ArchivDeutsches Ärzteblatt9/2010Interview mit Birgit Fischer, Vorstandsvorsitzende der Barmer GEK: „Wir wollen Versorgung gestalten“

POLITIK: Das Interview

Interview mit Birgit Fischer, Vorstandsvorsitzende der Barmer GEK: „Wir wollen Versorgung gestalten“

Dtsch Arztebl 2010; 107(9): A-370 / B-330 / C-322

Flintrop, Jens; Korzilius, Heike; Stüwe, Heinz

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LNSLNS 8,5 Millionen Versicherte, 1 000 Beratungsstellen und 19 000 Mitarbeiter – zum 1. Januar 2010 fusionierten die Barmer und die Gmünder Ersatzkasse zur größten Krankenkasse Deutschlands. Welche Vorteile das haben soll, erläutert Birgit Fischer.

Fotos: Eberhard Hahne
Fotos: Eberhard Hahne
Frau Fischer, warum ist Größe für eine Krankenkasse so wichtig?
Fischer: Wir wollen Versorgung gestalten. Diese Rolle können wir aber nur ausfüllen, wenn wir auch einen entsprechenden Anteil an Versicherten, an Patientengruppen haben, die für Ärzte und Kliniken relevant sind. Als Kasse, die nur wenige Patienten mit einer bestimmten Indikation versichert, kann man schlecht gemeinsam mit den Leistungserbringern Versorgungskonzepte entwickeln. Dazu braucht man eine gewisse Größe und somit auch Marktgestaltungsmacht.

Viele Ärzte befürchten, dass die Macht der Kassen bereits zu groß ist . . .
Fischer: Ich kann diese Befürchtung zwar nachvollziehen; möchte aber betonen, dass sie unberechtigt ist. Es geht darum, das Verhältnis zwischen Kassen und Ärzten mit neuem Leben zu füllen – und zwar im Sinne von gemeinsamer Weiterentwicklung der Versorgung.

Mehr Versicherte gleich mehr Gestaltungsmacht. Gab es weitere Motive für die Fusion von Barmer und GEK?
Fischer: Ich möchte klarstellen, dass es uns nicht darum geht, Ärzte über Verträge gegeneinander auszuspielen. Wir wollen sinnvolle Verträge abschließen, die auch aus Sicht der Ärzteschaft eine Relevanz haben. Zu Ihrer Frage – natürlich gibt es noch eine weitere Triebfeder: Auch auf den Kassen lastet ein enormer Effizienzdruck. Über eine Vereinigung zweier Kassen lassen sich Synergien in der Verwaltung und Organisation erzielen. Das spart Kosten.

Ihre bisherige Argumentation lässt den Schluss zu: je größer, desto besser.
Fischer: Ich bin davon überzeugt, dass wir größere Einheiten brauchen, als wir es heute haben. Die vielen kleinen Kassen können den Wandel vom Verwalter zum Gestalter zumindest alleine nicht realisieren. Sie können es nur zusammen. Es ist wichtig, dass eine Kasse den Versicherten bestimmte Dienstleistungen bietet. Bei der Barmer GEK gibt es etwa Versorgungskoordinatoren, die sich um die Frage der Abstimmung und Kooperation vor Ort kümmern. Eine kleine Kasse kann sich solche Experten weniger leisten.

Können Sie ein Beispiel nennen, wo die Barmer GEK die Versorgung ihrer Versicherten aktiv gestaltet?
Fischer: Wir gehen immer vom Patienten aus. Wie sieht bei einer bestimmten Erkrankung die optimale Behandlung aus? Und welchen Beitrag können dann der Hausarzt, die Fachärzte, das Krankenhaus oder auch der Rehabereich leisten? Das Optimierungspotenzial liegt nicht innerhalb der einzelnen Bereiche, sondern quer über die Bereiche hinweg.

Wie bringen Sie diese sektorenübergreifende Behandlung auf den Weg? Über Verträge zur integrierten Versorgung?
Fischer: Ja, zum Beispiel über IV-Verträge. Eine andere Möglichkeit sind die Disease-Management-Programme. Es können aber auch Einzelverträge sein, die für eine Indikation abgeschlossen werden. Das Besondere daran ist, dass wir dies nicht nur mit einer Gruppe machen, sondern mit allen beteiligten Leistungserbringern. Wichtig ist dabei die Abstimmung, Kooperation und auch die Qualitätssicherung im gesamten Behandlungsverlauf.

Birgit Fischer (56): Die Diplom-Pädagogin war von 1998 bis 2005 Ge­sund­heits­mi­nis­terin in Nordrhein-Westfalen. 2007 wechselte sie zur Barmer; zunächst als stellvertretende Vorstandsvorsitzende. Seit Jahresbeginn ist sie Vorstandsvorsitzende der Barmer GEK.
Birgit Fischer (56): Die Diplom-Pädagogin war von 1998 bis 2005 Gesund­heits­ministerin in Nord­rhein-West­falen. 2007 wechselte sie zur Barmer; zunächst als stell­ver­tretende Vor­stands­vor­sitzende. Seit Jahres­beginn ist sie Vor­stands­vor­sitzende der Barmer GEK.
Wie filtern Sie denn die Indikationen heraus, für die Sie den Behandlungsablauf verbessern wollen?
Fischer: Wir analysieren die Patientendaten. Wann kommt es bei bestimmten Indikationen zur Eskalation? Wann schnellen die Kosten plötzlich in die Höhe?

