ArchivDeutsches Ärzteblatt9/2010Arztgeschichte: Bauchschmerzen

SCHLUSSPUNKT

Arztgeschichte: Bauchschmerzen

Eckstein, Karl-Hans

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS „Da läuten doch alle Alarmglocken, Blinddarm, Gallenkolik, Magendurchbruch, Nierensteine, Harnwegsinfekt . . . also kein Rezept ohne Befragung und Untersuchung.“

Zeichnung: Elke R. Steiner
Zeichnung: Elke R. Steiner
Es war zu Beginn der 70er Jahre, meine Praxis bestand etwa seit einem halben Jahr, und der Zulauf neuer Patienten war erfreulich groß – wohl nach dem Motto „Neue Besen kehren gut“ –, so dass die Sprechstundentermine schon voll ausgelastet waren, allerdings mit eingeplanten Leerzeiten für Akutfälle.

Vormittags, während des Röntgens – damals noch nach langer Dunkeladaptation – teilt mir meine Helferin mit, eine junge, hier noch unbekannte Patientin wünsche nur ein Rezept gegen ihre Bauchschmerzen, sie wolle den Doktor gar nicht weiter aufhalten. Bauchschmerzen! Da läuten doch alle Alarmglocken, Blinddarm, Gallenkolik, Magendurchbruch, Nierensteine, Harnwegsinfekt . . . also kein Rezept ohne Befragung und Untersuchung. Die Patientin wird gebeten, bis zur Beendigung des Röntgens zu warten, und so geschah es.

Die Anamnese ist mager: Beschwerden seit heute früh mit schmerzfreien Pausen, keine ernsten Vorerkrankungen, letzte Regel vor drei Wochen. Befund: Schwangerschaft, nach internistischer Einschätzung wohl ziemlich am Ende der Zeit, eindeutige Herztöne und Kindsbewegungen, also Wehen. Dann die Überraschung: Die junge Dame behauptet steif und fest, sie sei nicht schwanger, das sei auch gar nicht möglich, sie wüsste auch nicht, wovon sie denn wohl schwanger sein könnte!

Nach längerer Diskussion gelingt es mir wenigstens, sie davon zu überzeugen, dass ihre Beschwerden von den Unterleibsorganen ausgingen und dass somit ein Frauenarzt die Behandlung übernehmen müsse. Auf meine dringende Anweisung hin ist sie auch bereit, den ganz in der Nähe praktizierenden Gynäkologen aufzusuchen.

Aber es kommt anders als gedacht: Die junge Dame bekommt Hunger und entschließt sich, zum Mittagessen mit dem ÖPNV – damals sagten wir noch mit dem Bus – zu ihren zehn Kilometer entfernt wohnenden Eltern zu fahren. Gesättigt kommt sie zurück zu ihrer Lehrstelle, erhält vom Meister die Erlaubnis, noch einmal zum Arzt zu gehen und sucht nun den Gynäkologen auf.

Dieser ruft mich am Nachmittag an und fordert mich auf, meine Helferinnen zu einem Arbeitseinsatz zu ihm zu schicken. Die Bauchschmerzen waren in der Tat Wehen, und die Entbindung fand unmittelbar nach dem Eintreffen im schnellstens umfunktionierten Sprechzimmer meines Kollegen statt. Einzige Komplikation: dringend erforderliches Großreinemachen.

Folge für mich: größte Zurückhaltung bei der Ausstellung von Wunschrezepten.
Dr. Karl-Hans Eckstein
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote