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Zinsmarkt 2010: Magerkost für Sparer

Dtsch Arztebl 2010; 107(8): [24]

Jobst, Peter

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LNSLNS Die Zinsen für Tages- und Festgelder sind niedrig. Oft liegen die Standardsätze unter der 1-Prozent-Marke. Höhere Renditen lassen sich am Anleihemarkt erzielen – verbunden allerdings mit größeren Risiken.
Foto: Fotolia
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Die Finanzkrise hat tiefe Spuren in der Entwicklung des deutschen Rentenmarkts hinterlassen. Gefragt war (und ist) Sicherheit, jedes Risiko wurde beziehungsweise wird gemieden. Dies spiegelt sich auch in den Renditesätzen wider. Während die durchschnittliche Umlaufrendite in den Jahren 2008/09 von 4,5 Prozent auf unter drei Prozent einbrach, kletterten die Renditen von Bankschuldverschreibungen und – im besonderen Maß – Unternehmensanleihen oftmals in den zweistelligen Prozentbereich. Mehr als 15 Prozent brachten beispielsweise Papiere des EADS-Konzerns, TUI-Titel wurden sogar mit Renditesätzen von mehr als 20 Prozent pro Jahr gehandelt. Zu groß war die Furcht vor möglichen Ausfällen, als dass sich die sicherheitsorientierten Rentenfans hier noch engagieren wollten. Trotz dieser enormen Renditen galten viele Titel im Frühjahr 2009 als nicht mehr handelbar. Weiterhin groß war jedoch die Nachfrage nach Staatsanleihen, die ihrem Ruf als „sicherer Hafen“ wieder einmal gerecht wurden.

Ab der Jahresmitte 2009 hat sich die Lage jedoch wieder deutlich entspannt. Ausschlaggebend waren hierfür zum einen die erste Belebungstendenz an der Konjunkturfront, zum anderen aber auch die nach wie vor enorme Liquidität durch staatliche Förderungsmaßnahmen. Als Folge haben sich die Renditen von Unternehmensanleihen und Staatspapieren wieder deutlich angenähert, und heute liegt der „Spread“ – also die Differenz dieser beiden Sätze – in einem Bereich zwischen 0,75 und 1,5 Prozentpunkten. Lediglich riskante Anleihen von Unternehmen, die sich in wirtschaftlich schwierigem Fahrwasser befinden, bringen noch nennenswerte Aufschläge. Mutige Anleger, die vor Jahresfrist selektiv die billig gewordenen Unternehmenspapiere gekauft hatten, können sich jetzt freuen. Der Renditerückgang hatte einen starken Kursanstieg zur Folge, und mit manchen Papieren konnten Investoren binnen weniger Monate Kursgewinne von bis zu 50 Prozent einfahren.

Normalisiert hat sich allerdings nicht nur die Differenz zwischen problemlosen und risikoreicheren Papieren, sondern auch bei den Laufzeiten: Mitte 2008 – also zum Höhepunkt der Finanzkrise – lagen die Renditesätze für Anleihen erstklassiger Bonität nahezu einheitlich bei rund 4,5 Prozent. Keine Rolle spielte es dabei, ob es sich nun um Kurzläufer oder Papiere mit mehr als 15 Jahren Restlaufzeit handelte. Inzwischen bietet der Rentenmarkt wieder eine „gesunde“ Differenzierung: Kurzläufer erster Adressen liegen bei durchschnittlich 1,9 Prozent Rendite, mit Titeln aus dem Laufzeitbereich zwischen vier und acht Jahren lassen sich durchschnittlich 2,6 Prozent erzielen, und Langläufer werfen um die 3,9 Prozent ab.

Das Problem dabei: Renditen von durchschnittlich drei Prozent garantieren zwar aktuell selbst nach Abzug der Abgeltungsteuer zumindest den Werterhalt des Vermögens, sind jedoch kaum attraktiv genug, um damit ein angemessenes Kapital aufbauen zu können. Sollte gar die Inflationsrate – wie von vielen Experten befürchtet – in den kommenden Jahren wieder anziehen, könnte die Geldanlage zum „Nullsummenspiel“ werden. Die Kernfrage gilt daher jetzt der weiteren Entwicklung. Aus konjunktureller Sicht ist davon auszugehen, dass die Europäische Zentralbank die Zinsen vorerst niedrig halten wird. Ein leichter Anstieg ab dem zweiten Quartal 2010 ist zwar nicht auszuschließen, bis zu den 2008 bezahlten Renditen ist jedoch noch ein weiter Weg. Zum gleichen Schluss kommt die Charttechnik, also die grafische Untersuchung der Zinskurven der vergangenen Jahre.

