ArchivDeutsches Ärzteblatt8/2010Migration: Anspruch auf optimale Betreuung
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. . . Es gibt erbliche Erkrankungen, wie die Thalassämien und Sichelzellkrankheiten, die es nur bei Migranten gibt, über die unsere Medizinstudenten so gut wie nichts erfahren im Studium und über die deshalb viele Kollegen in Deutschland wenig bis nichts wissen. Diese Problematik wird nicht erwähnt in den beiden Artikeln über die medizinische Versorgung von Migranten. Wenn es Migranten geglückt ist, sich in unserem Gesundheitssystem zurechtzufinden (so schwer ist das gar nicht!), dann stehen sie vor Ärzten, die nicht in der Lage sind, bei einer Schwangeren die Trägerschaft einer Thalassämie beziehungsweise Sichelzellkrankheit festzustellen, um eventuell die Geburt eines Kindes mit Thalassaemia major oder einer Sichelzellkrankheit zu verhindern. Die deutschen Mutterschaftsrichtlinien sehen in der frühen Schwangerschaft lediglich die Bestimmung des Hämoglobinwertes vor, ohne die Erythrozytenindices, die in allen unseren Nachbarländern die Basis des Thalassämie-Screenings sind. Unsere Migranten stehen vor Ärzten, die im Jahr 2009 bei einem türkischen Paar, das pränatale Diagnostik wünscht, weil sie Vetter und Cousine sind, eine Amniozentese durchführen, um einen M. Down auszuschließen. Das Kind wird geboren mit einer homozygoten Sichelzellkrankheit, da beide Partner HbS-Träger sind. Es wurde demnach überhaupt nicht an die in der betreffenden ethnischen Gruppe häufigsten Erbkrankheiten gedacht. Migranten werden konfrontiert mit Ärzten, die einen Sichelzellpatienten mit hohem Fieber mit oralen Antibiotika behandeln. Der Patient stirbt wenige Tage später auf dem Transport in eine Klinik im septischen Schock. Solche und ähnliche Vorkommnisse erschüttern das Vertrauen unserer Migranten in unser System beziehungsweise unsere Ärzte nachhaltig.

Es ist höchste Zeit, nicht nur unseren Migranten unser Gesundheitssystem zu erklären, sondern auch dafür zu sorgen, dass ihre ganz besonderen Probleme berücksichtigt werden. Das wird nur der Fall sein, wenn in der Ärzteschaft sich die Einsicht durchsetzt, dass Migranten vollwertige Mitglieder unserer Gesellschaft sind und Anspruch auf eine optimale Betreuung haben.
Dr. med. Roswitha Dickerhoff,
Klinik für Kinder-Onkologie, -Hämatologie und
Klinische Immunologie, Universität Düsseldorf, 40225 Düsseldorf
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