ArchivDeutsches Ärzteblatt7/2010Qualitätsorientierte Vergütung: Bayerische Rezepte für die Praxis

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Qualitätsorientierte Vergütung: Bayerische Rezepte für die Praxis

Dtsch Arztebl 2010; 107(7): A-262 / B-230 / C-226

Rieser, Sabine

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LNSLNS „Wir treiben die Republik vor uns her“, sagt der bayerische KV-Vorstand, Dr. med. Axel Munte. „Qualität darf man nicht dem Zufall überlassen.“ So sehen es auch die Ersatzkassen. In Berlin präsentierten ihr Verband und die bayerische KV Projekte.

Was macht ihr Psychos eigentlich? Und was bringt das? Diese Fragen kennt Dr. med. Irmgard Pfaffinger, Fachärztin für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, nur zu gut. Beantworten konnte die Münchenerin sie bisher schon. Aber nun kann sie auch auf Ergebnisse der Pilotstudie „Qualitätssicherung in der ambulanten Psychotherapie in Bayern“ verweisen, die die dortige Kassenärztliche Vereinigung (KV) und der Verband der Ersatzkassen (vdek) im Jahr 2007 gestartet haben (www.qs-psy-bay.kvb.de).

Qualität in Bayern soll erkennbar sein – das Logo der gleichnamigen Homepage.

Qualität in Bayern soll erkennbar sein – das Logo der gleichnamigen Homepage.
Zwar findet im Bereich der Richtlinien-Psychotherapie bereits eine Qualitätssicherung durch das Gutachterverfahren statt. „Aber wir wollten unsere Qualität darüber hinaus darlegen und die Patientenzufriedenheit und die Ergebnisqualität mit einbeziehen“, sagt Pfaffinger. Verkürzt dargestellt wird im Rahmen des Projekts der Behandlungsablauf von den probatorischen Sitzungen bis zum Therapieende dokumentiert – einmal aus Sicht des Arztes/Psychologischen Psychotherapeuten, einmal aus Sicht des Patienten. Die Daten wertet ein unabhängiges Institut aus. Die Therapeuten erhalten durch Feed-back-Berichte Hinweise auf die Entwicklung wie auch auf die Zufriedenheit ihrer Patienten und können die Behandlung eventuell optimieren. Außerdem sind Vergleiche mit den Ergebnissen der Kollegen möglich.

Pfaffinger findet es positiv, dass das Projekt an der Basis entwickelt wurde. Es sei gut umsetzbar, der zusätzliche Aufwand werde bezahlt, „wenn auch nicht ausreichend“, und: Weil es nicht darum gehe, Therapieverfahren miteinander zu vergleichen, blieben Grabenkriege bei der Entwicklung weitgehend aus.

Das Pilotvorhaben ist eines von mehreren Projekten zur qualitätsorientierten Vergütung. Die KV Bayerns vereinbarte es exklusiv mit dem Verband der Ersatzkasse. Die Ersatzkassen haben mit der KVB zudem einen Vertrag zur Frühdiagnostik bei Rheuma abgeschlossen. Weitere Abkommen zur qualitätsorientierten Vergütung mit allen Kassen betreffen Ultraschalluntersuchungen bei Schwangeren, Darmkrebsprävention, Brustkrebsdiagnostik, Schmerztherapie sowie Hygiene für Endoskope.

„Die Ersatzkassen setzen sich für eine qualitätsorientierte Vergütung ein“, betonte Thomas Ballast, vdek-Vorstandsvorsitzender, anlässlich der Präsentation der Projekte und einer Diskussion über diese Form der Honorierung Mitte Februar in Berlin. „Sehr gute Ärzte sollen für ihre Leistungen besser vergütet werden als solche, die ihr Handwerk nicht so gut beherrschen.“

Dr. med. Axel Munte, Vorstandsvorsitzender der KV Bayerns, stimmte zu: „Es geht darum, bei den Ärzten Anreize zu setzen, sich zum Wohl der Patienten ständig um die Steigerung der Behandlungsqualität zu bemühen, und hierfür honoriert zu werden.“ Nach Darstellung von Munte gibt es auch in anderen KVen entsprechende Vorhaben. Außerdem, muss man ergänzen, sind bestimmte Qualitätssicherungsmaßnahmen längst bundesweit Pflicht, beispielsweise bei den Chronikerprogammen oder im Bereich der Früherkennung.

Vordenker und Antreiber
Aber die KV Bayerns sieht sich seit langem als Vordenker und Antreiber in dieser Diskussion. „Unser Qualitätsprogramm, das mehr als 40 Qualitätsmaßnahmen für unterschiedliche Arztgruppen umfasst, sucht schon heute seinesgleichen“, sagte Munte. „Wir treiben die Republik vor uns her.“ Er ist nicht nur inhaltlich, sondern auch strategisch von seinem Weg überzeugt: Die eingeschlagene Richtung sei „eine der letzten Chancen für das KV-System“.

„Die KVen stehen und fallen damit, ob sie es schaffen, Qualität differenziert nach innen durchzusetzen“, befand auch Dr. Stefan Etgeton vom Verbraucherzentrale-Bundesverband. Solche Differenzierungen seien im Gesundheitswesen allerdings nicht einfach. Aus seiner Sicht bleibt es zudem entscheidend für die Patienten, zwischen Angeboten wählen zu können. Mit Hinweis auf die Selektivverträge zeigte sich Etgeton skeptisch, ob immer differenziertere Einzelangebote Versicherten nutzen: „Eventuell haben dann Krankenkassen die Wahl, aber nicht mehr Versicherte oder Patienten.“

Solche Bedenken kann Pfaffinger vermutlich nachvollziehen. Denn so gut sie die Pilotstudie zur ambulanten Psychotherapie findet, die Einschränkung auf Ersatzkassen sei nicht optimal gewesen, meint die Münchener Ärztin: „Mir wäre es leichter gefallen, ich hätte es für alle Patienten einsetzen können.“
Sabine Rieser
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