ArchivDeutsches Ärzteblatt6/2010Anton Tschechow (1860–1904): Kürze ist die Schwester des Talents

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Anton Tschechow (1860–1904): Kürze ist die Schwester des Talents

Dtsch Arztebl 2010; 107(6): A-230

Goddemeier, Christof

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Vor 150 Jahren wurde der Arzt und Dichter geboren.

Anton Tschechows Werk lässt sich im Unterschied zu dem des älteren Fjodor Dostojewski nicht parteilich und weltanschaulich vereinnahmen. Denn er war kein „engagierter“ Autor; sein Werk wartet nicht mit Gedanken, Ideen und Lebensweisheiten auf, sondern empfiehlt seinen Lesern den schlichten Menschenverstand und dessen Gebrauch. „Ich bin kein Liberaler, kein Konservativer, kein Reformer, kein Mönch, kein Indifferenzler. Ich möchte ein freier Künstler sein und weiter nichts“, schrieb er. Dazu sind ihm die Menschen, die er beschreibt, im Wortsinn gleich gültig: „Nur die Gleichgültigen sind in der Lage, die Dinge klar zu sehen, gerecht zu sein und zu arbeiten . . .“, notierte er in einem Brief.

Am 29. Januar 1860 wird Anton Tschechow in Taganrog am Asow’schen Meer geboren. In einem Brief beklagt er sich über die „asiatische Dumpfheit“ der Bewohner. Doch die Verbindung zu seiner Geburtsstadt reißt zeitlebens nicht ab. 1861 hebt Zar Alexander II. die Leibeigenschaft auf. Tschechows Großvater hat sich bereits 1841 freigekauft. Freigekommene gelten in der sozialen Ordnung jedoch nicht viel. So kämpft Tschechows Vater sein ganzes Leben um Anerkennung. „Despotismus und Lüge haben unsere Kindheit dermaßen vergällt, dass . . . man Angst hat, sich daran zu erinnern“, schreibt Tschechow in einem Brief an seinen älteren Bruder. Über seine Jugend sagt er: „. . . erzogen zur Ehrfurcht vor Ranghöheren, zum Küssen von Popenhänden, zur Verbeugung vor fremden Gedanken, . . . oft verprügelt . . . “ Im Schwank „Die Hochzeit“ macht er sich über die naive Idealisierung Griechenlands in seiner Heimatstadt lustig. Dem griechischen Konditor Dymba zufolge gibt es dort sogar Tiger und Löwen: „In Rußland es gibt nichts, in Griechenland es gibt alles. Dort ich habe meine Vater und Onkel und Brüder, aber hier – nichts.“

1879 wird Tschechow zum Medizinstudium in Moskau zugelassen. Noch wenige Jahre zuvor sind russische Ärzte deutlich geringer angesehen als ihre ausländischen Kollegen. Das ändert sich mit den Reformen der 1860er Jahre. Als Tschechow 1884 sein Studium beendet, tritt er in einen Berufsstand mit guter Reputation ein. Nach Aushilfstätigkeiten als Landarzt eröffnet er in Moskau eine eigene Praxis. Anfang 1886 kann er zwei an Typhus Erkrankte nicht retten und entfernt darauf das Praxisschild von seiner Haustür. Leben kann er von seiner ärztlichen Tätigkeit nicht. Patienten gibt es zwar genug, doch Tschechow behandelt Freunde, Kollegen und wenig Betuchte unentgeltlich.

