ArchivDeutsches Ärzteblatt8/2010Medizinstudium: Arzt werden ohne Abitur

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Medizinstudium: Arzt werden ohne Abitur

Dtsch Arztebl 2010; 107(8): A-303 / B-267 / C-263

Hibbeler, Birgit

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Dr. med. Birgit Hibbeler, Redakteurin für Gesundheits- und Sozialpolitik
Dr. med. Birgit Hibbeler, Redakteurin für Gesundheits- und Sozialpolitik
Medizin studieren ohne Einser-Abi. Das bleibt für viele nicht mehr als ein schöner Traum. Scharenweise wandern deshalb Abiturienten nach Ungarn ab oder klagen einen Studienplatz ein. Manche sammeln artig Wartesemester – und gehen trotzdem leer aus. Gleichzeitig könnte schon bald das Medizinstudium ganz ohne Abitur Realität werden. Die Landesregierung in Niedersachsen will ein entsprechendes Gesetz auf den Weg bringen. Demnach sollen Absolventen einer Ausbildung mit anschließender dreijähriger Berufspraxis fachbezogen studieren können. Das heißt im Klartext: Medizinische Fachangestellte oder Pflegekräfte könnten ohne Abitur Medizin studieren. Grundlage für die Initiative ist ein Beschluss der Kultusministerkonferenz. Andere Länder werden also wohl folgen.

Niedersachsen will mit dem Gesetz einem Fachkräftemangel entgegenwirken. Für manche Bereiche mag das sinnvoll sein, an den Problemen der Medizin geht es leider völlig vorbei. Schließlich fehlt es nicht an Bewerbern mit Zugangsberechtigung für das Studium. Die Frage ist vielmehr, nach welchen Kriterien die Zulassung erfolgen soll. Dazu gab es in den letzten Monaten eine ganze Reihe von Vorschlägen – von einem Test auf „Niederlassungswilligkeit“ bis hin zu einem reinen Losverfahren. Viele Hochschulen versuchen bereits, vernünftige Prüfsteine zu entwickeln – sei es durch naturwissenschaftliche Tests oder standardisierte Interviews. Schon heute können die Fakultäten nämlich 60 Prozent der Studierenden selbst auswählen. Doch vielerorts stellt man dabei fest: Es ist aufwendig und schwierig zu entscheiden, wer ein guter Student und vor allem wer ein guter Arzt wird. Ohne Blick auf das Abizeugnis werden die Plätze auch in diesen Verfahren nicht vergeben – zum Teil, weil die Ländergesetzgebung es verbietet. Andererseits wissen die Fakultäten: Die Abiturnote als Kriterium ist besser als ihr Ruf. Zumindest liegt die Abbrecherquote im Medizinstudium mit fünf Prozent weit unter der anderer Studiengänge.

„Auch Abiturienten mit einem Schnitt von 2,0 oder 3,0 können gute Ärzte werden“, sagt der gesundheitspolitische Sprecher der Unions-Bundestagsfraktion, Jens Spahn. Das stimmt. Genauso kann aber ebenfalls jemand mit einem 1,0-Abitur ein guter Arzt sein. Politiker, die den Ärztemangel und den Numerus clausus (NC) beklagen, müssten sich eher fragen, warum die Zahl der Studienplätze in den letzten Jahren deutlich gesunken ist. Im Jahr 2008 gab es 79 376 Medizinstudierende in Deutschland. 1993 waren es 90 594.

Dass ausgerechnet jetzt über den NC geschimpft wird, macht stutzig. In einem Beitrag für das Deutsche Ärzteblatt vermutete Dr. med. Astrid Bühren, Ehrenpräsidentin des Deutschen Ärztinnenbundes, folgenden Grund: Vielen passt es nicht, dass immer mehr Medizinstudierende weiblich sind. Die Diskussion lege den Schluss nahe, dass leistungsstarke junge Frauen vom Studium ferngehalten werden sollten. Männern mit schlechteren Abiturnoten solle hingegen der Zugang erleichtert werden. Damit könnte Bühren recht haben, denn Ärztinnen gelten vielfach als nicht voll einsatzfähig. Sie bekommen Kinder, arbeiten oftmals Teilzeit und finden meist keinen Mann, der von einem Leben als Gatte einer Landärztin träumt. Allerdings hilft es niemanden, alten Zeiten nachzutrauern. Bekanntlich wird das, was man neudeutsch als „Work-Life-Balance“ bezeichnet, auch für Männer immer wichtiger.

Dr. med. Birgit Hibbeler Redakteurin für Gesundheits- und Sozialpolitik
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