ArchivDeutsches Ärzteblatt8/2010Telemedizin: Teil ärztlichen Handelns

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Telemedizin: Teil ärztlichen Handelns

Dtsch Arztebl 2010; 107(8): A-314 / B-278 / C-274

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LNSLNS Telematik gewinnt an Bedeutung für die ärztliche Tätigkeit. Die Bundes­ärzte­kammer will das Thema E-Health stärker mitgestalten und die Entwicklung telemedizinischer Anwendungen fördern.

Während die Einführung der elektronischen Gesundheitskarte (eGK) nicht vom Fleck kommt, hat die Telemedizin in den letzten Jahren zunehmend Fahrt aufgenommen. Die Informations- und Kommunikationstechnologien durchdringen verstärkt den medizinischen Tätigkeitsbereich. Prozessoptimierung unter Kosten- und Effizienzgesichtspunkten steht dabei jedoch häufig im Vordergrund – auch beim Aufbau der geplanten bundesweiten Tele­ma­tik­infra­struk­tur (TI) für das Gesundheitswesen. Diese einseitige Gewichtung soll sich nach dem Willen der Bundes­ärzte­kammer (BÄK) künftig ändern: „Die medizinischen Anwendungen müssen stärker in den Fokus der Telematik rücken. Telemedizin ist ein Teil ärztlichen Handelns“, betonte Prof. Dr. med. Christoph Fuchs, Hauptgeschäftsführer der BÄK, bei einem Telemedizin-Workshop der Bundes­ärzte­kammer in Berlin. Um die zu techniklastige, industriegetriebene Diskussion wieder stärker auf die medizinischen Anwendungsaspekte zu lenken und „weil die ärztliche Profession ihre Zukunft gestaltet, wenn sie sich diesem Thema widmet“, werde man die Aktivitäten im Bereich Telematik intensivieren, kündigte Fuchs an.

Neue Arbeitsfelder für Ärzte im Krankenhaus: „Das Telemedizinzentrum wird genauso wichtig wie ein Echolabor.“ Foto: BMWi/next generation media 2008
Neue Arbeitsfelder für Ärzte im Krankenhaus: „Das Telemedizinzentrum wird genauso wichtig wie ein Echolabor.“ Foto: BMWi/next generation media 2008
Eigenes Dezernat Telematik

So hat die Bundes­ärzte­kammer die bisherige Stabsstelle in ein eigenes Dezernat für Telematik umgewandelt und damit einen Beschluss des 112. Deutschen Ärztetags umgesetzt. Dies zeigt die wachsende Bedeutung, die das Thema für die Ärzte neben anderen zentralen Aufgaben wie Weiterbildung, Gebührenordnung oder Qualitätssicherung inzwischen gewonnen hat. Das neue Dezernat unter der Leitung von Norbert Butz wird sich vor allem mit der Herausgabe und Weiterentwicklung des elektronischen Heilberufsausweises, dem Aufbau der Tele­ma­tik­infra­struk­tur (einschließlich der elektronischen Gesundheitskarte) und der Telemedizin beschäftigen.

Im Rahmen dieser Aufgaben will die Bundes­ärzte­kammer die Entwicklung der Telemedizin fördern und eine Informationsdrehscheibe zur Beratung von Einzelprojekten etablieren, um erfolgreiche Anwendungen in der Patientenversorgung zu verankern. Der Hintergrund: Unabhängig vom Aufbau der Tele­ma­tik­infra­struk­tur gibt es inzwischen eine Vielzahl von Telemedizinprojekten, viele davon entstanden aus ärztlicher Initiative. Und während das ungeliebte eGK-Projekt aus Sicht der Ärzte ein „vom Gesetzgeber übergestülptes Top-down-Modell“ (Fuchs) ist, haben sich die Telemedizinprojekte quasi „bottom-up“ entwickelt. „Dabei handelt es sich vorwiegend um regionale, teilweise hocheffiziente Insellösungen. Die meisten wissen aber nichts voneinander. Eine Vernetzung unter den Projekten ist nur gering ausgeprägt, obwohl alle vor ähnlichen Problemen stehen, was beispielsweise die Finanzierung, die Technik oder organisatorische und juristische Fragen betrifft“, erläuterte Dr. med. Franz-Joseph Bartmann, Vorsitzender des Ausschusses Telematik der BÄK.