Seit 1880 hat er, immer wieder von der Zensur behindert, circa 200 Kurzgeschichten in Zeitschriften veröffentlicht. Auch aus finanziellen Gründen setzt er diese Arbeit nun fort. Über den Zusammenhang zwischen Medizin und seiner Literatur äußert er sich 1900 in einem Almanach der Moskauer Universität: „Ich bezweifle nicht, dass meine Beschäftigung mit den medizinischen Wissenschaften großen Einfluss auf meine literarische Tätigkeit gehabt hat, sie hat den Horizont meiner Beobachtungen beträchtlich erweitert, hat mich um Kenntnisse bereichert, deren wahren Wert für mich als Schriftsteller nur der ermessen kann, der selbst Arzt ist; . . . und wahrscheinlich ist es mir, dank meiner Nähe zur Medizin, gelungen, viele Fehler zu vermeiden.“ Bis etwa 1888 erwägt Tschechow, die Literatur aufzugeben und als Arzt zu arbeiten. „Die Medizin ist meine gesetzliche Ehefrau, die Literatur meine Geliebte“, schreibt er. In seiner Zeit als Lohnschreiber lernt er punktgenaues Schreiben und beklagt sich über das Joch der „Zeilenschinderei“. Doch an anderer Stelle sieht er die Notwendigkeit, Geld zu verdienen, als wesentlichen Antrieb für einen Schriftsteller. Wie kaum jemand versteht es Tschechow, noch den kleinsten Anlass in Literatur zu verwandeln. Um das zu verdeutlichen, stellt er einem Freund einen Aschenbecher hin: „Wenn Sie wollen, ist morgen die Geschichte fertig. Überschrift: Der Aschenbecher.“

Eine geschlossene Ästhetik hinterlässt Tschechow nicht. Wird er von angehenden Autoren um Rat gefragt, rät er vor allem zu streichen: „Je dichter, je kompakter, desto ausdrucksvoller und schärfer.“ Thomas Mann wird nach eigenem Bekunden erst durch Tschechow klar, „welche inneren Maße . . . das Kurze und Knappe gewinnen, in welcher . . . Gedrängtheit es die ganze Fülle des Lebens in sich aufnehmen . . . kann“. Damit fordert Tschechow die Leser auf, sich Personen und Szenen, die er eher evoziert als beschreibt, selbst auszumalen. Die Kehrseite dieses Verfahrens: Mit der langen Form tut er sich zeitlebens schwer. Trost und utopische Entwürfe bieten seine Erzählungen nicht. Dem Menschen im Allgemeinen gegenüber bleibt er skeptisch, von Helden, Idealen, Dogmen und Programmen hält er nichts. Das Menschliche am Menschen ist hinter dem Furchtbaren und Banalen nur manchmal zu erahnen. „Ich glaube an den einzelnen Menschen“, schreibt er und sieht die Rettung in „Einzelpersönlichkeiten, die . . . über ganz Russland verstreut sind . . ., in ihnen liegt die Kraft, auch wenn sie nur ein kleines Häufchen sind“.

Tschechows Einfluss auf das Drama des 20. Jahrhunderts ist kaum zu ermessen; zahlreiche Autoren von Jean Anouilh bis George Bernard Shaw berufen sich auf ihn. Seine Art, eher dialogisch als deskriptiv vorzugehen, legt früh eine Tätigkeit für das Theater nahe. 1878 entsteht das Stück „Die Vaterlosen“. In der Figur des Dorflehrers Platonow gestaltet Tschechow hier jenen „überflüssigen Menschen“, den Iwan Turgenew in einem Essay so beschrieben hat: „. . . er verachtet sich selbst, doch gleichzeitig . . . lebt er und nährt er sich von dieser Verachtung.“ Das Drama enthält bereits wesentliche Themen der späteren Bühnenwerke: die wirtschaftliche Situation des Landadels, der dabei ist, seine Existenzgrundlage zu verlieren, Träume von einem besseren Leben, die nie zur Tat werden, und das Lebensgefühl der Intelligenzija, die vor dem eintönigen Leben in der Provinz in Alkohol, Lethargie und Liebesaffären flüchtet. Die Bühne lässt Tschechow nicht mehr los. Nach einigen kurzen Stücken legt er 1887 mit „Iwanow“ erneut einen Vierakter vor. Das Stück kommt erst zwei Jahre später nach einer Umarbeitung beim Publikum an. Auch mit den Dramen „Die Möwe“, „Onkel Wanja“ und „Drei Schwestern“ tut das Publikum sich zunächst schwer. Weitgehend fehlende Handlung, Dialoge, in denen die Sprechenden einander verfehlen, langes Schweigen – daran sind die Zuschauer nicht gewöhnt. Tschechow nennt seine Stücke „Komödien“. Seine Vorstellung vom Komischen als dem Unangemessenen, als fehlende Übereinstimmung von Wünschen und Können, von Selbstbild und Realität verwirrt das Publikum. Sein letztes Stück „Der Kirschgarten“ wird 1904 unter der Regie von Konstantin Stanislawskij zwar ein Erfolg. Doch Tschechow ist nicht zufrieden; zu seinem Ärger missversteht der Regisseur das Drama als Tragödie und inszeniert es naturalistisch, in Tschechows Worten „unkonzentriert und grell“.

