ArchivDeutsches Ärzteblatt6/2010Demenz: Ein Besuch bei Sven

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Demenz: Ein Besuch bei Sven

Dtsch Arztebl 2010; 107(6): A-234 / B-208 / C-204

Carlsson, Jörg

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Zu diesem Zeitpunkt hörte ich noch keine Kritik an mir darüber, dass ich einem Patienten mit beginnender Alzheimer-Erkrankung eine maximale Therapie hatte zukommen lassen.
Zu diesem Zeitpunkt hörte ich noch keine Kritik an mir darüber, dass ich einem Patienten mit beginnender Alzheimer-Erkrankung eine maximale Therapie hatte zukommen lassen.
Oder: die Folgen einer Lebensrettung. Reflexionen eines Kardiologen

Entgegen landläufiger Meinung geschieht es nicht häufig, dass man als Arzt einem Patienten das Leben rettet. Und wenn, dann ist es meist recht unspektakulär und so sehr Teil eines normalen Arbeitsablaufs, dass es gar nicht als Lebensrettung imponiert. Im Übrigen ist natürlich jede Lebensrettung nicht von Dauer, sondern Lebensverlängerung für Wochen, Monate, Jahre oder – in Glücksfällen – Jahrzehnte. An die wenigen Patienten, deren Leben man tatsächlich durch individuellen Extraeinsatz gerettet hat, kann man sich oft später erinnern. So an Sven. Viele Umstände garantieren, dass ich Svens Lebensrettung wohl nie vergessen werde.

Zum einen arbeitete ich erst wenige Monate an diesem schwedischen Krankenhaus, das mich mit Sven zusammenführen sollte. Erst seit kurzem in diesem Land, noch nicht perfekt in der Landessprache, in der Aufbauphase einer neuen medizinischen Einheit, von vielen begrüßt, aber auch kritisch beäugt – da kam Sven mit einem akuten Herzinfarkt in meine Hände. Die Einheit, für deren Aufbau man mich eingestellt hatte, befasste sich gerade auch mit der Sofortbehandlung von Herzinfarkten.

Zu diesem Zeitpunkt wusste ich auch nicht, dass Svens Sohn der Lehrer meiner Kinder war. Also Gefäß öffnen, Patient dann auf Station schicken und baldigst vergessen, denn der nächste Patient kommt. In den Tagen danach wurde klar, dass das Vergessen bei diesem Patienten nicht funktionierte. Grund dafür war die außergewöhnliche Vergesslichkeit des Patienten selbst, die letztlich zu der Verdachtsdiagnose einer Alzheimer-Erkrankung im Frühstadium führte.

Damals wusste Sven jedenfalls noch seinen Namen, erkannte Verwandte und Bekannte und war sich im Klaren darüber, dass er wegen eines Herzinfarkts im Krankenhaus lag. Aber deutliche Zeichen übernormaler Vergesslichkeit zeigten an, dass eine Erkrankung und nicht nur das Alter von fast 80 Jahren sich an seinem Gedächtnis zu schaffen machten. Zu diesem Zeitpunkt hörte ich noch keine Kritik an mir darüber, dass ich einem Patienten mit beginnender Alzheimer-Erkrankung eine maximale Therapie hatte zukommen lassen. Das mag daran gelegen haben, dass ich die Sprache der Schwestern und Kollegen noch nicht so gut sprach, als Deutscher die mehr zwischen den Zeilen mitgeteilten vorsichtigen Zweifel auch in englischer Sprache nicht wahrnahm, oder eben, dass wir in der Akutsituation es schlicht nicht wissen konnten, dass Zweifel an Svens Gedächtnis bestanden. Der Vollständigkeit halber sei angemerkt, dass niemals jemand offen, klar und deutlich gesagt hat, dass man einem Alzheimer-Patienten nicht das Leben retten darf. Solche Andeutungen gab es Tage später – nach meiner Haupttat – jedoch viele, als Sven eine In-stent-Thrombose erlitt.

Als ich der Situation gewahr wurde, war der Patient auf dem Weg in einen kardiogenen Schock. Hier kommt nun die individuelle Lebensrettung, die – wie eingangs erwähnt – ein recht seltenes Ereignis ist. Mit nicht gerade subtilen Worten ordnete ich daher an, dass Sven sofort auf den Operationstisch zur erneuten Gefäßöffnung gebracht werden sollte. Die alleinige Wiedereröffnung des Gefäßes reichte jedoch nicht aus, der Patient musste vorübergehend an eine externe Unterstützungspumpe angeschlossen werden, die die Arbeit für sein akut überlastetes Herz übernahm. Genau diese Maßnahme brachte mir wohl die größte Kritik ein: Sven war der erste Patient an diesem Krankenhaus, dem wir diese temporäre Pumpe einbauten, und ausgerechnet dieser erste Patient hatte den Schatten Alzheimer über sich.

Es war ein mühsamer Weg der Erholung für Sven. Um Missverständnissen vorzubeugen: Die Fragen, die mit der Hirnleistung von Sven verknüpft waren, waren mir zum Zeitpunkt des zweiten Eingriffs, der Lebensrettung, wie ich ausdrücklich festhalten will, vollkommen bewusst.

Das ist nun fast vier Jahre her, als ich den Patienten von damals in einem Demenzheim besuche. Ich fahre zusammen mit Svens Sohn (Anders) hin, mit dem ich inzwischen befreundet bin. Ich weiß von ihm alles über den weiteren Verlauf und hatte Sven mehrfach nach der damaligen dramatischen Erkrankung und Behandlung wiedergesehen. Zunächst noch in seinem eigenen Haus, in dem er noch -eine Weile mit seiner Frau wohnen konnte, später bei Familienfesten meines Freundes.