Weil man relativ wenig über die Projekte weiß und ein Register hierzu derzeit erst aufgebaut wird, hat die Bundes­ärzte­kammer im Oktober 2009 eine Umfrage zu den „Erfolgsfaktoren und Umsetzungsbarrieren klinischer Telemedizinprojekte“ gestartet. 34 Projekte wurden dabei in einem offenen Fragebogen befragt. Die hohe Rücklaufquote von 79 Prozent weist Bartmann zufolge auf eine „Beratungslücke“ und den bestehenden Austauschbedarf hin. 82 Prozent der in die Umfrage einbezogenen Projekte berichten über technische oder personelle Probleme. Genannt wurden vor allem Akzeptanzprobleme der neuen Methode bei Ärzten oder anderen Gesundheitsberufen (57 Prozent), fehlende Standards für die Daten- und Austauschformate (43 Prozent) und der Mangel an geeignetem Fachpersonal (30 Prozent).* Bemerkenswert gering waren mit vier Prozent hingegen Akzeptanzprobleme bei den Patienten.

Bei 54 Prozent der Projekte traten Finanzierungsprobleme auf. Gründe hierfür liegen vor allem an fehlenden Abrechnungsmöglichkeiten. Für die meisten Projekte ist daher der Übergang vom geförderten Pilot- in den Regelbetrieb problematisch. So sehen etwa 40 Prozent der Projekte nach der Anschubfinanzierung keine Möglichkeit, den Regelbetrieb zu finanzieren.

Ein Viertel der Projekte bestätigte außerdem juristische Probleme. Diese betrafen vor allem Haftungsfragen bei der Fernbehandlung sowie Datenschutzaspekte bei der Zugriffsprotokollierung und Datenspeicherung.

Telemedizin in das Gesundheitswesen zu integrieren, ist somit keine einfache Aufgabe. Einige sehr verschiedenartige Best-practice-Beispiele wurden beim Workshop vorgestellt und diskutiert.

Beispiel medizinische Seefunkberatung „Telemedical Maritime Assistance Service Germany“ am Krankenhaus Cuxhaven (www.medico-cuxhaven.de): Das Krankenhaus betreibe seit 80 Jahren Telemedizin und stelle über eine Leitstelle die direkte kostenfreie funkärztliche Beratung der Seeleute auf allen Weltmeeren rund um die Uhr durch Fachärzte zur Verfügung, berichtete Dr. med. Christian W. Flesche. Seit 1978 ist etwa die UKW-Übertragung von 3-Kanal-EKGs möglich, seit 2000 wird die Übertragung digitaler Fotos zur Diagnosestellung praktiziert. Zum Erfahrungsschatz des „Telearztes“ zählt die Einsicht: „Je technisierter ein Beratungssystem ist, desto routinierter muss man es beherrschen, damit es im Alltag funktioniert.“ Angelernte Laien reichten für den Betrieb nicht aus. Vielmehr müsse der beratende Arzt die Rahmenbedingungen, wie etwa die Wetterverhältnisse vor Ort, kennen, um die medizinischen Interventionsmöglichkeiten auf See realistisch einschätzen zu können, so Flesche.

Beispiel „Partnership for the Heart“ (www.partnership-for-the-heart.de). In dem Forschungsprojekt wird ein Telemonitoringsystem einschließlich elektronischer Patientenakte für die Betreuung von Herzinsuffizienzpatienten erprobt und evaluiert. In der noch bis April 2010 laufenden Langzeitstudie TIM-HF („Telemedical Interventional Monitoring in Heart Failure“) werde die medizinische und ökonomische Überlegenheit des Verfahrens gegenüber der Standardtherapie bei chronischer Herzinsuffizienz überprüft, erläuterte der Studienleiter Dr. med. Friedrich Köhler, Charité – Universitätsmedizin Berlin. Bei erfolgreichem Abschluss der randomisierten kontrollierten multizentrischen Studie sollen die Ergebnisse dem Gemeinsamen Bundes­aus­schuss als Grundlage dienen, um über die Übernahme in die Regelversorgung zu entscheiden.