Auf der Halbinsel Krim, wo Tschechow Linderung von der Tuberkulose sucht, begegnet er 1900 Leo Tolstoi (r.). Dieser nannte Tschechow einen „der wenigen Schriftsteller, die man, ähnlich wie Dickens oder Puschkin, immer wieder von neuem lesen kann“. Foto: Ullstein Bild
Auf der Halbinsel Krim, wo Tschechow Linderung von der Tuberkulose sucht, begegnet er 1900 Leo Tolstoi (r.). Dieser nannte Tschechow einen „der wenigen Schriftsteller, die man, ähnlich wie Dickens oder Puschkin, immer wieder von neuem lesen kann“. Foto: Ullstein Bild
Knapp die Hälfte seines Lebens leidet Tschechow unter Lungen­tuber­kulose. Bereits 1883 stellt er an sich erste Zeichen der Er­krankung fest, 1884 tritt sie offen zutage. Doch der Arzt will seinen Zu­stand nicht wahr­haben: „Die Ur­sache ist wahr­scheinlich ein ge­platztes Gefäß.“ Zwei Jahre später hustet er Blut und hat Angst, sich unter­suchen zu lassen. „Plötzlich ent­decken die etwas wie ein ver­längertes Aus­hauchen oder eine Dämpfung! Mir scheint, dass bei mir weniger die Lungen schuld sind als vielmehr der Hals“, schreibt er an seinen Mentor Nikolaj Lejkin. Die Erkrankung entwickelt sich langsam, Zeiten relativen Wohlbefindens und akute Krankheitsphasen wechseln einander ab. 1889 stirbt sein Bruder Nikolaj an der Schwindsucht. Ab 1894 erhofft Tschechow sich immer wieder vom milden Klima auf der Halbinsel Krim Linderung seiner Symptome.

Mit Tschechows literarischer „Gleichgültigkeit“ korrespondiert eine apolitische, überparteiliche Haltung. Nach seiner Reise zur Sträflingsinsel Sachalin engagiert er sich jedoch sozial, organisiert etwa 1892 und 1893 Vorsorgemaßnahmen gegen drohende Choleraepidemien. Im Zusammenhang mit der Dreyfus-Affäre äußert er sich 1898 zum ersten Mal politisch, indem er Emile Zolas Parteinahme für Alfred Dreyfus entschieden unterstützt.

Glückliche Liebe findet man in Tschechows Werk nur momenthaft. Und es scheint, als ob er selbst dauerhaft angelegte Verbindungen gefürchtet habe. Doch 1898 lernt er Olga Knipper kennen und verliebt sich in sie. 1901 heiraten der von seiner Krankheit gezeichnete Dichter und die erfolgreiche Schauspielerin. Drei Jahre später ist Tschechow ein todkranker Mann. Anfang Juni 1904 reist das Paar über Ber-lin nach Badenweiler, wo Anton Tschechow wenige Wochen später stirbt. Christof Goddemeier
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1.
Bartlett, R: Anton Cechov – Eine Biographie. Wien 2004.
2.
Scheck, FR: Anton Cechov. München 2004.
1. Bartlett, R: Anton Cechov – Eine Biographie. Wien 2004.
2. Scheck, FR: Anton Cechov. München 2004.

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