ArchivDeutsches Ärzteblatt7/2010Arznei­mittel­therapie­sicherheit im Krankenhaus: „Banal, aber erfolgreich“

POLITIK

Arznei­mittel­therapie­sicherheit im Krankenhaus: „Banal, aber erfolgreich“

Dtsch Arztebl 2010; 107(7): A-264 / B-232 / C-228

Osterloh, Falk

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13 Arzneimittel im Durchschnitt erhält ein Intensivpatient pro Kliniktag. Elektronische Verordnungsplattformen helfen dabei, die Wechselwirkungen zu erkennen. Foto: Binder GmbH
13 Arzneimittel im Durchschnitt erhält ein Intensivpatient pro Kliniktag. Elektronische Verordnungsplattformen helfen dabei, die Wechselwirkungen zu erkennen. Foto: Binder GmbH
Der Weg von der Verordnung bis zur Wirkung eines Medikaments ist lang und bisweilen riskant – ins-besondere im hektischen und schnittstellenreichen Krankenhausalltag. Doch es gibt Möglichkeiten, die Risiken zu reduzieren.

Wer ins Krankenhaus geht, erwartet eine komplikationsfreie Behandlung und eine schnelle Genesung. Doch die klinischen Arbeitsbedingungen im 21. Jahrhundert sind in vielen Fällen nicht dazu angetan, eine komplikationsfreie Behandlung zu begünstigen. Unbesetzte Stellen, eine enorme Arbeitsverdichtung, Dokumentationszwang, Investitionsstau und Kostendruck bestimmen vielerorts den Alltag.

Um die Arbeit von Ärzten und Pflegern und die Arznei­mittel­therapie­sicherheit im Krankenhaus zu unterstützen, gibt es mittlerweile verschiedene elektronische Verordnungsplattformen auf der Basis von CPOE (Computerized Physician Order Entry) und CDSS (Clinical Decision Support System) auf dem Markt. Am Universitätsklinikum Heidelberg wird seit 2003 das System „AiD-Klinik – Arzneimittelinformationsdienste“ eingesetzt.

„Früher hat man geglaubt, wenn ein Medikament nicht wirkt, dann war die Verordnung des Arztes falsch“, sagt Prof. Dr. med. Walter E. Haefeli, Leiter der Abteilung Klinische Pharmakologie und Pharmakoepidemiologie an der Uniklinik Heidelberg und einer der Entwickler des Systems. „Heute aber wissen wir, dass es von der Verordnung bis zur gewünschten Wirkung eines Medikaments eine Vielzahl möglicher Fehlerquellen gibt.“ So gebe es im Krankenhaus viele Schnittstellen zwischen verschiedenen Berufsgruppen sowie zwischen Früh-, Spät- und Nachtschichten. Es gebe verbale und schriftliche Kommunikationsprobleme, Transkriptionen könnten nicht richtig entziffert oder Laborwerte erst nach der Verordnung gelesen werden. „Eine elektronische Verordnungsplattform kann uns dabei helfen, Wechselwirkungen und Allergien, Fehldosierungen oder Inkompatibilitäten zu erkennen“, erklärt Haefeli. Wenn ein Patient zum Beispiel zehn Medikamente pro Tag erhalte, ergäben sich daraus 45 Arzneimittelkombinationen mit einer unüberschaubaren Anzahl an potenziellen Wechselwirkungen. „Die kann ein Mensch unmöglich alle im Kopf haben“, meint der gebürtige Schweizer. Zu Verwechslungen zwischen Medikamenten sei es in der Vergangenheit auch gekommen, weil Sekretärinnen den Namen eines vom Arzt verordneten Arzneimittels nicht richtig verstanden hätten. Eine phonetische Eingabe des Namens erleichtert nun das Herausfinden des korrekten Medikaments.

Ein Teil der Heidelberger Qualitätssicherung ist auch das sogenannte Decision-Matrix-Modell, das im klinischen Alltag Hochrisikobereiche identifizieren soll. Eine Expertengruppe definiert dabei für bestimmte Arbeitsabläufe oder auch für eine bestimmte Station die potenziellen Risikobereiche und setzt sie mit dem Wissen aller beteiligten Akteure über diese Risiken in Beziehung. „Auf diese Weise haben wir schnell herausgefunden, worauf wir im Alltag besonders achten müssen“, sagt Haefeli. Im Bereich der intravenösen Verabreichung von Arzneimitteln habe sich beispielsweise gezeigt, dass das Labelling zwar einen Hochrisikobereich darstelle, das Wissen der Mitarbeiter darüber jedoch so hoch gewesen sei, dass keine Komplikationen entstanden seien. Bei den Applikationsinkompatibilitäten war dieses Wissen hingegen weniger hoch. Das Monitoring hat ergeben, dass sich in 5,8 Prozent aller Fälle zwei Substanzen im Infusionsschlauch befanden, die physikalisch inkompatibel waren. Dieses Problem konnte unter anderem durch das Verwenden unbenutzter Schläuche behoben werden. Bei mehreren Treffen eines interdisziplinären Teams aus Ärzten, Pflegern, Apothekern und Qualitätsmanagern wurden neue Arbeitsanweisungen besprochen, und ein Jahr nach der Intervention waren inkompatible Infusionen auf 1,2 Prozent aller Fälle gesunken. „Banal, aber erfolgreich“, resümiert Haefeli.

Ein anderes Problem war, dass Arzneimittel für Kinder falsch zubereitet und verabreicht wurden. „Bei Pflegekräften lag die Fehlerquote bei 40 Prozent, bei den Eltern sogar bei 97 Prozent“, berichtet Haefeli. Nach einer Schulung konnten diese Werte auf 7,9 Prozent beziehungsweise 5,6 Prozent gesenkt werden.

Haefeli ist mit der Einführung dieser Qualitätssicherungsmaßnahmen sehr zufrieden: „Auf AiD-Klinik haben wir etwa 60 000 Mitarbeiteranfragen in jedem Monat.“ Man dürfe sich aber nicht allein auf das elektronische System verlassen, sondern müsse auch die Abläufe im Klinikalltag genau beobachten. „Denn die Fehler sieht man nur, wenn man auch hinschaut“, sagt Haefeli.
Falk Osterloh


CPOE und Cdss
Vergleichbare Verordnungssysteme sind unter anderem ifap praxisCENTER/i:fox, DocCheck Pillbox/Pro, Duria/AMIS, Meona, RpDoc, TheraOpt oder der Interaktioncheck von DocMorris.
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