ArchivDeutsches Ärzteblatt8/2010Börsebius: Dekadenz im Geiste

GELDANLAGE

Börsebius: Dekadenz im Geiste

Dtsch Arztebl 2010; 107(8): A-348 / B-308 / C-300

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LNSLNS Manchmal beschleicht den grimmigen Betrachter das Gefühl, so weit weg kann die nächste Bananenrepublik gar nicht sein. Wenn in Köln Gier und Klüngel dafür sorgen, dass tonnenweise Eisenbügel nicht zur – lebenswichtigen – Sicherheit von großen Verkehrsprojekten eingesetzt werden, sondern andernorts zur sinnlosen Bereicherung unter Ausschluss des Gemeinwohls herhalten müssen, dann ist ebenso Unverständnis angesagt wie auch in der von Guido Westerwelle aus höchst parteieigennützigen Gründen losgetretenen Volte, ob Hartz-IV-Empfänger ein dekadentes Lotterleben zulasten der arbeitenden Klasse führen dürfen. Das prompte Gegengeschrei aus allen möglichen Lagern folgte zwangsläufig auf dem Fuße, Scheinheiligkeit inbegriffen.

Natürlich haben die Betroffenen das Recht auf eine anständige materielle und menschliche Behandlung, daran besteht doch gar kein Zweifel, aber hier wie dort geht es höchst selten um die Sache an sich, sondern darum, sich aus dem zerdepperten Porzellan noch die besten Stücke zu sichern und dann gehässig auf die Scherben der anderen zu zeigen.

Korruption, Ellenbogenmentalität und soziale Eisigkeiten nehmen auch hierzulande offenbar drastisch zu. Persönlich scheint mir der ehrbare Kaufmann immer mehr auf der Strecke zu bleiben. Zum Sittenverfall gehört etwa, dass großflächig Mitarbeiter ausspioniert (Telekom, Lidl) oder Schlecker- Beschäftigte in eine eigene Zeitarbeitsfirma versetzt werden, um Tarife auszuhebeln.

So gesehen sind Banker mit ihrem verhunzten Ansehen eben nicht die große Ausnahme, wie es zuweilen so schien, sondern halt Teil einer Schnittmenge, in der die Dekadenz im Geiste fröhliche Urständ feiert.

Was lehrt uns das alles? Für Anleger ist es wichtig, das an sich berechtigte Renditedenken nicht von der gefährlichen Gier nach immer mehr beherrschen zu lassen. Ganz wichtige Tugenden im Geldgeschäft sind Bescheidenheit und Geduld, aber auch ein gehöriges Misstrauen.

Wer einem geschniegelten Banker all das glaubt, was dieser ihm auftischt, wird früher oder später eines Besseren belehrt werden. Wer auf Renditeversprechungen von mehr als zehn Prozent hereinfällt, ist am Ende selber schuld, wenn das Geld ganz verloren ist. Der besonnene Investor weiß, dass derzeit schon der Erhalt des Vermögens eine gute Anlageleistung ist. Später, wenn die Zinsen wieder steigen, kann die Ernte dann auch ergiebiger werden. Alles hat eben seine Zeit.


Börsebius-Telefonberatung „rund ums Geld“
Wie an jedem 1. Samstag des Monats, können Sie auch am 6. März 2010 in der Zeit von 9 bis 13 Uhr Börsebius (Diplom-Ökonom Reinhold Rombach) anrufen (0221 985480-17). Die kostenlose Telefonberatung ist ein spezieller Service des Deutschen Ärzteblattes für seine Leser.
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