ArchivDeutsches Ärzteblatt7/2010Biografische Miniaturen: Kollegiale Spurensuche

KULTUR

Biografische Miniaturen: Kollegiale Spurensuche

Dtsch Arztebl 2010; 107(7): A-293 / B-258 / C-254

Jachertz, Norbert

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Thomas Lennert: Fritz Demuth. Hentrich & Hentrich, Berlin 2009, 64 Seiten, broschiert, 5,90 Euro
Thomas Lennert: Fritz Demuth. Hentrich & Hentrich, Berlin 2009, 64 Seiten, broschiert, 5,90 Euro
Biografien vermitteln die wirkliche Zeitgeschichte oft unmittelbarer als die großen wissenschaftlichen Werke. Nehmen wir Fritz Demuth (1892–1944). Am Kaiser-Wilhelm-Institut für Gewebephysiologie erlebte er die wissenschaftlich fruchtbarsten Jahre seines Lebens. Unter Albert Fischer arbeitet er hier mit an „einer Methode, die es gestattet, Gewebe außerhalb des Körpers lebend und wachsend zu erhalten“. Nebenbei betreibt der junge Gewebeforscher eine Kinderarztpraxis in Berlin. Denn die Zeiten sind schwierig, erst recht, als sich nach 1933 der Wind völlig dreht. Denn Demuth ist Jude, wie viele seiner Berliner Kollegen. Bald ist er allein auf seine Kinderarztpraxis angewiesen. Die läuft zunächst erstaunlich gut, Arbeiter wie NS-Größen gehören unterschiedslos zur Klientel. Demuth, der getauft und mit einer „arischen“ Frau verheiratet ist, fühlt sich sicher. Ein Irrtum. 1939 flieht er mit seiner Familie nach Holland und kann hier sogar wieder wissenschaftlich arbeiten: Gewebezüchtung, Polio und Fleckfieber. Doch 1943 werden die Demuths in Amsterdam festgesetzt. Frau und Sohn kommen frei, er gelangt 1944 vom KZ Westerbork als Transportarzt nach Auschwitz. Dort stirbt er 1944 – an Fleckfieber. Frau und Sohn – sie sollte sich scheiden lassen, der Sohn sterilisiert werden – tauchen bis Kriegsende unter.

Demuths Geschichte hat sein Kollege, der Kinderarzt Thomas Lennert, sorgfältig recherchiert und so nüchtern wie berührend aufgeschrieben. Er stieß im Archiv für Kinder- und Jugendmedizin in Berlin auf einen Briefwechsel zwischen Demuth und einer Kollegin, forschte weiter und entdeckte schließlich in Holland Demuths Sohn Anton.

Lennerts kleine Demuth-Biografie umfasst 64 Seiten. Sie erschien in der Reihe „Jüdische Miniaturen“ des Berliner Verlages Hentrich & Hentrich, einem ganz ungewöhnlichen verlegerischen Unternehmen. Verlagsgründer Hentrich betrieb das Verlegen aus Passion und nicht um der Rendite willen. Er starb im September 2009 im Alter von 85 Jahren, verlegerisch aktiv bis zuletzt. Immerhin hat er kurz vor seinem Tod noch die Nachfolge geregelt. Die neue Inhaberin, Nora Pester (32), verspricht inhaltliche Kontinuität.

Verlag will Sparte ausbauen
Bisher ging der mutige kleine Verlag unermüdlich Spuren jüdischen Lebens nach und veröffentlichte eben solche Miniaturen und gelegentlich auch größere Werke „gegen Verdrängen und Vergessen“. Unter diesem Obertitel, der auch Verlagsprogramm sein könnte, dokumentierten der Rechtsmediziner Volkmar Schneider und der Psychiater Werner E. Platz 2008 ärztliche Verstrickungen in die „Euthanasie“-Morde in der thüringischen Anstalt Stadtroda. Ende des Jahres 2009 erschienen bei Hentrich & Hentrich die Ergebnisse des von der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Berlin initiierten Forschungsprojekts zur Berliner KV im Nationalsozialismus (Judith Hahn und Rebecca Schwoch: „Anpassung und Ausschaltung“) und das Gedenkbuch „Berliner jüdische Kassenärzte und ihr Schicksal im Nationalsozialismus“ (herausgegeben von Rebecca Schwoch).

Im Frühjahrsprogramm kündigt der Verlag nun drei weitere ärztliche „Miniaturen“ an, zwei zu Pionieren der Gastroenterologie, die Internisten Hermann Strauß (er starb 1944 im KZ Theresienstadt) und Ismar Boas (der sich 1938 beim Einmarsch der Nazis in Wien das Leben nahm), verfasst von ihrem Fachkollegen Harro Jenss, der im Hauptberuf als Gastroenterologe in einer Klinik im Badischen arbeitet. In der dritten „Miniatur“ stellt die Publizistin Dietlinde Peters den Sozialmediziner Curt Bejach vor. Bejach, Mitgründer des „Gesundheitshauses am Urban“, war im NS-Sinne mit dem doppelten „Makel“ behaftet, sowohl jüdisch als links zu sein. Auch das waren nicht wenige. Bejach wurde 1933 als Stadtarzt von Berlin-Kreuzberg entlassen, er starb 1944 in Auschwitz.

Der Verlag will solche „Miniaturen“ auch künftig verlegen, ja die biografische Sparte noch ausbauen. Das Programm soll indes um literarische Titel wie auch Sachbücher zu Kultur, Wissenschaft und Alltagsleben im jüdischen Kontext ergänzt werden. Zum Verlagsprogramm passt der neue Verlagssitz: in der Berliner Wilhelmstraße, zwischen „Topographie des Terrors“ und Jüdischem Museum.
Norbert Jachertz

Thomas Lennert: Fritz Demuth. Hentrich & Hentrich, Berlin 2009, 64 Seiten, broschiert, 5,90 Euro
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