dem Kopf geweint. Auf nahezu allen Kanälen wogte in mehr oder weniger aufgeregter Form das Topthema geklaute Daten-CD durch die deutschen Wohnzimmer. Die Kontrahenten überboten sich in wüsten Beschimpfungen und Beschwörungen des Rechtsstaates. Selbst Markus Lanz, der nette Schwiegermuttertyp, hatte eine formidable Expertengruppe zusammengetrommelt, deren Protagonisten sich dann zielgerichtet beharkten.

Was für ein Aufstand des Volkes und seiner Vertreter! Ich werde im Übrigen hier nicht den Teufel tun, mein Herz verbal einer Fraktion zuzuordnen und mir dann auch noch die Finger zu verbrennen, aber ein wenig erinnert mich das Ganze doch sehr an die Castingshow DSDS (Deutschland sucht den Superstar), in der überwiegend stimmlich minderbegabte Teens von einem gewissen Herrn Bohlen verbal abgestraft werden, und die Nation sich ähnlich darüber aufregt, ob die so beschämten Kinder psychischen Repressalien von einem ausgesetzt werden dürfen, der selbst vielleicht ein Charakterschwein ist oder vielleicht doch eher ein Nationalheld, der eben so spricht, wie das Maul des Volkes begehrt.

DSDS stünde aber im aktuellen Fall dann doch für „Deutschland sucht die Steuersünder“, und etliche gecastete Akteure sind dann auch noch Politiker, die vor den Kameras den Saubermann spielen und hintenrum für zwei Sitzungen 30 000 Euro einschmieren und dann dreist genug sind, sowohl kein schlechtes Gewissen zu haben als auch hernach noch zu verkünden, mindestens Summen in den kolportieren Größenordnungen gespendet zu haben, also was solle denn die Aufregung.

Nur mal so am Rande: Die Uraltgeschichte liechtensteinische Bankdaten von vor drei Jahren gibt eine klare Richtung der juristischen Bewertung ähnlicher Fälle vor. Bereits das Landgericht Bochum entschied, dass solche Informationen gekauft (und verwendet) werden dürfen. Die Sache der Zulässigkeit „illegal erlaubter Beweismittel“ bei Strafverfahren ist jetzt beim Bundesverfassungsgericht (BVG) anhängig, und es gibt wenig Hinweise darauf, dass das BVG anders entscheidet.

So ganz kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass es sich bei dieser ominösen Steuer-CD möglicherweise bloß um ein riesiges Potemkin’sches Dorf handelt, denn kein Mensch weiß genau, ob es diese CD überhaupt gibt oder ob nicht etwa eine genial abschreckende Marketingidee der Steuerbehörden dahintersteckt. Die Zahl der Selbstanzeigen soll im Vorfeld des Presserummels signifikant zugenommen haben; also warum dann überhaupt noch die CD kaufen, so es sie wirklich gibt?

Ich verstehe eh nicht, warum es offenbar immer noch Heerscharen von Gutbetuchten bis furchtbar Reichen gibt, die nach wie vor über Schwarzgeldkonten verfügen. Wer erlebt hat, wie der arme reiche Expostchef Klaus Zumwinkel medial hingerichtet wurde, muss sich doch klar darüber sein, was im Zweifel auf ihn zukommt.
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