ArchivDeutsches Ärzteblatt9/2010George Grosz. Korrekt und anarchisch: Sozialkritik mit ätzender Feder

KULTUR

George Grosz. Korrekt und anarchisch: Sozialkritik mit ätzender Feder

Dtsch Arztebl 2010; 107(9): A-401 / B-355 / C-345

Bühring, Petra

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Die Akademie der Künste in Berlin zeigt unter anderem unveröffentliche Arbeiten des Dadaisten und Karikaturisten George Grosz.

Die Kooperation mit dem „Straßenfeger“, der Zeitschrift, die Berliner Obdachlose vornehmlich in S- und U-Bahnen für eine Spende anbieten, lag für Klaus Staeck nahe. „Bedrückend aktuell“ sei die Ausstellung „George Grosz. Korrekt und anarchisch“, betonte der Präsident der Berliner Akademie der Künste bei der Eröffnung. Denn Armut und Obdachlosigkeit sind nicht nur ein Phänomen der von Grosz vielfach bissig und satirisch skizzierten 20er Jahre. Wie kein anderer hat der Dadaist und Karikaturist das Bild der Weimarer Republik geprägt. Mit ätzender Feder sezierte er den Kapitalismus und Militarismus dieser Zeit nach dem Ersten Weltkrieg. Bilder wie „Friedrichstraße“ von 1918 (Abbildung oben) sind typisch dafür. Die Akademie der Künste zeigt aus dieser Zeit Lithografien aus den Mappenwerken „Ecce Homo“ und „Das neue Gesicht der herrschenden Klasse“, die Grosz und seinem Verleger Wieland Herzfelde mehrere Prozesse wegen Angriff auf die öffentliche Moral und Gotteslästerung einbringen.

Erstmals zeigt die Akademie aber auch Unveröffentlichtes: Jugendzeichnungen des hochbegabten 13- bis 16-jährigen Grosz, eine Kollektion colorierter Postkarten, 200 Skizzenbücher sowie einen ganzen Saal voller Porträtstudien seines Freundes Max Herrmann-Neiße. Diesem Künstler, der zu den bekanntesten Berliner Dichtern der 20er Jahre gehört, ist auch der Titel zur Ausstellung zu verdanken. Grosz Porträt zu sitzen, war ihm ein Vergnügen, denn: „Wir hatten ungefähr dieselbe Gesinnung und Stimmung . . . wir waren beide sowohl Lyriker als auch Zyniker, korrekt und anarchisch!“ All diese unveröffentlichten Kostbarkeiten wurden 1984 in einer Holzkiste im Keller von Grosz’ Schwager Otto Schmalhausen am Berliner Savignyplatz 5 gefunden, als die Familie ihre Wohnung dort auflöste. Georg Ehrenfried Groß, so der bürgerliche Name des Künstlers, hatte die Kiste dort zurückgelassen, als er in die USA emigrierte. Aus Protest gegen falsch verstandenen Patriotismus und Nationalismus amerikanisierte er bereits 1916 seinen Namen. Grosz erhielt 1933 in New York einen Gastlehrauftrag und setzte sich und seine Familie mit untrüglichem Gespür gerade noch rechtzeitig aus Deutschland ab.

„Amerika. Zukunft!“, hatte 1917 schon der 24-jährige Grosz in seinem „Gesang der Goldgräber“ ausgerufen. Knapper und eindrücklicher lassen sich seine Jugendträume nicht zusammenfassen. Und doch schafft er es nicht, in dem glorifizierten Land heimisch zu werden. Von seinem Weimarer Werk sagt er sich in den USA los. Durch den zunehmenden Erfolg der abstrakten Kunst in den USA, fühlt er sich als Realist nicht angenommen. Die Ausstellung konzentriert sich auf die am Ende seines USA-Aufenthalts entstandenen Collagen. Mit analytisch sezierendem Blick und groteskem Humor zerlegt Grosz die US-amerikanische Gesellschaft und damit seine eigene Lebenswirklichkeit, die ihn zunehmend enttäuscht. Sein mit aufgerissenem Mund lachendes „College Girl“ von 1958 (Abbildung links) mit Segelohren und umgedrehten Augen steckt bis zum Hals in einem Baseballhandschuh – eine Karikatur der Sportbesessenheit amerikanischer Hochschulen. Der 66-jährige Grosz kehrt 1959 in seine Heimat Berlin zurück, wo er wenige Monate später stirbt.
Petra Bühring

Die Ausstellung ist bis zum 5. April in der Akademie der Künste, Pariser Platz 4, Berlin-Mitte zu sehen. Telefon: 030 200571000, www.adk.de/grosz Friedrichstraße, 1918. Feder, Tusche. Akademie der Künste, Kunstsammlung College Girl, circa 1958, Collage. Akademie der Künste, Kunstsammlung
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema