ArchivDeutsches Ärzteblatt8/2010Private Kran­ken­ver­siche­rung: Anspruch und Wirklichkeit

POLITIK

Private Kran­ken­ver­siche­rung: Anspruch und Wirklichkeit

Dtsch Arztebl 2010; 107(8): A-316 / B-280 / C-276

Flintrop, Jens

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LNSLNS Ein Gutachten für das Bundeswirtschaftsministerium stellt der PKV-Branche ein verheerendes Zeugnis aus: Nur in der Theorie sind Privatversicherte demnach besser vor steigenden Beiträgen geschützt als Kassenpatienten.

Das Angebot der privaten Kran­ken­ver­siche­rung (PKV) ist klar formuliert. Versprochen wird eine erstklassige medizinische Versorgung bei lebenslang konstanten Prämien. Die im Vergleich zur gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) höheren Honorare motivierten die Ärzte und Krankenhäuser zu herausragenden Leistungen bei der Behandlung von Privatpatienten. Anders als in der GKV seien Leistungskürzungen in der PKV zudem ausgeschlossen. Eine risikoäquivalente Prämienkalkulation und der Aufbau von Alterungsrückstellungen sollen das System dabei unabhängig von demografischen Veränderungen machen. Dies schütze die Versicherten besser gegen das Risiko steigender Beiträge als das Umlageverfahren in der GKV.

Die Wirklichkeit sieht anders aus. Zumindest, wenn man dem Gutachten Glauben schenken kann, das das IGES-Institut in Berlin in Zusammenarbeit mit dem ehemaligen Wirtschaftsweisen Prof. Dr. Bert Rürup noch im Auftrag der alten Bundesregierung erstellt hat: „Das Konzept alterskonstanter Prämien greift angesichts einer steigenden Lebenserwartung und angesichts eines ausgabentreibenden medizinischen Fortschritts zu kurz“, heißt es dort. Trotz der Alterungsrückstellungen könnten daher auch sprunghafte Beitragserhöhungen in der PKV nicht ausgeschlossen werden. Für eine bessere Versorgung von Privatpatienten gebe es zudem keine Belege; diese profitierten allenfalls von kürzeren Wartezeiten: „Im Wesentlichen werden für aus medizinischer Sicht vergleichbare Leistungen in der PKV höhere Preise gezahlt.“

Seit einigen Jahren steigen die Ausgaben in der PKV schneller als die in der GKV. Dies ist auch auf die zahlreichen Kostendämpfungsmaßnahmen der vergangenen Jahre im gesetzlichen Bereich zurückzuführen. Anders als im PKV-System kann der Gesetzgeber hier Preise regulieren und Mengen begrenzen.

Der Studie zufolge stiegen die Leistungsausgaben je Versicherten in der PKV zwischen 1997 und 2008 um 49 Prozent. Bei den Krankenkassen waren es im selben Zeitraum „nur“ 31 Prozent. Je stärker aber die politischen Eingriffe in der GKV wirkten, „desto eher neigen die Leistungsanbieter dazu, die damit verbundenen Umsatzeinbußen durch Erlöse aus der Behandlung von privat versicherten Patienten zu kompensieren“, konstatieren die Wissenschaftler. Die privaten Anbieter müssten deshalb dringend mehr Möglichkeiten erhalten, direkt mit den Leistungsanbietern Verträge zu schließen.

Die „Kompensationsstrategie von Leistungsanbietern“ (IGES) ist mitverantwortlich dafür, dass viele Privatversicherer ihr Versprechen lebenslang konstanter Prämien nicht einhalten. Doch Rürup et al. werfen den Unternehmen in diesem Punkt auch kalkulierten Wortbruch vor. Die Branche nutze ihre Spielräume bei der Tarifgestaltung, um jungen Versicherten besonders gute Angebote machen zu können. Es gebe deutliche Hinweise darauf, „dass viele PKV-Unternehmen in den vergangenen Jahren über neu auf den Markt eingeführte Tarife eine Politik der Risikoseparierung betrieben haben“. Diese Politik führe zwangsläufig zu überdurchschnittlichen Prämienerhöhungen in der Folgezeit. Dann habe der Kunde aber faktisch kaum noch die Möglichkeit, den Anbieter zu wechseln. Denn dies erfordert -eine erneute Risikoprüfung. Zudem droht der Verlust von Alterungsrückstellungen. Um diesen Missstand zu beheben, seien für jeden Versicherten individuell kalkulierte Alterungsrückstellungen zu bilden, fordern die Studienautoren.
Jens Flintrop
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