ArchivDeutsches Ärzteblatt8/2010Von schräg unten: Fragebogen

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Fragebogen

Dtsch Arztebl 2010; 107(8): [124]

Böhmeke, Thomas

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LNSLNS Sie sind in vielen Praxen gang und gäbe, die standardisierten Fragebogen, um wichtige Daten bei bislang unbekannten Patienten zu erhalten. Alles Wichtige von A wie Allergie bis Z wie Zusatzversicherungen wird erfragt, um das ärztliche Gespräch gezielt auf das aktuelle Problem zu fokussieren. Natürlich unterliegen diese Daten der Schweigepflicht, schon die Formulierung sollte dem Patienten die Gewissheit vermitteln, dass seine Angaben Grundlage eines vertrauensvollen Arzt-Patienten-Verhältnisses ist. Aber auch Fragebogen stellen sich mitunter infrage, müssen aktualisiert und ergänzt werden, um auch seltenen Krankheiten auf die Schliche zu kommen. Ich stricke nun meinen eigenen Praxisfragebogen um, da ich bisher eine Erkrankung nicht berücksichtigt hatte: die Skandalose. Dies ist eine medienvermittelte, in Schüben auftretende Erkrankung, die selektiv den ärztlichen Berufsstand befällt und durch schreibende Erreger bedingt ist.

Anlass zu der Aktualisierung meines Fragebogens ist eine Reporterin vom Privatfernsehen, die einen allgemeinärztlich tätigen Kollegen mit versteckter Kamera heimgesucht hat; als Agent Provocateur ließ sie sich ein Beruhigungsmittel verschreiben und hat sich nachher fürchterlich darüber erregt. Ein Skandal sei das, so meinte sie, das hätte der Arzt nicht tun dürfen, und brachte die Geschichte im Fernsehen unter. Nun, das Verschreiben eines Beruhigungsmittels zwecks Beschwichtigung einer aufgeregten Reporterin ist nicht gänzlich indikationsgerecht, aber durchaus nachvollziehbar. Jedoch sollte man in der Ära monatelanger Wartezeiten seine kostbare Zeit nicht mit Fernsehen verschwenden. Daher widme ich mich der Frage, wie ich die versteckten Kameras identifizieren und meine Zeit richtig Kranken widmen kann. Der Hinweis „Bitte Handys und Fernseher ausschalten!“ hat sich bereits in der Vergangenheit als völlig unwirksam erweisen. Mit der Frage „Sind Sie nicht auf der Suche nach Gesundung, sondern nach einer billigen Schlagzeile?!“ werde ich den eingebildeten Kranken wohl kaum entdecken können. Ich muss es viel geschickter, viel subtiler anstellen. Vielleicht so: „Sind Sie erfolglos journalistisch tätig?“ oder „Gibt es Ihrer Meinung nach viel zu wenig schlechte Medizinergeschichten?“ Nein, damit werde ich ebenfalls kaum Erfolg haben. Ich muss es positiver formulieren: „Erfüllt es Sie mit Freude, eine schlechte Schlagzeile über Ärzte zu lesen?“ Ja, das könnte Abwehrkräfte gegen Skandalose entwickeln.

Aber da stellt der Fragebogen mir die Frage, ob ich meinen Schutzbefohlenen wegen dieser Reporterin wirklich das Vertrauen aufkündigen soll. NEIN!

Dr. med. Thomas Böhmeke ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.
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