ArchivDeutsches Ärzteblatt9/2010Interview: Aus der Verantwortung gestohlen
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Als Unterzeichnerin der Erklärung des IPPNW gegen die Instrumentalisierung von Psychotherapie als unkritische Psycho-Reparaturwerkstatt für im Kriegseinsatz traumatisierte Soldaten bin ich bestürzt darüber, dass die Vorsitzende des IPPNW im Interview mit dem DÄ die zentrale Aussage dieser Erklärung zurücknimmt.

Zunächst erklärt Frau Claußen noch gemäß der Initiative des IPPNW, eine sinnvolle und verantwortungsbewusste Traumatherapie müsse „die Realität, Täter geworden zu sein“, also die eigene Mitverantwortung für die „verhinderbare, menschengemachte Katastrophe“, die „Ursachen für die Erkrankung PTBS“ zum Inhalt haben. Dann soll darüber nur noch „geredet werden dürfen“, „wenn seitens des betroffenen Soldaten Zweifel am Krieg aufkommen“. Schließlich stiehlt sich Frau Claußen gänzlich aus ihrer Verantwortung als Psychotherapeutin, wenn sie es zur „Entscheidung des Betroffenen selbst“ erklärt, ob er „die Chance ergreifen (will), sich mit dem Thema Krieg auseinanderzusetzen“.

Selbstverständlich hat ein traumatisierter Soldat, wie jeder Patient, der psychotherapeutische Hilfe sucht, das Recht sich zu entscheiden, „die Ursachen seines Leidens“ nicht betrachten zu wollen, das Risiko, seine „Identität infrage stellen“ zu müssen, nicht eingehen zu wollen. Wenn ich aber eine Traumatherapie anbiete, die diesen Namen auch verdient, mich eben nicht für kritiklose, ursachenverleugnende, wieder kriegsverwendungsfähig machende Symptombekämpfung instrumentalisieren lasse, bin ich als Psychotherapeutin in der Verantwortung, die Unmöglichkeit eines solchen Therapiewunsches gegenüber den Patienten – und den „politisch Verantwortlichen“ – deutlich zu vertreten, eine solche „Therapie“ abzulehnen.
Dipl.-Psych. Gudrun Pfitzner, 80634 München
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