ArchivDeutsches Ärzteblatt9/2010Hochschulmedizin und Helmholtz-Gemeinschaft: Kooperation mit Ecken und Kanten

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Hochschulmedizin und Helmholtz-Gemeinschaft: Kooperation mit Ecken und Kanten

Dtsch Arztebl 2010; 107(9): A-382 / B-344 / C-334

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LNSLNS Die vom Bun­des­for­schungs­minis­terium gewünschte und geförderte Zusammenarbeit zwischen der Universitätsmedizin und der Helmholtz-Gemeinschaft sorgt auch im Frühjahr noch für eisige Stimmung in der deutschen Forschungslandschaft.

Wenn es um Geld geht, hört die Freundschaft bekanntlich oft auf. Noch schwieriger kann es sein, tragfähige Partnerschaften zu schließen, wenn man um Geld konkurriert. Dies spüren momentan die medizinischen Fakultäten und die außeruniversitären Forschungseinrichtungen. Ihre Zusammenarbeit in der Förderperiode 2009 bis 2013 der Bundesregierung gestaltet sich derzeit sehr schwierig und erhitzt die Gemüter: Während die einen fruchtbare Synergien erwarten, befürchten andere einen „Ausverkauf“ der Hochschulmedizin und deren langfristige Benachteiligung.

Zweifel an fairem Wettbewerb
Anlass zur Sorge ist die vom Bund geförderte Gesundheitsforschungsinitiative der Helmholtz-Gemeinschaft deutscher Forschungszentren (HGF). Ausgehend von deutschen Zentren der Gesundheitsforschung sollen fünf Volkskrankheiten effektiv bekämpft werden: Demenz, Diabetes mellitus, Krebs, Infektionen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Ihre Entstehung und ihr Verlauf sollen im Rahmen einer prospektiven „Nationalen Kohorte“ ab 2012 verfolgt werden. Das Ziel begrüßte der 70. Ordentliche Medizinische Fakultätentag (MFT) im Juni 2009 zwar grundsätzlich. Gleichzeitig verwies er darauf, dass nur mit der Universitätsmedizin eine Translation von der Grundlagenforschung bis zum Patienten möglich sei.

Kritisch betrachtet der MFT auch die Tatsache, dass sich die Zentren der HGF nicht wie die Universitäten dem Wettbewerb um öffentliche Fördermittel stellen müssen, sondern institutionell durch den Bund gefördert werden. „Wenn Kompetenz nicht mehr entscheidend ist, entsteht eine Wettbewerbsverzerrung in der medizinischen Forschung“, warnte der MFT. Prof. Dr. med. Dieter Bitter-Suermann, Präsident des MFT, nannte dem Deutschen Ärzteblatt ein Beispiel: „Obwohl die Hauptkompetenz auf dem Gesundheitsforschungssektor Diabetes mellitus bei der Hochschulmedizin liegt, haben die Helmholtz-Zentren versucht, sich mit der Macht des Geldes die Hauptpositionen in diesem Forschungsbereich zu sichern.“

In der Tat erklären es die HGF-Gesundheitszentren auf ihrer Homepage zum Ziel, „national und international eine führende Rolle zu übernehmen“. Dazu wollen sie langfristige Verbünde mit universitären und außeruniversitären Partnern auf Augenhöhe gründen.

Prof. Dr. med. Josef Pfeilschifter, Universitätsklinikum Frankfurt/Main, glaubt jedoch nicht an eine Begegnung auf Augenhöhe: „Wenn Finanz-, Budget- und Personalverantwortung bei der HGF liegen, dann handelt es sich um ein klares Abhängigkeitsverhältnis der Hochschuleinrichtungen.“ Dies komme auch in den „Knebelverträgen“ zum Ausdruck, in denen von „unselbstständigen Satelliten“ gesprochen werde, die an das Kernzentrum der HGF angegliedert sind. Der Zukunft der deutschen Hochschulmedizin sieht Pfeilschifter mit Sorge entgegen: „Da eine anteilige Mitfinanzierung der Satelliten durch die jeweiligen Bundesländer vom Bun­des­for­schungs­minis­terium gefordert wird, besteht die Gefahr, dass die Gelder für die Universitäten entsprechend gekürzt werden.“ Auch diese müssten jedoch einen gleichberechtigten Zugang zu einer direkten, nachhaltigen Finanzierung erhalten, fordert Pfeilschifter. Und: „Die Auswahl der Partner sollte nach wissenschaftsadäquaten Standards ablaufen.“ Eine Möglichkeit wäre, so Pfeilschifter, die Begutachtung durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG).

Musterverträge in Arbeit
Prof. Dr. med. Jürgen Schölmerich, Universitätsklinikum Regensburg und Vizepräsident der DFG, hält dies jedoch nicht für nötig, da die Konsortien im Wettbewerb gebildet würden. Auch die Einflussnahme des Ministeriums auf die Forschungslandschaft hält er prinzipiell nicht für schädlich. Als Folge der Föderalismusreform sei zudem eine Förderung der Universitätsmedizin durch den Bund nur durch die Partnerschaft mit den Helmholtz-Zentren möglich. „So wie die Verträge jetzt konstruiert werden, sehe ich viele Chancen für die Hochschulmedizin und die Basis für eine vernünftige Partnerschaft“, sagte Schölmerich dem Deutschen Ärzteblatt.

Für grundsätzlich sinnvoll hält auch Bitter-Suermann eine Kooperation. „Die HGF und die Hochschulmedizin verfügen über unterschiedliche Kenntnisse und Methoden. Das schafft Synergien.“ Wichtig sei es jedoch jetzt, Fehlentwicklungen vorzubeugen und „auf Augenhöhe“ zusammenzuarbeiten. Die Universitäten dürften sich nicht über den Tisch ziehen lassen. Positiv bewertet der MFT-Präsident die entstehenden Verträge zu den Forschungsbereichen Krebs, Infektionen und Herz/Kreislauf. „Hier sind wir auf einem guten Weg.“
Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann


Steigende Ausgaben
Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes gaben die außeruniversitären Forschungseinrichtungen in Deutschland 2007 8,5 Milliarden Euro für Forschung und Entwicklung aus. Das waren 4,7 Prozent mehr als im Vorjahr. Davon entfielen 0,6 Milliarden Euro (6,6 Prozent) auf die Humanmedizin.
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