Im Krankheitsverlauf gibt es immer einen kritischen Punkt – sei es ein Kranken­haus­auf­enthalt, seien es vermehrte Facharztbesuche. Wir versuchen dann zu analysieren, ob und wie die Eskalation hätte vermieden werden können. Das ist dann spätestens der Zeitpunkt, an dem auch Ärzte einbezogen werden. Auf Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse und der Erkenntnisse der Fachgesellschaften überlegen wir dann mit den Ärzten, wie ein optimaler Behandlungsverlauf aussehen könnte – daraus ergeben sich dann die Anforderungskriterien für die spätere Vertragsgestaltung.

Ein Beispiel, bitte.
Fischer: Ich gebe Ihnen ein Beispiel aus der Nephrologie. Nach wie vor kommen viele Patienten erst dann zum Nephrologen, wenn sie kurz vor der Dialyse stehen – und eben nicht so rechtzeitig, dass man den Zeitpunkt der Dialyse hätte hinausschieben können. Davon gibt es viele Beispiele. Hier müssen wir unser Wissen besser nutzen.

Gibt es denn schon Verträge, die tatsächlich laufen und gelebt werden?
Fischer: Ja, es gibt eine Reihe von IV-Verträgen, die funktionieren. Das ist aber bisher mehr ein bunter Flickenteppich, also wenig systematisch. Der nächste Schritt muss die Auswertung dieser IV-Verträge sein. Welche Verträge funktionieren – und warum? Da geht es um Indikationen, die für uns beziehungsweise für die Versicherten von besonderer Bedeutung sind.

Welche sind das zum Beispiel?
Fischer: Herzinsuffizienz spielt eine große Rolle. Es wird immer um chronische Erkrankungen gehen, in Verbindung mit Komorbiditäten, und um die Steigerungsraten, die wir zu erwarten haben.

Wenn Sie Indikationen ausfindig gemacht haben, bei denen Sie aktiv werden wollen – wie geht’s weiter?
Fischer: In der Regel gehen wir zuerst auf die Ärzte zu. Wir brauchen die Ärzte als Partner, die die Konzepte mitentwickeln und mit Leben füllen. Dann müssen die Patienten davon überzeugt werden, dass sie ein hochwertiges Angebot erhalten.

Und wer ist der Vertragspartner?
Fischer: Mit nur einer Facharztgruppe zu verhandeln, macht wenig Sinn. Ich fordere ja gerade ein, dass man den Patientenblick einnimmt, sich auf die Indikation einstellt und zusammen agiert. Ich kann mit einer Facharztgruppe Ideen entwickeln, dann müssen aber weitere Partner ins Boot. Die KV kann ich mir als Partner sehr gut vorstellen – immer unter der Voraussetzung, dass sie auch bereit ist, Verträge zu schließen, die nicht für alle Ärzte gelten. Das bedeutet aber, dass man zu einer Ausdifferenzierung der Honorare kommt. Ärzte, die sich aktiv an Programmen beteiligen, müssen dafür belohnt werden.

Die KV würde dann stellvertretend für die nephrologischen Schwerpunktpraxen einen Vertrag mit Ihnen schließen?
Fischer: Zum Beispiel, ja.

Wie reagieren die Ärzte und KVen auf Ihre Gestaltungspläne?
Fischer: Es gibt Hemmschwellen. Eine besteht darin, dass einzelne Facharztgruppen meist nicht über die Grenzen hinweg denken. Das zweite Handicap ist, dass etliche Ärztefunktionäre immer nur über Honorare reden wollen. Verhandlungen über Versorgungskonzepte verkommen da schnell zur Honorardiskussion. Das dritte Handicap ist, dass wir natürlich nicht nur über den ambulanten Bereich reden können, sondern es um die Schnittstelle ambulant/stationär geht. Wenn ich aber als Kasse über Versorgungsverträge rede – auch über Add-on-Verträge – dann kann Add-on nicht bedeuten, dass wir zusätzliches Geld in die Hand nehmen. Das geht an Qualitätsaspekten und an der Finanzsituation der Kassen vorbei.

Worum geht es Ihnen denn bei den Selektivverträgen?
Fischer: Unser Ziel ist es, durch Selektivverträge Erfahrungen zu sammeln, Optimierungsmöglichkeiten auszuloten, die man wiederum für die Verbesserung der kollektiven Versorgung nutzen kann. Dabei geht es natürlich auch immer darum, den Wettbewerbern eine Nasenlänge voraus zu sein.

Wir können Sie nicht ohne eine Frage zum § 73 b SGB V entlassen. Also: Hat die Barmer GEK einen Vertrag mit dem Hausärzteverband geschlossen?
Fischer: Nein.

Halten Sie nichts von den Verträgen?
Fischer: Doch, doch. Die Barmer war ja sogar Pionier beim Hausarztvertrag. Wir haben drei Jahre lang einen Hausarztvertrag angeboten – bundesweit –, weil wir der festen Überzeugung sind, dass die Hausärzte in der Versorgung eine zentrale Rolle spielen. Gleichwohl halte ich den § 73 b für absolut falsch.

Warum?
Fischer: Das Problem ist das Vertragsmonopol für die hausärztliche Vertragsgemeinschaft. Man kann keine Verträge mit jemandem aushandeln, der ein Vertragsmonopol hat; erst recht nicht in einer Situation, in der es der Standesorganisation vorrangig um Honorare und weniger um Inhalte geht.

Aber Sie müssen doch damit rechnen, dass eine Schiedsperson auch Ihnen den Baden-Württemberg-Vertrag aufs Auge drückt . . .
Fischer: Gesetz ist Gesetz. Und so lange dieses Gesetz so existiert, haben wir überhaupt keine andere Chance, als einen Vertrag abzuschließen. Die Schiedsamtsverfahren laufen, die Entscheidungen werden wir umzusetzen haben. Aber bis dahin nutzen wir jede Gelegenheit, auf die Konsequenzen hinzuweisen.

Das Interview führten Jens Flintrop, Heike Korzilius und Heinz Stüwe.
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