ArchivDeutsches Ärzteblatt9/2010Nichtsteroidale Antirheumatika: Darmläsionen zu wenig beachtet

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Nichtsteroidale Antirheumatika: Darmläsionen zu wenig beachtet

Dtsch Arztebl 2010; 107(9): A-403 / C-347

Vetter, Christine

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LNSLNS Entzündungen der Darmmukosa findet man bei zwei von drei mit NSAR behandelten Patienten, jeder Dritte verliert über den Darm Blut und entwickelt eine Anämie.

Gut bekannt sind die bei längerer Einnahme von nichtsteroidalen Antirheumatika (NSAR) drohenden Läsionen im Magenbereich. Weniger beachtet wird dagegen, dass die NSAR durchaus auch Schädigungen im unteren Gastrointestinaltrakt (GI-Trakt) hervorrufen. „Diese Nebenwirkungen finden erst seit kurzem vermehrt Aufmerksamkeit“, berichtete Prof. Dr. med. Markus Gaubitz (Münster). Dabei verlaufen NSAR-induzierte Darmläsionen zum Teil noch dramatischer als die Nebenwirkungen im oberen Gastrointestinaltrakt. Das Problem: „Vor den NSAR-Schädigungen im Darmbereich können wir die Patienten praktisch nicht schützen“, sagte der Mediziner beim Rheumatologenkongress in Köln.

Vor allem den modernen Untersuchungsverfahren wie der Kapsel-endoskopie und der Doppelballon-enteroskopie ist es zu verdanken, dass Läsionen im unteren Gastrointestinaltrakt öfter diagnostiziert werden. Sie sind, so weiß man Gaubitz zufolge inzwischen, ähnlich häufig wie die Reaktionen im oberen GI-Bereich. Immerhin weisen mehr als zwei Drittel der Patienten unter mittel- bis längerfristiger NSAR-Einnahme subklinische Schädigungen im Dünndarm auf. Es handelt sich dabei überwiegend um Ulzera und Erosionen, seltener mit Blutverlust. Zu beobachten sind aber auch Membranbildungen bis hin zu sich ausbildenden Strikturen, die das Darmlumen einengen.

Minimierung der Nebenwirkungen
Als mögliche Ursachen nannte der Mediziner cyclooxygenasevermittelte Mechanismen, aber auch eine direkte Enterozytenschädigung, was seinerseits die vermehrte Bildung freier Radikale forciert, die dann eine erhöhte intestinale Permeabilität bedingen. „Es kommt zum Verlust der Mukosabarriere und zur gesteigerten Empfindlichkeit gegenüber Galle, Speisen und Bakterien“, sagte Gaubitz in Köln.

Bei 60 bis 70 Prozent der Patienten sind unter NSAR Entzündungen der Darmschleimhaut nachzuweisen, und bei circa 30 Prozent kommt es zu Blutverlusten und zur Anämie. Es drohen ferner eine Malabsorption sowie Proteinverluste. Wie ernst die Konsequenzen sein können, machte der Mediziner an weiteren Zahlen deutlich: „Bei 30 bis 40 Prozent der Patienten manifestieren sich Ulzera in der Darmmukosa, 0,3 bis 0,9 Prozent der Patienten müssen deshalb stationär eingewiesen werden.“

Gaubitz stellte in diesem Zusammenhang die Daten von zwei placebokontrollierten randomisierten und prospektiv angelegten Doppelblindstudien bei gesunden Probanden vor, die belegen, dass sich die Nebenwirkungen im unteren GI-Trakt durch Cox-2-Hemmer wie Celecoxib minimieren lassen. In einer der beiden Studien erhielten die Teilnehmer zwei Wochen lang 200 mg Celecoxib, wobei in einem zweiten Studienarm einmal 500 mg Naproxen plus 20 mg Omeprazol verabreicht wurden und in der zweiten Untersuchung 800 mg Ibuprofen plus 20 mg Omeprazol. Per Kapselendoskopie wurden die auftretenden Nebenwirkungen analysiert, wobei sowohl unter Naproxen wie auch unter Ibuprofen eine signifikant höhere Zahl an Patienten mit einem Verlust der Mukosabarriere reagierte. In der Celecoxib-Gruppe ergab sich hingegen kein eindeutig zu sichernder Unterschied gegenüber Placebo.

Inwieweit entsprechende Unterschiede auch bei Schmerzpatienten zu sehen sind, wird derzeit in einer großangelegten Doppelblindstudie mit mehr als 4 000 Teilnehmern geprüft, wobei in einem Studienarm mit Celecoxib behandelt wird und in der Kontrollgruppe mit Diclofenac plus einem Protonenpumpenhemmer.
Christine Vetter

Symposium „Klinische Rheumatologie und pharmakologische Grundlagen – vom Molekül zur Kasuistik“ beim 37. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie, Köln, unterstützt von Pfizer-Pharma
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