Generell sind Dauer, Intensität und Patientenprofile des Telemonitorings Köhler zufolge noch zu klären. Herausforderungen sieht er vor allem in der Definition telemedizinischer Struktur- und Prozessqualität und in der Weiter- und Fortbildung des erforderlichen Fachpersonals. Hier sind auch die Fachgesellschaften gefordert. Seiner Ansicht nach werden neue Arbeitsfelder innerhalb der Krankenhäuser entstehen: „Das Telemedizinzentrum wird genauso wichtig wie das Echolabor.“

Im Teleradiologieprojekt Rhein-Neckar-Dreieck wird in einem mehrere Bundesländer (Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, Hessen) übergreifenden Netzwerk eine Infrastruktur aufgebaut, die eine schnelle und zuverlässige teleradiologische Anbindung von unfallchirurgischen und neurochirurgischen Zentren sowie der regionalen Schlaganfallstationen ermöglicht. Konsultation und Befundung (Teleradiologie nach der Röntgenverordnung) seien die wesentlichen Anwendungsfelder, berichtete Priv.-Doz. Dr. med. Gerald Weisser, Universitätsmedizin Mannheim. Der Radiologe verwies darauf, dass regelmäßige Vor-Ort-Besuche der Teleradiologiepartner und aufwendige Schulungen erforderlich seien, da 95 Prozent der Fehler auf organisatorische Probleme und Bedienungsfehler zurückzuführen seien.

Eigenständige Entwicklung
Erfolgreiche Telemedizinprojekte, so ein Fazit des Workshops, sind häufig an vorhandene regionale Versorgungsstrukturen gebunden („nicht alles funktioniert überall“). „Telemedizin ist eine eigenständige, sehr dynamische Entwicklung, unabhängig vom Aufbau der Tele­ma­tik­infra­struk­tur“, befand Fuchs abschließend. Auch wenn die flächendeckende TI nicht die Voraussetzung für eine funktionierende Telemedizin ist, könnte sie gleichwohl die Effizienz in den Projektinseln erhöhen. Mittel- bis langfristig wäre sogar eine Kongruenz beider Prozesse möglich.
Heike E. Krüger-Brand
*Mehrfachnennungen waren möglich.


Begriffserläuterungen
Telematik: Bezeichnung für eine Technologie, die Telekommunikation und Informatik verbindet und den Austausch von Daten ermöglicht.

Telemedizin: Teilbereich der Telematik im Gesundheitswesen; Bezeichnung für medizinische Anwendungen, bei denen die Überwindung einer räumlichen Trennung zwischen Arzt und Patient oder zwischen Ärzten untereinander durch Zuhilfenahme von Informations- und Kommunikationstechnologien im Vordergrund steht. Beispiele sind Telemonitoring, Telekonsil, Telediagnostik.

E-Health: Nicht klar definierter Begriff, häufig gleichgesetzt mit Gesundheitstelematik; im Unterschied dazu sehen manche bei E-Health den Nutzen für eine patientenorientierte gesundheitliche Versorgung im Vordergrund. Nach Wikipedia hat die 58. World Health Assembly der Welt­gesund­heits­organi­sation 2005 erklärt, dass „E-Health den kostengünstigen und sicheren Einsatz von Informations- und Kommunikationstechnologien beschreibt, um die allgemeine Gesundheit zu fördern“ – das umfasst die Unterstützung des Gesundheitssystems und der Gesundheitsberichterstattung, die Gesund­heits­förder­ung sowie Wissen und Forschung.

Glossare zur Gesundheitstelematik:
Bundes­ärzte­kammer:
www.baek.de/page.asp?his=1.134.3418
Deutsche Gesellschaft für Telemedizin:
www.dgtelemed.de/de/telemedizin/glossar
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