ArchivDeutsches Ärzteblatt7/2010Studie: Dumpf und dreist
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Die Leserbriefe an das DÄ zum Thema Kinder in gleichgeschlechtlichen Familien sind leider einfach nur dumpf homophob!

Unter dem Deckmäntelchen der Sorge um Kinder in „Regenbogenfamilien“ . . . geben mehrere Leser ihre Vorurteile über Homosexuelle zum Besten. Allerdings meinen sie damit vor allem schwule Männer (die nur sieben Prozent der homosexuellen Familien mit Kindern stellen):

Sie seien in der großen Mehrzahl zu keiner Bindung fähig, lebten außerordentlich promisk, seien psychisch äußerst labil, häufige Überträger insbesondere von HIV und außerdem noch häufig pädophil.

Die von Jürg Rückert nicht näher spezifizierte Studie des Schweizer Bundesamtes für Gesundheit konnte ich nicht finden und somit seine Angaben nicht nachvollziehen. Für Deutschland gelten sie jedenfalls nicht. Aufgrund der nicht bekannten Grundgesamtheit von homosexuellen Männern und Frauen kann keine repräsentative Studie über ihre Lebens- und Verhaltensweise aufklären. In einer Studie des Wissenschaftszentrums Berlin im Auftrag der BZgA (Bochow et al.: Wie leben schwule Männer heute?, in: RKI: Epidemiologisches Bulletin, 47/2007, Berlin) haben jedoch über 8 000 schwule Männer Auskünfte gegeben. Kurze Auszüge:

– Knapp die Hälfte lebt in einer festen Partnerschaft.
– Ungefähr 50 Prozent der Befragten hatte mit drei oder weniger Partnern Geschlechtsverkehr in den letzten zwölf Monaten.
– 6,9 Prozent der schwulen Männer sind HIV-positiv.
– Übrigens: 13 Prozent haben verbale Gewalt erlitten (unter Jugendlichen in Ausbildung und Schule sind es 30 Prozent), sechs Prozent haben physische Gewalt erfahren.

Auch eine Rate von 90 Prozent aufgelöster Lebenspartnerschaften gehört in den Bereich der Mythen. Beispielsweise gilt für Berlin, einer Hochburg Homosexueller, dass zwischen 2001 und Juli 2008 weniger als sechs Prozent der eingetragenen Lebenspartnerschaften aufgelöst wurden (http://www.parlament-berlin.de:8080/starweb/adis/citat/VT/16/KlAnfr/ka16–12278.pdf).

In der Tat legen die Daten nahe, dass Homosexuelle häufiger an Depression und Suizidalität leiden. Daraus jedoch eine Kausalität zu schließen, verbietet sich! Wie Plöderl et al. schreiben, ist weithin ein Erklärungsmodell das des „Minoritätenstresses“ (Plöderl et al.: Homosexualität als Risikofaktor für Depression und Suizidalität bei Männern, Blickpunkt Der Mann 2009; 7 (4), A-Gablitz).

Dass Michael Schröter-Kunhardt schwule Männer in Sippenhaft nimmt für sämtliche Pädophilen, finde ich nicht nur gewagt, sondern dreist! Die Quellenangabe aus Neurotransmitter 5/2009, die Herr Schröter-Kunhardt nennt, ist falsch. Die übrigen von ihm genannten Studien wurden erst gar nicht mit einer Quellenangabe versehen. Er will mit ihnen nahelegen, dass schwule Paare Kinder adoptieren möchten, um sich an ihnen zu vergehen. Mir fehlen ob so viel menschenverachtender Dreistigkeit die Worte.

Mich bedrückt sehr, dass das DÄ diese lächerlich absurden Behauptungen abgedruckt hat. Leider finden sich auch in der Ärzteschaft, die es besser wissen könnte, vielfältige Vorbehalte gegenüber Lesben und Schwulen, von Transgendern gar nicht zu sprechen . . .

Man darf übrigens sehr wohl gegen ein Adoptionsrecht für Homosexuelle sein – aber man soll dann bitte nicht versuchen, es wissenschaftlich begründen zu wollen!
Christoph Hennig, 04277 Leipzig
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