ArchivDeutsches Ärzteblatt9/2010Nichtärztliche Praxisassistentin: Hausbesuche in Niemegk

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Nichtärztliche Praxisassistentin: Hausbesuche in Niemegk

Dtsch Arztebl 2010; 107(9): A-380 / B-337 / C-327

Osterloh, Falk

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LNSLNS Um Medizinische Fachangestellte für ärztlich angeordnete Hausbesuche auszubilden, hat die Bundes­ärzte­kammer ein neues Curriculum vorgelegt. Damit können diese Leistungen nun auch vom Arzt abgerechnet werden.

Niemegk ist eine beschauliche Kleinstadt im Westen von Brandenburg. Circa 2 000 Einwohner verteilen sich zwischen dem kleinen Gewerbegebiet im Norden und den Maisfeldern im Süden. In Niemegk gibt es zwei Hausarztpraxen. In einer dieser Praxen arbeitet seit 21 Jahren Rita Hirschfeld. Die 50-Jährige gehört zu den ersten Medizinischen Fachangestellten, die sich in Brandenburg zu einer nicht-ärztlichen Praxisassistentin fortbilden lassen. Dadurch qualifiziert sie sich, auf Anordnung des Arztes selbst Hausbesuche durchzuführen. Vorlage für diese Fortbildung ist das (Muster-)Curriculum „Nicht-ärztliche Praxisassistentin“ der Bundes­ärzte­kammer. Es setzt die Vorgaben der sogenannten Delegationsvereinbarung zwischen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung und dem Spitzenverband Bund der Krankenkassen um, die wiederum auf einer Regelung im Pflegeweiterentwicklungsgesetz von 2008 beruhen. Neu daran ist, dass Hilfeleistungen in der häuslichen Umgebung des Patienten sowie in Alten- und Pflegeheimen durch qualifizierte Medizinische Fachangestellte jetzt abgerechnet werden können – jedoch nur in unterversorgten Gebieten, so wie in Niemegk.

Foto: ddp
Foto: ddp
Entlastung für den Arzt

„Viele von unseren Patienten wohnen im Umland, sind alt und leben allein. Deshalb schaffen sie es nicht in die Praxis“, sagt Hirschfeld. Bislang führt vor allem die Ärztin Hausbesuche durch. „Es wird sie sehr entlasten, wenn ich künftig vermehrt diese Fahrten machen kann“, meint Hirschfeld. Die Fortbildung zur nichtärztlichen Praxisassistentin beinhaltet neben dem theoretischen auch einen praktischen Teil in Form von Hausbesuchen mit anschließender Dokumentation und ein Notfallmanagement. Je nach vorheriger Berufserfahrung umfasst das Curriculum zwischen 190 und 270 Stunden. Mit ihren 30 Berufsjahren sind es für Hirschfeld 190. Auf diese Stundenzahl können andere Curricula der Bundes­ärzte­kammer angerechnet werden, zum Beispiel die Fortbildungen „Ambulante Versorgung älterer Menschen“ und „Patientenbegleitung und -koordination“ mit zusammen 84 Stunden. Anrechenbar sind aber auch andere Fortbildungen wie das Projekt AGnES der Universität Greifswald und die Qualifizierungen EVA in Nordrhein und Westfalen-Lippe oder HelVer in Schleswig-Holstein. Was darüber hinaus angerechnet werden kann, entscheidet jeweils die Lan­des­ärz­te­kam­mer.

„Wir können die Patientenversorgung bei zunehmendem Ärztemangel und einer älter werdenden Bevölkerung nur aufrechterhalten, wenn in unterversorgten Gebieten auch Medizinische Fachangestellte in Abstimmung mit dem Arzt bestimmte Aufgaben wie Hausbesuche übernehmen“, sagt die Vizepräsidentin der Bundes­ärzte­kammer, Dr. med. Cornelia Goesmann. „Wir setzen dabei auf die enge Zusammenarbeit im Praxisteam.“ Goesmann hält diese Form der Arbeitsteilung auch flächendeckend für ein Zukunftsmodell: „Wir wollen erreichen, dass Hausbesuche von fortgebildeten Medizinischen Fachangestellten nicht nur in unterversorgten Gebieten vergütet werden.“

Aufwertung des Berufs
An dem Curriculum hat auch der Verband Medizinischer Fachberufe (VMF) mitgewirkt. „Die Ausbildung zur nichtärztlichen Praxisassistentin ist sehr modern, weil sie ein hohes Maß an praxis-relevantem Wissen vermittelt“, erklärt Brigitte März, Referatsleiterin im VMF. „Eine solche Quali-fikation inklusive einer Vergütung bedeutet zudem eine Aufwertung der Arbeit von Medizinischen Fachangestellten.“

Bei den Hausbesuchen misst Hirschfeld den Blutdruck der Patienten oder die Blutzuckerwerte. Sie wechselt Verbände und schaut, ob die Medikamente korrekt eingenommen werden. „Es ist interessant, das soziale Umfeld unserer Patienten kennenzulernen. Und es bringt uns näher an die Menschen“, betont die gebürtige Potsdamerin. Jeden Freitag und Samstag verbringt sie bei der Fortbildung. Im Juni wird sie diese abschließen. Abgerechnet werden kann ihre Arbeit jedoch schon jetzt. „Es ist schön, dass unsere Hausbesuche nun auch bezahlt werden“, meint Hirschfeld. „Aber eigentlich geht es doch vor allem darum, dass die Menschen ordentlich versorgt sind.“
Falk Osterloh
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