ArchivDÄ-TitelSupplement: PRAXiSPRAXiS 1/2010Fortbildung: E-Health für Arzthelferinnen

Supplement: PRAXiS

Fortbildung: E-Health für Arzthelferinnen

Dtsch Arztebl 2010; 107(8): [16]

Meyer, Jennifer; Meyer-Falcke, Andreas

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LNSLNS Das Curriculum „Fachkraft für elektronische Praxiskommunikation und Telematik“ geht nach zweijähriger Erprobungsphase in Nordrhein-Westfalen jetzt bundesweit an den Start.

Foto: Superbild
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Die ersten Medizinischen Fachangestellten konnten sich bereits 2008 und 2009 im Bereich E-Health in Nordrhein-Westfalen fortbilden. Die gemeinsame Fortbildung der Ärztekammer Westfalen-Lippe (ÄKWL) und der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL) mit der Bezeichnung „Fachkraft für elektronische Praxiskommunikation und Telematik“ beginnt in diesem Jahr zum dritten Mal. Das Curriculum wurde durch das Zentrum für Telematik im Gesundheitswesen (ZTG) mit Sitz am Gesundheitscampus in Bochum gemeinsam mit der KVWL und ÄKWL speziell für Medizinische Fachangestellte entwickelt. Jetzt soll es bundesweit an den Start gehen.

„Die Zielgruppe der Medizinischen Fachangestellten ist gerade im Bereich der elektronischen Kommunikation besonders wichtig. Die Kommunikation nach außen findet bei den niedergelassenen Ärzten maßgeblich über sie statt. Damit die Potenziale der elektronischen Kommunikation an dieser Stelle kompetent genutzt werden können, haben wir frühzeitig ein Fortbildungskonzept entwickelt“, berichtet ZTG-Geschäftsführer Rainer Beckers mit Blick auf das Fortbildungsprogramm.

Das Curriculum wurde am 17. Dezember 2009 in der „Ständigen Konferenz Medizinischer Fachberufe“ der Bundes­ärzte­kammer (BÄK) zudem auf Bundesebene angenommen. Teile des Curriculums wurden weiter durch den Ausschuss in das Fortbildungsangebot „Nicht-ärztliche Praxisassistentin“ auf Bundesebene eingebunden, darunter 20 Unterrichtseinheiten „Telemedizin und elektronische Kommunikation I“ und weitere 20 Unterrichtseinheiten zur Vertiefung telemedizinischer Anwendungen als freiwilliges Modul „Telemedizin und elektronische Kommunikation II“ (Tabellen 1 und 2).

Das BÄK-Konzept der „Nicht-ärztlichen Praxisassistentin“ als bundesweites Fortbildungsangebot läuft in Nordrhein-Westfalen unter der Bezeichnung „Entlastende Versorgungsassistentin (EVA)“. Die erste Fortbildungsreihe startet in Westfalen-Lippe im Juni 2010 und in Nordrhein im Februar 2010 unter Schirmherrschaft des Ministers für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen (NRW), Karl-Josef Laumann. Für NRW stellt das Konzept einen wichtigen Baustein dar, der die Position des Landes als Vorreiter in Sachen E-Health weiter ausbaut: So wurde das Programm durch die beiden Ärztekammern in Westfalen-Lippe und Nordrhein entwickelt, Telemedizin mit aufgenommen und der Weg in ein bundesweites Fortbildungsprogramm geebnet.

