ArchivDeutsches Ärzteblatt7/2010Chronisch-entzündliche Darm­er­krank­ungen: Therapie oft nicht leitliniengerecht

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Chronisch-entzündliche Darm­er­krank­ungen: Therapie oft nicht leitliniengerecht

Dtsch Arztebl 2010; 107(7): A-294 / B-234

Fath, Roland

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LNSLNS Viele Patienten mit Morbus Crohn erhalten Mesalazin, obwohl die Studiendaten zur Wirksamkeit bei dieser Darm­er­krank­ung sehr uneinheitlich sind.

Bei Patienten mit Colitis ulcerosa zählen 5-ASA-Präparate (5-Aminosalicylsäure, Mesalazin) zu den etablierten Therapien, bei Morbus Crohn ist der Stellenwert der Substanzen wegen uneinheitlicher Studiendaten deutlich geringer. Dies widerspricht aber offenbar der Versorgungssituation in der Hausarztpraxis sowie bei ambulant und klinisch tätigen Gastroenterologen. Nicht wenige Patienten mit leichtem Morbus Crohn scheinen zur Remissionserhaltung mit 5-ASA auszukommen.

Leitlinien sprechen von begrenzter Wirksamkeit
„5-ASA hat für mich in der Crohn-therapie bei ausgewählten Patienten eine Berechtigung“, sagte Prof. Dr. med. Wolfgang Kruis (Köln) in Wiesbaden. Der Internist vom Evangelischen Krankenhaus Kalk räumt ein, dass die Studienlage zu Mesalazin uneinheitlich sei. In einem Cochrane Review von 2007 gab es in der Schubbehandlung keine Unterschiede zwischen Mesalazin und Placebo. Auch in der remissionserhaltenden Therapie gibt es nur eine positive, aber zwei negative Studien.

In den aktuellen Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS) vom Herbst 2008 zur Therapie bei Morbus Crohn, an deren Erstellung Kruis selbst beteiligt war, heißt es so auch: „Die therapeutische Wirksamkeit von Mesalazin ist begrenzt“ und „die Wirkung zur Remissionserhaltung konnte durch Metaanalysen nicht bestätigt werden“. Lediglich in der postoperativen Remissionserhaltung wird 5-ASA „eine geringe Wirkung“ bescheinigt und der Einsatz befürwortet.

Die negativen Ergebnisse seien aber vielleicht ein Problem der Patientenauswahl, meinte Kruis. Sinnvoll sei der Ansatz von 5-ASA vor allem bei Patienten mit mildem Morbus Crohn, bei denen mit dem Medikament die Remission erreicht werden konnte. Auch diesen Passus findet man in der neuen DGVS-Leitlinie.

Weitere prospektive klinische Studien sind erforderlich
Aktuelle Daten aus der Versorgungsforschung scheinen die Einschätzung zu bestätigen. Morbus Crohn verlaufe sehr unterschiedlich, erklärte Kruis. So habe ein Teil der Patienten offenbar einen relativ leichten Krankheitsverlauf und benötige kaum Steroide. Circa jeder Vierte komme in der remissionserhaltenden Therapie mit 5-ASA aus.

Ein ähnliches Ergebnis hat auch die Zwischenauswertung einer in zwölf gastroenterologischen Praxen in Deutschland laufenden, vom Unternehmen Ferring unterstützten Untersuchung mit 103 neu diagnostizierten Crohnpatienten erbracht. Diese waren, soweit möglich, initial mit Mesalazin therapiert worden. Reichte dies nicht aus, wurden Steroide, Immunsuppressiva oder TNF-alpha-Blocker eingesetzt.

Im Verlauf von bis zu vier Jahren hatten 27 Prozent der Patienten einen leichten Verlauf, der mit Mesalazin (zum Teil mit einmaliger Steroidtherapie beim ersten Schub) ausreichend therapiert werden konnte. Prädiktive Faktoren für den leichten Verlauf waren ein höheres Alter bei Erstdiagnose, niedriges C-reaktives Protein und das Fehlen schwerer Schleimhautläsionen.

Weitere prospektive klinische Studien seien erforderlich, um den Stellenwert von Mesalazin beim leichten Verlauf des Morbus Crohn zu evaluieren, betonte Kruis.
Roland Fath

Presse-Round-Table „Zwischen Evidenz und Empirie: die Versorgungssituation von CED-Patienten in Deutschland“ in Wiesbaden, Veranstalter: Ferring
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