ArchivDeutsches Ärzteblatt9/2010„Emergency Room“: Über die Verletzung der Schweigepflicht

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„Emergency Room“: Über die Verletzung der Schweigepflicht

Dtsch Arztebl 2010; 107(9): A-397 / B-351 / C-341

Klinkhammer, Gisela

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LNSLNS Die US-amerikanische Fernsehserie dient als Grundlage einer Reihe von Fortbildungsveranstaltungen.

Die US-amerikanische Serie „Emergency Room“ spielte vorwiegend in der Notaufnahme eines fiktiven Chicagoer Lehrkrankenhauses. Foto: Warner Bros. Television
Die US-amerikanische Serie „Emergency Room“ spielte vorwiegend in der Notaufnahme eines fiktiven Chicagoer Lehrkrankenhauses. Foto: Warner Bros. Television
Jeanie Boulet, eine 30-jährige Kranken­gymnastin und Arzt­helferin erfährt, dass sie HIV-positiv ist. Sie will sich in ihrem Kranken­haus beraten lassen, wo ihr im Warte­zimmer ein Mit­patient rät, sich in einer anderen Klinik thera­pieren zu lassen. Er selbst habe, nachdem sein Ergebnis bekannt geworden war, als Chirurg nur noch Leichen waschen dürfen. Als Jeanie von ihrer Vorgesetzten nach dem Ergebnis gefragt wird, behauptet sie daraufhin, sie sei HIV-negativ und versorgt weiterhin offene Wunden von Patienten. Oberarzt Dr. Greene lässt sich schließlich im Archiv unter einem Vorwand Jeanies Akte geben und entbindet sie zunächst von ihren derzeitigen Aufgaben.

Ausgehend von diesem „Fall“ diskutierten Mitte Februar im Markus-Krankenhaus Frankfurt/Main Ärzte und Pflegepersonal über medizinische, ethische und rechtliche Aspekte des Themas „Der HIV-positive Mitarbeiter im Krankenhaus“. Das Beispiel ist allerdings nicht der Realität entnommen, sondern einer Szene der US-amerikanischen Serie „Emergency Room“ aus dem Jahr 1996. Dass sich diese Serie zur Fortbildung von Ärzten, Pflegepersonal und anderen Krankenhausmitarbeitern eignet, hat sich bereits durch mehrere ähnliche Veranstaltungen erwiesen (dazu DÄ, Heft 37/2006). „Emergency Room zeichnet sich durch eine hervorragende medizinische Recherche und Fachberatung aus,“ betonte Dr. med. Klaus Zischler vom Institut für Anästhesiologie und operative Intensivmedizin am Markus-Krankenhaus. „Alle Schauspieler müssen den medizinischen Jargon beherrschen und lernen, die medizintechnischen Geräte korrekt zu bedienen.“ Auch wenn sich die deutsche Notfallmedizin von der US-amerikanischen deutlich unterscheidet, eignen sich viele Szenen als Anschauungsmaterial und Diskussionsstoff.

Auf Kritik stieß vor allem das Verhalten von Dr. Greene. Keiner der Mitarbeiter des Krankenhauses hat nach Ansicht von Prof. Dr. jur. Gabriele Wolfslast, Universität Gießen, die strafbewehrte Pflicht oder das Recht, Jeanies Infektion ohne ihre Einwilligung zu offenbaren oder anzuzeigen. Ausnahmen könnten lediglich bei Klinikmitarbei-tern mit einer hohen Viruslast gemacht werden, die extrem fahrlässig handelten. Nur dann dürfe die Schweigepflicht gebrochen werden. „Wenn ein Arzt eine Gefahr für den Patienten darstellt, muss der Vorgesetzte einschreiten. Das gilt aber nicht nur für Aids, sondern auch für andere Krankheiten, zum Beispiel auch bei Alkoholkranken.“
Foto: Fotolia
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Dr. med. Sabine Wicker, Leiterin des Betriebsärztlichen Dienstes der Uniklinik Frankfurt, vertrat ebenfalls die Auffassung, dass mehr als 95 Prozent der Tätigkeiten im Gesundheitswesen von HIV-positiven Mitarbeitern ausgeübt werden könnten. „Nur übertragungstechnische Aufgaben müssen besprochen werden.“ Ähnlich wurde dann auch in der Serie entschieden. Dr. theol. Kurt W. Schmidt vom Zentrum für Ethik in der Medizin am Markus-Krankenhaus berichtete, dass Jeanie weiterhin beschäftigt wurde und zwar in Arbeitsbereichen, in denen sie niemanden infizieren konnte.

In einer zweiten Szene ging es um die Behandlung einer Patientin ohne deren Einverständnis. Dr. Greene führte bei ihr wegen Verdacht auf Meningitis eine Lumbalpunktion durch, obwohl sie dies vehement ablehnte. Nach Ansicht von Zischler hätte Greene diesen Eingriff nicht vornehmen dürfen, ohne vorher die Patientin über die Risiken aufzuklären. Wolfslast empfiehlt, in solchen Fällen einen Betreuer zu bestellen, der die Situation abschätzen und gegenüber dem Arzt eine gewisse Kontrolle ausüben könnte.

Bei der nächsten Fortbildungsveranstaltung („Was wir von ,Dr. House’ lernen können – und was besser nicht!“) am 10. März kann im Frankfurter Markus-Krankenhaus unter anderem mit Dr. Lisa Sanders von der Yale School of Medicine diskutiert werden. Ihre Rubrik „Diagnosis“ bildete die Grundlage für die TV-Serie „Dr. House“, für die Sanders als medizinische Beraterin tätig ist. Informationen: www.medizinethik-frankfurt.de.
Gisela Klinkhammer
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