„Wir denken, dass die Telemedizin Medizinische Fachangestellte in idealer Weise bei Hausbesuchen gerade in ländlichen Regionen unterstützten kann. Die Kommunikation zum behandelnden Arzt ist sichergestellt, und der Arzt kann durch geringere Fahrtzeiten maßgeblich entlastet werden“, erklärt Elisabeth Borg, Leiterin Ressort Fortbildung der ÄKWL. Die Medizinischen Fachangestellten, die sich zur EVA fortbilden lassen, sind dann qualifiziert, delegierbare Leistungen auch im Rahmen von Hausbesuchen oder Besuchen in Pflegeheimen selbstständig, jedoch in enger Abstimmung mit dem Arzt oder der Ärztin durchzuführen. Die Telemedizin kann die Helferinnen hervorragend dabei unterstützen, unter Anweisung des Arztes Wunden zu versorgen, Langzeitblutdruckmessgeräte anzulegen, EKGs durchzuführen und zu übertragen, Blutzuckerwerte vor Ort zu bestimmen oder standardisierte Testverfahren zur Erfassung des körperlichen oder psychischen Zustands anzuwenden.
Foto: vario-images
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Entlastung für den Arzt
Das Konzept soll Medizinische Fachangestellte befähigen, gezielt Leistungen zu übernehmen und somit den niedergelassenen Arzt zu entlasten. Gerade in ländlichen Regionen können derart geschulte Fachkräfte durch Hausbesuche ärztliche Leistungen ergänzen. So können etwa auch bestimmte Beratungsgespräche zur Ernährung oder zum Verhalten übernommen werden. Sobald beispielsweise eine Entscheidung des Arztes notwendig wird, kann dieser hinzugezogen werden. Per Videokonferenz kann die Medizinische Fachangestellte, ausgestattet mit Laptop, Handy und Webcam, schnell Kontakt zur Praxis aufnehmen. Digitale Bilder chronischer Wunden, klinische Werte oder ein EKG können übertragen und aus der Ferne ausgewertet werden.

Die Medizinischen Fachangestellten lernen an telemedizinischen Beispielanwendungen, mit den Technologien kompetent umzugehen. Das umfasst nicht nur das Verständnis der Technologien, sondern auch datenschutzrechtliche Grundlagen im Umgang mit Patientendaten. Beispielsweise dürfen Ärzte und Ärztinnen – beziehungsweise die Medizinische Fachangestellte in ihrem Auftrag – nicht einfach klinische Werte regelmäßig zu Hause messen lassen und auf dem Praxiscomputer abspeichern. Die Patienten müssen hierzu ihr Einverständnis geben und über die Vorgänge aufgeklärt werden. Auch muss sichergestellt sein, dass der Rechner, auf dem die Daten gespeichert werden, nicht unmittelbar an das Internet angeschlossen ist. Die Helferinnen werden außerdem über abrechnungstechnische Fragestellungen aufgeklärt.

So gibt es bis heute nur wenige Abrechnungsziffern für ärztliche telemedizinische Leistungen und einige alternative Programme, meist getragen durch Krankenkassen. Die AOK Westfalen-Lippe bietet beispielsweise das Programm „Herz-As“ an, ein integriertes Versorgungsprogramm für herzinsuffiziente Patienten in Kooperation mit dem Institut für Angewandte Telemedizin (IFAT) am Herz- und Diabeteszentrum NRW (HDZ NRW) in Bad Oeynhausen: „Die Medizinischen Fachangestellten lernen in der Fortbildung, wie sie ein Tele-EKG, Blutdruckwerte oder das Gewicht des Patienten an das IFAT übertragen. Unser telemedizinisches Zentrum gibt anschließend telefonisch Auskunft über die erhaltenen Daten und berät über die gegebenenfalls nötigen Handlungsschritte“, berichtet Priv.-Doz. Dr. med. Heinrich Körtke vom HDZ NRW und Leiter des IFAT. „Die niedergelassenen Ärzte nehmen an dem Telemedizinprogramm gerne teil, da sie den Patienten auf diese Weise nur 1- bis 2-mal im Quartal vor Ort behandeln und für die Zeit dazwischen die Sicherheit der Versorgung durch die telemedizinische Betreuung Tag und Nacht im IFAT erhalten. Da Medizinische Fachangestellte die Patienten in den Technologien schulen, ist es wichtig, Telemedizin in die Fortbildungen zu integrieren“, erläutert Körtke. Neben dem 24-Stunden-Service des IFAT, den die Patienten in Anspruch nehmen dürfen, stehen den kooperierenden niedergelassenen Praxen auch sämtliche klinische Werte zur Einsicht zur Verfügung, so dass diese in die kontinuierliche Behandlungs- und Diagnostikpraxis aufgenommen werden können. Für die Patienten ergibt sich eine abgestimmte, institutionsübergreifende Versorgung.

