ArchivDeutsches Ärzteblatt7/2010Erster Frauengesundheitsreport: Fortschritt braucht gesunde Frauen

POLITIK: Kommentar

Erster Frauengesundheitsreport: Fortschritt braucht gesunde Frauen

Dtsch Arztebl 2010; 107(7): A-267 / B-235 / C-231

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Dr. med. Waltraud Diekhaus, Vizepräsidentin des Weltärztinnenbundes für Zentraleuropa
Dr. med. Waltraud Diekhaus, Vizepräsidentin des Weltärztinnenbundes für Zentraleuropa
Nur eine gesicherte Datenlage mit konkreten Indikatoren, Zahlen und Zielen kann zu einer Verbesserung der gesundheitlichen Situation von Mädchen und Frauen führen. Diese Tatsache hat die Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) dazu bewogen, erstmals eine weltweite Bestandsaufnahme vorzulegen. Das Thema: Frauen und Gesundheit – Erkenntnisse von heute, Programme für morgen.

Der Report ist nach Lebensabschnitten gegliedert, die jeweils besondere gesundheitliche Relevanz haben: Kindheit (bis neun Jahre), Jugend (zehn bis 19 Jahre), Erwachsenenalter (20 bis 59 Jahre; hier wurde das Fortpflanzungsalter von 15 bis 44 Jahre eingeschlossen) und Ältere (ab 60 Jahre). Der Report legt eindringlich dar, dass die spezifischen Belange von Mädchen und Frauen noch längst nicht ausreichend berücksichtigt werden. Dennoch ist es nicht nur ein Bericht über Frauen oder für Frauen. Nach dem Motto „Improve Women’s Health – Improve The World“ ist er letztlich eine Aufforderung, die Welt zu verbessern.

Dafür braucht es Strategien auf Landes-, Regional- und auf globaler Ebene. De facto leisten Frauen 80 Prozent der Gesundheitsversorgung und Pflege, ohne selbst entsprechend versorgt zu sein. Sie leben durchschnittlich länger, aber eben nicht in guter gesundheitlicher Verfassung. In manchen Ländern, wie zum Beispiel in Teilen Asiens, wird ihr biologischer Vorteil durch geschlechtsspezifische Diskriminierung umgekehrt, so dass ihre Lebenserwartung dort sogar kürzer ist. Schwangerschaft und Geburt sind zwar keine Krankheiten, bringen aber vermehrt Gesundheitsrisiken mit sich. Geringere Chancen bei der Ausbildung, beim Einkommen, beim Recht auf einen Arbeitsplatz, wie auch der schwierigere Zugang zu gesundheitlicher Versorgung limitieren die Möglichkeiten von Mädchen und Frauen, sich um ihre Gesundheit zu kümmern. Armut wirkt sich negativ auf die Gesundheit aus. Während in reicheren Ländern die Mehrzahl der Todesfälle erst nach dem 60. Lebensjahr auftritt, ist die Todesrate in ärmeren Ländern bei Mädchen, Jugendlichen und jüngeren Frauen höher. Dasselbe Phänomen zeigt sich auch innerhalb eines Landes. Auch dort ist es in ärmeren Familien deutlich schlechter um die Gesundheit bestellt als in wohlhabenden. Der größte Unterschied zwischen reichen und armen Ländern betrifft die Müttersterblichkeit: 99 Prozent aller Todesfälle treten hierbei in Entwicklungsländern auf.

Für Frauen im gebärfähigen Alter stellen weltweit Sexualität, Schwangerschaft und Geburt einschließlich sexuell übertragbarer Krankheiten, insbesondere HIV, die größten gesundheitlichen Risikofaktoren dar. Zu den fünf führenden Todesursachen bei Mädchen und Frauen zählen weiter Tuberkulose und Verkehrsunfälle; in Südostasien stehen Verbrennungen an dritter Stelle der -Todesursachenstatistik.

Zu den häufigsten Todesursachen bei Frauen zwischen 20 und 59 Jahren gehört weltweit auch der Suizid, wobei neben individuellen Gegebenheiten das niedrige gesellschaftliche Ansehen, die Arbeitsbelastung und vor allem auch Gewalterfahrungen als Risikofaktoren gelten. Frauen über 60 Jahre sterben überall in der Welt hauptsächlich an kardiovaskulären Krankheiten und an Schlaganfällen. Zunehmend ist aber auch COPD Todesursache, denn viele Frauen werden im Haushalt durch die Rauchentwicklung an Öfen und durch Luftverschmutzung geschädigt. Mehr als 2,5 Millionen Frauen erblinden jedes Jahr, was bei rechtzeitiger gesundheitlicher Versorgung, zum Beispiel durch Kataraktoperationen, vermieden werden könnte. Auch das in ärmeren Ländern besonders bei Frauen häufig auftretende Trachom lässt sich behandeln und wäre also vermeidbar.

Viele Gesundheitsprobleme von Frauen haben ihren Ursprung schon in der Kindheit. Damit sich ein tieferes Verständnis dafür entwickeln kann, wie sehr sich Einflüsse in der Kindheit, der Jugend und im Erwachsenenalter auf das spätere Leben auswirken, geht der WHO-Bericht im Einzelnen auf die Bedeutung von Ernährung, Analphabetismus, Armut, Kindesmissbrauch, Risikoverhalten, Sexualpraktiken, Tabak- und Alkoholmissbrauch sowie Erziehung und Bildung ein.

Insgesamt wird deutlich, dass die Forschung und das Wissen über die Gesundheit von Frauen zu den wichtigsten Zukunftsthemen zählen, wenn weltweit Fortschritte in den Bereichen Gesundheit, Soziales und Wirtschaft erreicht werden sollen. Absolute Fairness, Solidarität und soziale Gerechtigkeit sind deshalb für die vier folgenden Ziele unabdingbar:

· Mehr Frauen müssen Führungs- und Entscheidungspositionen einnehmen.
· Die Gesundheitssysteme müssen besser auf weibliche Belange eingehen.
· Das Frauenbild und die Frauenrolle in der Gesellschaft müssen sich fundamental ändern.

Das Wissen und die intensive Forschung über die Gesundheitssituation von Frauen in allen Teilen der Welt müssen vertieft werden.

Frauengesundheit ist globaler Reichtum. Wenn Frauen in den Bereichen Gesundheit und Bildung nicht besser gestellt werden, kann es in der Welt keinen Fortschritt geben. Die Gleichstellung auf allen Gebieten würde auch als Motor für das Wirtschaftswachstum wirken.
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