ArchivDeutsches Ärzteblatt6/2010Von schräg unten: Privat versichert?

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Privat versichert?

Dtsch Arztebl 2010; 107(6): [96]

Böhmeke, Thomas

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Jedes Jahr geht die Beitragserhöhung der privaten Krankenkassen in eine neue Runde, die die meisten von uns, da privat versichert, ins Grübeln bringt. Man muss gar keine Rechenprogramme bedienen, um sich vor Augen zu führen, dass die Progression der Beiträge sich konträr zu den übrigen Entwicklungen verhält. Gesundheit und Einkommen, beispielsweise. So gesehen, ist eine private Kran­ken­ver­siche­rung durchaus eine Störwirkung für ein langes, sorgenloses Leben. Aber bevor man mit den Beitragssätzen zürnt, gilt es, von schräg unten zu durchleuchten: Gibt es noch weitere Störwirkungen in der privaten Kran­ken­ver­siche­rung? Sind alle denkbaren Leistungen immer das Beste? Ist es nur von Vorteil, ein Einzelzimmer beziehen zu können? Ausschließlich vom Chefarzt behandelt zu werden? Inklusive Akupunktur, Raucherentwöhnungsprogrammen, alternativer Medizin?

Nun, die Wissenschaft hat sich bereits kritisch der Problematik extensiver Laboruntersuchungen bei privat Versicherten angenommen (zum Beispiel DMW 2009; 134: 575–84). Bei gesundem Knochenmark und erhaltenen Eisenspeichern darf man, so meine ich, eine etwas weiter gefasste Labordiagnostik nicht so eng sehen. Anders ist die Unterbringung in Einbettzimmern zu bewerten. Zwar sind diese ohne Zweifel komfortabler, aber die Überlebenswahrscheinlichkeit in Mehrbettzimmern war nach meinen persönlichen Erfahrungen auf kardiologischen Stationen signifikant höher. Es ist halt noch jemand da, der bei Herzstillstand Alarm auslöst. Studien hierzu habe ich leider nicht gefunden, ich bitte um Verzeihung. Ob die Chefarztbehandlung immer von Vorteil ist, muss im Einzelfall geprüft werden. Angesichts der massiven Obstruktion chefärztlicher Kompetenz durch die Medizinbürokratie würde ich eine alternative Behandlung durch erfahrene Oberärzte nicht als Störwirkung ansehen. Der Doktor am Bett ist immer noch besser als der Professor im Ausschuss. Ob das Mehr an Diagnostik, mit dem die PKV wirbt, prinzipiell gutartig ist, ob es zum gesundheitlichen Glück des Einzelnen beiträgt, möchte ich bezweifeln. Braucht mein punktuell noch existentes Haupthaar wirklich eine Hormonanalyse? Meine benigne Extrasystolie eine MRT? Meine langjährig treue Warze eine bioptische Aufarbeitung? Gewiss, angesichts der Beitragssteigerungen der privaten Kran­ken­ver­siche­rungen könnte man in Versuchung kommen, die Indikation zum Einsatz medizinischer Maßnahmen etwas zu dilatieren.

Stellt sich wiederum die Frage, ob diese Spreizung des Indikationsrahmens bei unseren Schutzbefohlenen auch gut ankommt. Das kann ich nicht beantworten, das fällt in ein anderes Fachgebiet, daher wende ich mich konsiliarisch an eine versierte Neurologin. Diese meint: „Wenn mir ein Kollege sagt, er müsse eine Untersuchung machen, damit er abrechnen kann, komme ich damit klar. Wenn mir ein Kollege sagt, er müsse eine Untersuchung machen, weil er einen Verdacht hat, dann habe ich Angst.“ Ich hab’s geahnt, noch eine Störwirkung. Schlecht für die PKV.

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Alle Leserbriefe zum Thema

Anzeige