THEMEN DER ZEIT: Glosse

Neuer Tag auf Station

Hartmann, Harald

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LNSLNS Eine Krankenkasse stellt mir (unentgeltlich) einen Angestellten zur Verfügung, der für mich Blutabnahmen, Verbandwechsel, Visiten, Angehörigengespräche und ähnliches macht; dem Pflegepersonal oder dessen Sekretärin erklärt, warum sich das neue "Formular Z" schon wieder ändert.
Währenddessen fülle ich (unentgeltlich) eine kurze Anfrage mit dreißig Punkten (bitte ausführlich beantworten!) zur Notwendigkeit des Aufenthaltes des gerade angekommenen kardial dekompensierten, hypertensiven Diabetikers Herrn X aus. Ich forsche im ICD-Schlüssel nach dessen weiteren fünf Krankheiten und rufe einen Kollegen in der Praxis an, um zu erfahren, wie man seine Einweisungsdiagnose codiert, die genauso unleserlich ist wie meine Anweisungen in der "Kurve". Danach entnehme ich die erlaubte Verweildauer einem weiteren Nachschlagewerk (das vom Verlag freundlicherweise gleich mit Beißholz, Magenschleimhautschutz und Tragegriff ausgeliefert wurde und bald auf "CD" erhältlich sein soll) und reiche alles bei der Verwaltung ein.
Meine Chefin fragt, ob ich Frau Y für die "Gastro" schon aufgeklärt habe (nein!). Der Oberarzt möchte wissen, ob die Fortbildung "steht" und ob ich schon den neuesten Artikel im "Internisten" gelesen habe (nein!).
In einer Sitzung bei der Verwaltungschefin erfahre ich nun, daß sich das "Formular Z" wieder geändert hat, dies auch noch öfter geschehen werde, wir aber "bald einen Computer bekommen sollen" (mit dem alles besser wird).
Zurück auf der Station habe ich den Termin für die "Übergabe" auf der "Intensiv" verpaßt, aber dafür diktiere ich schnell (im voraus) den kompletten E-Bericht des Herrn X, inklusive Entlassungsdiagnose und Entlassungsdatum, das nach dem o. g. Buch in zwei Wochen sein wird. (Die "Briefe sollen mit dem Pat. beim Hausarzt sein", und weiß der Teufel, ob in zwei Wochen unsere Schreibkraft nicht schon der vierten Stufe des GSG zum Opfer gefallen ist oder sich schlicht im Blätterwald verirrt hat.)
Meine Lieblingsschwester beantwortet meine Frage nach der Identität des blassen Herrn im Zinksarg, der im Bad steht: Es ist Herr X, ich hatte ganz vergessen, ihn aufzunehmen.
Mein freundlicher Helfer von der Krankenkasse, der gerade um siebzehn Uhr mit der Visite beginnen wollte und dabei an unserem stellvertretenden Stationspfleger gescheitert war, versucht mich zu trösten. Er hatte sich den "lukrativen Job" eines Assistenzarztes doch anders vorgestellt, mehr Blut vergossen als abgenommen und dabei seine alte Arbeit wieder liebengelernt. Wir machen für morgen ab, daß er für mich schreibt, telefoniert usw. und ich wieder Blut abnehme und "Visite mache".
Mein Angebot, die gute Gelegenheit zu nutzen, einen Nachtdienst kennenzulernen und heute abend und morgen früh einen Arbeitsweg zu sparen, lehnt er dankend ab.
Ich nehme es ihm nicht übel, diktiere einen kurzen Brief an den Hausarzt von Herrn X, in dem ich mich für den unzutreffenden E-Bericht entschuldigen will . . . Da weckt mich der Ruf aus dem neuen "Pieper": . . . alles war nur ein Traum, es ist drei Uhr dreißig, es schneit, und ein Herr X wird gerade erst vom Rettungsdienst angeliefert.
Ich werde ihn sehr genau untersuchen und heute nacht sicher nicht mehr träumen.
Harald Hartmann,
Assistenzarzt,
Kassel
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