In der insgesamt 80 Unterrichtseinheiten umfassenden Fortbildung „Fachkraft für elektronische Praxiskommunikation und Telematik“ (Tabelle 1) wird neben telemedizinischen Anwendungen beispielsweise auch der sichere Umgang mit E-Mails oder mit der neuen elektronischen Gesundheitskarte und dem Heilberufsausweis vermittelt. Die Medizinischen Fachangestellten erlernen die freiwilligen und verpflichtenden Anwendungen der Gesundheitskarte. So lernen sie im Hinblick auf die Notfalldaten, wer diese in welchen Fällen eintragen und wer in welchen Szenarien Einsicht erhalten darf. So darf ein Arzt nicht ohne Einverständnis des Patienten (Patienten-PIN-Eingabe) Notfalldaten eintragen. Auch darf er den Patienten nicht auffordern, sein Einverständnis zu geben, um ohne dessen ausdrücklichen Wunsch oder ohne einen eingetretenen Notfall Einblick zu erhalten. Im Notfall darf der Arzt oder die Ärztin jedoch ohne Eingabe der Patienten-PIN auf die Daten zugreifen. Die Medizinischen Fachangestellten lernen, dass dieser Zugriff protokolliert wird und nachvollzogen werden kann. Diese und vergleichbare Informationen sind für sie wichtig, um Fragen von Patienten zum Datenschutz kompetent beantworten zu können.

Telemedizin ist kein Ersatz
Dass eine E-Mail mit persönlichen Gesundheitsdaten nicht unverschlüsselt versendet werden darf, überrascht viele Teilnehmer/innen der Fortbildungsreihe. So ist das unverschlüsselte Versenden solcher E-Mails häufig gängige Praxis. Verschlüsselungstechniken sind daher ebenso Inhalt der Fortbildung.

Dass Telemedizin nicht immer die Lösung der ersten Wahl sein kann, erlernen die Medizinischen Fachangestellten ebenso. Unter anderem wird erörtert, in welchen Szenarien Telemedizin den Patientinnen und Patienten zugutekommt und in welchen Situationen eine Untersuchung oder Behandlung vor Ort vorzuziehen ist. Denn Telemedizin stellt immer eine Ergänzung der persönlichen Behandlung vor Ort dar. Menschliche Aspekte, wie Zuspruch oder Kritik durch den Arzt, gehören weiter ebenso in die persönliche Behandlung vor Ort. Auch wird diskutiert, dass bestimmte Eigenschaften, etwa der Geruch des Patienten, telemedizinisch nicht automatisch mitgesendet werden, jedoch gegebenenfalls wichtige Informationen liefern könnten. Dennoch bietet Telemedizin die Chance, bestimmte Prozesse im Sinne aller Beteiligten zu verbessern und Services zu bieten, die andernfalls nicht möglich wären, wie beispielsweise eine 24-Stunden-Betreuung im eigenen Heim. Diese Potenziale sollten genutzt werden.

E-Health, insbesondere Telemedizin, hat somit Einzug in die Fortbildungsangebote der Bundes­ärzte­kammer für Medizinische Fachangestellte gehalten. Somit wurden wichtige Vor-aussetzungen geschaffen, E-Health qualitätsgesichert in die Praxen zu führen. Jennifer Meyer, Andreas Meyer-Falcke

Kontaktadresse: Dr. Jennifer Meyer, Bereichsleiterin E-Health, Strategiezentrum Gesundheit Nordrhein-Westfalen,
Gesundheitscampus Nordrhein-Westfalen, Universitätsstraße 136, 44799 Bochum, E-Mail: Jennifer.Meyer@gc.nrw.de
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