Den ganzen Tag habe er Holz geschlagen und gehackt, eine typische Arbeit aus früheren Jahren. Illustrationen: Elke R. Steiner
Den ganzen Tag habe er Holz geschlagen und gehackt, eine typische Arbeit aus früheren Jahren. Illustrationen: Elke R. Steiner
Das Leben mit Sven wurde für seine Frau immer beschwerlicher, das Gedächtnis ließ mehr und mehr nach, bis es nach etwa zwei Jahren völlig versagte. Während er zunächst noch glücklich Gartenarbeit verrichten konnte, hatte er später Schwierigkeiten, alle Räume in seinem Haus wiederzufinden. Das Leben seiner Frau kreiste mehr und mehr um seines, am Ende konnte sie das Haus nicht mehr verlassen, da der Unsinn, den er in ihrer Abwesenheit machte, immer größer wurde. Schuhe im Kühlschrank werden damit nicht zur originellen Anekdote, sondern zur Lebenszerstörung für den Partner.

Tausenden von Familien Demenzkranker sind diese Geschichten bekannt – diese Belastung, vollkommen hilflos vor dem Menschen zu stehen, mit dem man in vielen Fällen fast sein ganzes Leben verbracht hat und der nun keinem vernünftigen Gespräch mehr zugänglich ist. Sven musste ins Heim. Hier besuche ich ihn nun. Es ist groß und modern, hell und freundlich. Der Zahlencode für das Öffnen der Tür zu dem Bereich, in dem Sven wohnt, klebt unter dem Panel. Anders öffnet, wir gehen hinein. Im großen Küche/Essbereich läuft ein Fernseher; fünf Menschen sitzen dort, in Sesseln mit Lehnen oder im Rollstuhl. Die Geräusche des Fernsehers sind das einzige, was ich höre, niemand der Anwesenden redet. Es schaut auch niemand auf den Fernseher. Personal sehe ich nicht. Vier der Bewohner schauen mit offenen Augen ins Leere oder nach unten, eine Dame fixiert uns zwei Besucher mit scheinbar kritischem Blick. Anders begrüßt seinen Vater, der scheint einen kurzen Augenblick zu erschrecken, sagt dann aber Hallo. Keine Frage für mich, dass er seinen Sohn erkennt. Kennst du Jörg noch, fragt Anders. Die Antwort ist langsam und stockend, dauert sicherlich eine halbe Minute. Wenn man sich passende Wörter zu einem Satz zusammenstellt, dann lautet er wohl: Das kann ich nicht sicher behaupten (dass ich ihn kenne).

Weil er zum Fernseher hingewandt saß, fragen wir, ob er die Nachrichten gesehen hätte. Nein, er interessiere sich nicht . . . So verläuft unser Gespräch auch im Weiteren: Auf gezielte Fragen beginnt Sven eine passend klingende Antwort, die nach einigen Worten ihren Zusammenhang verliert; er wird auch leiser dabei, und das Ende des Satzes bleibt immer offen. Er verliert scheinbar die Lust an der Antwort oder eher wohl den Faden. Manchmal wendet er auch Phrasen an, die auf viele Fragen passen könnten. Man sieht deutlich, dass er erfreut ist, Anders zu sehen, aber hat er ihn vor Minuten oder Wochen zuletzt gesehen? Das scheint er sich nicht zu fragen.

Sven ist ein höflicher, freundlicher Mensch, zugewandt, freut sich über andere. So habe ich ihn vor Jahren auch kennengelernt, diesen Charakterzug hat er beibehalten. Von Anders weiß ich jedoch, dass er gegenüber seiner Frau nicht immer so freundlich war in den letzten Jahren. Wenn sie aus dem Haus ging oder wenn sie ihn nun besucht, verdächtigt er sie, Beziehungen zu Männern zu haben, oder zu einem zumindest, ihrem Liebhaber. Das macht ihn ärgerlich, und er wird dann, wie Anders sagt, oft gemein zu seiner Frau, die auch über 80 Jahre alt ist. Sie verlasse das Heim dann immer recht traurig, berichtet Anders. Sie besucht Sven mehrfach in der Woche, trotzdem. Auf die Frage, was er heute gemacht habe, kommen einige Worte sofort als Antwort, die von seinem Sohn interpretierend zusammengefasst werden müssen. Den ganzen Tag habe er Holz geschlagen und gehackt, eine typische Arbeit aus früheren Jahren. Deshalb sei er jetzt reichlich kaputt.

Ich weine erst einmal, als wir hinausgehen in den Neuschnee.
Ich weine erst einmal, als wir hinausgehen in den Neuschnee.
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Auf unser Fragen kommen jeweils nur kurze Reaktionen, die sich nach wenigen, immer leiser werdenden Worten im Sand verlieren. An der Testfrage, wann er geboren sei, scheitert Sven völlig. Er weiß es nicht. Ebenso wenig, welcher Tag oder welches Datum heute ist. An seinen Herzinfarkt vor Jahren kann er sich auch nicht erinnern, an mich damit auch nicht. Nur eine meiner Fragen beantwortet er nach kurzem Zögern: Mit welchem Akzent ich mein Schwedisch spreche? Deutsch! Das verbleibt damit auch die einzige richtige Antwort an diesem Abend.

Wir verabschieden uns von Sven. Als ich auf dem Weg nach draußen sehe, dass die verschlossene Tür auch von innen mit dem Zahlencode zu öffnen ist und dass genau diese Zahlenkombination unter dem Panel klebt, kommen mir die Tränen. Einen Satz, den ich sagen will, kann ich auch nicht beenden, als wir hinausgehen in den Neuschnee – ich weine erst einmal.
Jörg Carlsson

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