Allerdings ist mittelfristig durchaus mit einem markanten Zinsanstieg zu rechnen. Kann die Wirtschaftskrise quasi offiziell als „beendet“ erklärt werden, dürfte sich die Rückführung staatlicher Fördermittel und die damit verbundene Einschränkung der Liquidität zinssteigernd auswirken. Aber auch im Fall eines Anstiegs der Inflationsrate ist mit höheren Zinsen zu rechnen. Analysten erwarten eine solche Entwicklung jedoch frühestens im zweiten Halbjahr 2010, möglicherweise auch erst im Jahr 2011. Und auch dies erscheint noch keineswegs sicher: Manche Experten stufen die aktuellen Erholungstendenzen an der Konjunkturfront lediglich als „Intermezzo“ in einem nachhaltigen Abwärtstrend an, selbst eine Deflation wird für die kommenden Jahre nicht ausgeschlossen. In diesem Fall dürften die Zinsen auf dem aktuell niedrigen Niveau verharren oder sogar noch weiter sinken.

Die unterschiedlichen Erwartungen machen die Entscheidung für Anleger nicht gerade leicht. Noch relativ einfach ist die Titelauswahl, wenn das Geld auf Sicht von zwei bis drei Jahren benötigt wird. Hier sind nach wie vor Tages- und Festgeldkonten von Interesse, die in der Spitze immer noch um die zwei Prozent Zins abwerfen. Alternativ bieten sich entsprechende Kurzläufer vom Rentenmarkt an, wobei hier jedoch auch die anfallenden Spesen zu berücksichtigen sind. Keine Alternative sind weiterhin die Anteile von Geldmarktfonds, die gerade in der jüngsten Krise oftmals erhebliche Verluste eingefahren haben.

Schwieriger wird die Geldanlage bei einem voraussichtlichen Kapitalbedarf in vier bis sieben Jahren: Hier sollte man Papieren den Vorzug geben, deren Fälligkeit sich entweder mit dem Zeitpunkt der voraussichtlichen Verfügung deckt oder die maximal zwei Jahre länger laufen. Auf diese Weise lässt sich eine sichere Rendite erzielen, auch die Kursrisiken sind überschaubar. Bei grundsätzlich unbefristeter Anlagedauer, etwa in Verbindung mit der eigenen Altersvorsorge, sollte man das Kapital trotz der aktuell niedrigen Renditen über verschiedene Laufzeiten streuen. Schwerpunkt sollten dabei Papiere mit mittleren Laufzeiten sein, denen sie zu jeweils gleichen Teilen Kurz- und Langläufer beimischen. Auf diese Weise ist einerseits eine relativ gute Durchschnittsverzinsung sichergestellt, zum anderen aber auch eine solide Liquidität der Geldanlage.

Die Auswahl der Papiere sollte nach der persönlichen Chance-Risiko-Mentalität vorgenommen werden: Will man alle Risiken meiden, sind deutsche Staatsanleihen eine solide Wahl. Zur Depotbeimischung eignen sich dabei auch Euro-Titel aus dem Ausland, selbst wenn beispielsweise Griechenland-Anleihen derzeit im Mittelpunkt der Diskussionen um die Zahlungsfähigkeit der einzelnen EU-Staaten stehen. Wer im Interesse höherer Zinsen bereit ist, auch gewisse Risiken auf sich zu nehmen, wird bei Bank- und Unternehmensanleihen weiterhin fündig. Hier sollte man jedoch in jedem Fall einen Blick auf die Bonität, aber auch den Chart des jeweiligen Papiers werfen. Interessant erscheinen Titel, die sich auch in den vergangenen Jahren vergleichsweise gut behauptet haben. Meiden sollte man hingegen Anleihen, die in der Krise von 100 Prozent auf nur noch 70 Prozent oder gar 50 Prozent eingebrochen waren und mittlerweile wieder gestiegen sind. Hier ist die Gefahr groß, dass es im Fall einer Fortsetzung der Wirtschaftskrise zu vergleichbaren Rückschlägen kommt.

Zurückhaltung erscheint weiterhin bei allen nachrangigen Papieren geboten, etwa bestimmten Bankschuldverschreibungen sowie Genussscheinen. Da hier die Gefahr besteht, dass Anleger eventuelle Verluste des Unternehmens mittragen müssen, kommt diese Anlagekategorie erst dann wieder in Betracht, wenn von der Konjunkturseite keine Gefahren mehr drohen.

Durchaus überlegenswert ist hingegen die Beimischung von Fremdwährungspapieren, etwa auf den US-Dollar. In den vergangenen Monaten ist der Euro gegenüber den meisten Anlagewährungen deutlich gestiegen, und letztlich dürfte es nur eine Frage der Zeit sein, bis eine Gegenbewegung einsetzt. Im Übrigen bieten Fremdwährungsengagements auch ein Sicherungsinstrument für Anleger, die dem Euro und speziell seinem Höhenflug der vergangenen Monate nicht so recht vertrauen wollen. Peter Jobst
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