ArchivDeutsches Ärzteblatt7/2010Hausarztverträge: Punktsieg für die Regionen

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Hausarztverträge: Punktsieg für die Regionen

Rieser, Sabine

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Sabine Rieser, Leiterin der Berliner Redaktion
Sabine Rieser, Leiterin der Berliner Redaktion
Der Deutsche Hausärzteverband (HÄV) und die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) sind Konkurrenten im Vertragsgeschäft. Trotzdem gibt es Gemeinsamkeiten. Man betrachte nur den Hausarztvertrag der AOK in Niedersachsen, den die Hausärzteverbände Niedersachsen und Braunschweig sowie die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Niedersachsen am 9. Februar abschließend unterschrieben haben. Dieser Add-on-Vertrag macht nämlich klar: Egal, welche Strategien auf Bundesebene entwickelt und abgestimmt wurden – KVen und Hausärzteverbände beharren später zuweilen darauf, regional von der großen Linie abweichen zu können, wenn es den Kollegen dient, ob bei der Honorarverteilung oder bei den Hausarztverträgen.

Der HÄV hat beschlossen, dass es nur noch Vollversorgungsverträge geben soll, keine Add-on-Abkommen. Doch Niedersachsen und Braunschweig haben anders entschieden. „Es ist klar, dass wir uns mit diesem Vertrag von den Vorgaben der Bundesebene lösen“, sagt der Braunschweiger Hausärzte-Vorsitzende, Dr. med. Carsten Gieseking. Generell sei die Strategie des Verbandes auf Bundesebene zwar richtig, aber, so muss man ihn verstehen: im Moment nicht für Niedersachsen.

„Wir haben einen guten, einfach zu handhabenden Vertrag geschlossen“, betont Gieseking. Die Hausärzte in Niedersachsen haben von der Honorarreform profitiert. Rechnet man das Honorar aus dem Regelleistungsvolumen und die Add-on-Einkünfte zusammen, können wohl 75 Euro zusammenkommen. Der Vertrag wird, davon ist Gieseking überzeugt, anders als erzwungene Abkommen nach § 73 b SGB V sicher von den Hausärzten und der AOK empfohlen werden.

Gerade hat sich auch Sachsen-Anhalt zum Thema Hausarztverträge zu Wort gemeldet. Dort startete bereits im Sommer 2004 ein Programm, das seitdem vom dortigen Hausärzteverband, der KV, der AOK und der IKK-plus weiterentwickelt wird. „Immerhin konnten meine Kollegen mehr als zehn Millionen Euro zusätzliches Honorar im Jahr 2009 erwirtschaften“, resümierte Andreas Petri, Vorsitzender der Hausärzte. Im Herbst musste er wegen des jüngsten Add-on-Vertrags allerdings massive Kritik von der Bundesebene einstecken. Jetzt gibt sich der HÄV gelassener. Man respektiere die regionale Entscheidung in Niedersachsen, heißt es.

Ähnlich argumentiert in Honorarfragen mittlerweile die KBV. Sie hatte sich mit der jüngsten Honorarreform dafür stark gemacht, bundesweit gleiches Geld für gleiche Leistung zu bezahlen und historisch bedingte Unterschiede zwischen den Ländern rasch anzugleichen. Zum Jahresanfang machte KBV-Vorstand Dr. med. Andreas Köhler klar, dass man den Regionen mehr Spielräume lassen müsse. „Der Weg der zentralistischen Honorarverteilung war der falsche“, räumte er ein.

Die neue Führung des Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­iums wird all dies mit Aufmerksamkeit verfolgen. Es gibt ja nicht nur Niedersachsen. In Bremen streiten sich KV und Hausärzteverband wegen der Wiederbelebung eines alten Hausarztvertrags. In Baden-Württemberg loben HÄV, Medi-Verbund und Betriebskrankenkassen die Nachfrage nach ihrem neuen Vertrag. In Schleswig-Holstein ist die dortige Ärztegenossenschaft bei einem Vollversorgungsvertrag Partner. Ob eine der Vertragsvarianten die Patientenversorgung verbessert, und welche, weiß keiner. Interessant ist diese Vielfalt aber schon – und ein Punktsieg für die Regionen.
Sabine Rieser
Leiterin der Berliner Redaktion
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