ArchivDeutsches Ärzteblatt6/2010Praxisführung: Kleinkrieg am Arbeitsplatz

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Praxisführung: Kleinkrieg am Arbeitsplatz

Dtsch Arztebl 2010; 107(6): A-253 / B-221 / C-217

Wittschier, Bernd M.

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Machtspiele gehören bei der Führungsarbeit in der Arztpraxis zu den großen Herausforderungen.

Sie können als Intrige, Mobbing, Gerüchteküche oder reine Machtdemonstration und Verleumdung in Szene gesetzt werden: die Machtspiele in der Arztpraxis. Entscheidend ist, dass es den Machtspielern in der Regel nicht um die Sache selbst geht, sondern dass sie einen Inhalt missbrauchen, um eine Machtposition aufzubauen, zu festigen oder anzufechten.

Ein Beispiel verdeutlicht dies: Die „rechte Hand“ des Arztes ruft die neue Arzthelferin zu sich – diese ist erst seit einigen Wochen angestellt. Sie kritisiert die Neue wegen eines Fehlers und weist sie harsch zurecht. Dies ist kein Machtspiel – trotz der Art der Kritikäußerung, über die sich streiten lässt, geht es der rechten Hand um die Sache. Wenn sie aber fürchtet, die Neue könne ihr den Rang als Vertrauensperson des Arztes streitig machen, und jene heftige Kritik vor versammelter Belegschaft äußert, um rigoros klarzustellen, „wer hier das Sagen hat“, wird auf der Praxisbühne ein Machtspiel aufgeführt. Und zwar erst recht, wenn die neue Mitarbeiterin tatsächlich eine Ablösung der Erstbesetzung anstrebt und nun ihrerseits ins Machtspiel einsteigt und im nächsten Akt eine Intrige spinnt.

Welche Reaktionsmöglichkeiten hat der Arzt? Grundsätzlich gilt: Er sollte versuchen, zum Regisseur des Machtspiels zu werden und die Rolle des agierenden Spielleiters einzunehmen.

Natürlich: Er kann das Machtspiel demonstrativ beenden, etwa wenn die destruktive Energie, die es entwickelt, überhandnimmt. Aber dann schwelt es vielleicht als ungelöster Konflikt weiter unter dem Teppich, unter den es gekehrt worden ist. Oder der Arzt kann das Gespräch mit den Machtspielerinnen suchen und mit den Mitteln der konstruktiven Konfliktbewältigung eine Lösung herbeiführen.

Daneben gibt es Situationen, in denen der Arzt zu dem Ergebnis kommt, dass es besser sei, die Beteiligten das Machtspiel austragen zu lassen, damit diese ihr Verhältnis untereinander endgültig klären. Ob dies notwendig ist, lässt sich nur im Einzelfall beurteilen. Das bedeutet dann: Der Arzt greift nur ein, wenn das Machtspiel aus dem Ruder zu laufen droht oder um den schwächeren der Machtspieler zu unterstützen. In den meisten Machtspielen gibt es einen unterlegenen und einen starken Beteiligten, der überdies relativ aggressiv vorgeht. Der Arzt sorgt für Chancengleichheit, indem er den Schwachen in seinem Selbstbewusstsein stärkt und den Starken energisch darauf hinweist, dass dieser zu weit gegangen ist.

Überdies hat er die Möglichkeit, gemeinsam mit den Mitarbeiterinnen einen Verhaltenskodex aufzustellen, der entweder Machtspiele verhindert oder ihnen Spielregeln auferlegt. Eine solche Regel könnte sein: „Konflikte und Machtspiele werden dadurch entschieden, dass das beste Argument gewinnt – und nicht derjenige Recht bekommt, der am lautesten schreit.“ Diese Vorgehensweise wird der Realität – dass es nämlich so gut wie an jedem Arbeitsplatz Machtspiele gibt – eher gerecht, als die Augen zu verschließen und zu behaupten: „In meiner Praxis gibt es so etwas nicht!“

Auch die Führungskraft kann zum Opfer werden: In einer Gemeinschaftspraxis tragen beispielsweise Ärzte ein Machtspiel aus, es kommt zudem vor, dass Mitarbeiterinnen ein solches gegen den Chef inszenieren. Hier kann der Arzt entweder den Kampf aufnehmen, mithin ins Spiel einsteigen. Zu empfehlen ist eine möglichst sachliche Strategie. Oder der Arzt setzt das Florett „Humor“ ein: „Ich finde es toll, wie Sie auf Angriff setzen, Herr Kollege. Aber ich besitze nicht nur Verteidiger-, sondern auch Stürmerqualitäten. Lassen Sie mich in die sachliche Offensive gehen . . .“

Eine weitere Option ist es, das Spielfeld konsequent zu verlassen. „Nein danke, das ist nicht mein Niveau“ – souverän lässt der Arzt die Gegenspieler ins Leere laufen und überlässt ihnen die Bühne als Solodarsteller.

Souveränität – das ist das entscheidende Stichwort. Das Infame an vielen Intrigen, Gerüchten und Verleumdungen ist: Je mehr sich der Arzt damit beschäftigt oder in die Verteidigungsposition hineindrängen lässt, desto eher ist das Umfeld geneigt, etwa einem Gerücht Glauben zu schenken. Und wenn der Arzt sich doch entschließt, auf der Bühne zu bleiben und das Gespräch mit den Gegnern zu suchen, sollte er es vermeiden, allzu sehr auf der Klaviatur der Emotionen und Gefühle zu spielen und das Drama zu emotionalisieren. Das stachelt die anderen Machtspieler nur an.

Schlichter, Opfer – ist es vorstellbar, dass der Arzt mit berechtigten Gründen als Täter offensiv Machtspiele in Gang setzt? Zu bedenken ist: Ein Arzt verfügt allein schon qua Position über eine Anzahl an Machtquellen, die es unrealistisch erscheinen lässt, dass er sich immer des Machtspiels enthalten kann. Der Arzt muss ab und an kritisieren, zurechtweisen, Druck ausüben und seinen Verantwortungsbereich gegen Angriffe von außen schützen. Und er muss gegen Mitarbeiter oder Kollegen, die intrigieren, aktiv vorgehen. All dies lädt zum Machtspiel ein.

Wichtig ist es, dass der Arzt verantwortlich mit den Machtquellen umgeht und sich selbst ethische Verhaltensregeln auferlegt. Ein beliebtes Spielchen von Führungskräften ist, bei Teambesprechungen prinzipiell zu spät zu kommen und so die Vormachtstellung zu demonstrieren. Der Arzt ist klug beraten zu prüfen, ob er damit nicht mehr Schaden anrichtet, als er Vorteile hat.

Der Arzt verfügt durch seine Position über hierarchische Macht, er besitzt Expertenmacht und Beziehungsmacht. Er sollte konkrete Grenzen festlegen, in welchem Umfang er sie nutzen muss und soll. Eine Grenze ist gewiss, andere nie in ihren Persönlichkeitsrechten zu beeinträchtigen.
Dr. Bernd M. Wittschier
E-Mail: kontakt@423gmbh.de
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