ArchivDeutsches Ärzteblatt25/1997Jugendstudie: Politiker sind unglaubwürdig

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Jugendstudie: Politiker sind unglaubwürdig

Seidel, Marc

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LNSLNS Die Zahl der arbeitslosen Jugendlichen steigt kontinuierlich, Ausbildungsplätze sind rar, und selbst wer als junger Erwachsener einen Job bekommt, weiß nicht, ob und welche Rente er erhalten wird. Die Zukunftsperspektiven sind für die heutige Jugend alles andere als rosig. Verantwortlich für den derzeitigen Mißstand sind für die Heranwachsenden die "Herren im grauen Anzug", die Politiker, die nichts anderes tun als reden. Reden, ohne zu handeln und ohne einen Bezug zur Realität, geschweige denn zur Jugend. Dies sind nur einige Aussagen der Studie "Jugend ´97", die vom Jugendwerk der Deutschen Shell veröffentlicht wurde.


Unrealistisch oder inaktiv wären die falschen Worte, um die heutige Generation von Jugendlichen zu beschreiben. Bereits in der frühen Schulzeit sind sie mehr denn je gefordert, wird Leistung verlangt. Die Heranwachsenden sind sich bewußt: Nur wer eine gute Qualifikation hat, kann sich später auch in der Berufswelt etablieren. Die 12. Jugendstudie des Jugendwerkes der Deutschen Shell zeigt auf: Sowohl in der Schule als auch in der Freizeit wirken Jugendliche engagiert mit. Dabei ist ein Faktor für den Einsatz besonders wichtig: Spaß. Er ist das mindeste, was herausspringen muß, egal wofür sich der Jugendliche heute einsetzt.
Das Spektrum der Aktivitäten ist weit gestreut. Von Schulmitwirkung oder Theatergemeinschaft über Jugendgruppen und Kirche bis hin zum Engagement im Verein reicht die Spanne. In selbsterwirkten Veränderungen findet gerade diese Altersgruppe ihre Bestätigung. Es macht ihnen Spaß, Erfolg "zu ernten". Und es macht ihnen Spaß, dabei ernst genommen zu werden. Als ein stark bremsend wirkender Faktor für die Motivation der jungen Generation wird die Bürokratie gewertet. Wenn Paragraphen nicht mehr die Richtung weisen, sondern nur noch zusätzliche Arbeit verursachen oder etwa den gesamten Einsatz in Frage stellen, hört bei den Jugendlichen der Spaß auf. Wenig erfreut zeigt sich die junge Generation auch, wenn ihr keiner zuhört oder sie sich nicht für voll genommen fühlt: in der Politik trifft dies nach Auffassung der Jugendlichen ganz überwiegend zu.


Nahrung: Indikator für Interessen Bei der Auswahl der Nahrungsmittel der Jugendlichen gab es in den letzten sechs Jahren einen deutlichen Trend zu verzeichnen: Es wird weniger Fleisch gegessen. Bei einer 1991 vorgenommenen Befragung gaben noch über zwei Drittel an, eine Ernährung mit Fleisch zu bevorzugen. Inzwischen ist die Zahl auf 60 Prozent zurückgegangen. Ebenfalls wuchs der Personenkreis derer, die sich zumindest fleischarm ernähren wollen, von 30 auf 36 vom Hundert. Dabei verzichten Mädchen und junge Frauen öfter auf tierische Proteine (52 Prozent fleischarm, 6 Prozent vegetarisch) als der männliche Teil ihrer Altersstufe (22 Prozent fleischarm, 2 Prozent vegetarisch). Außerdem sind in puncto Fleisch zwei weitere Unterschiede zu verzeichnen: Im Westen ernähren sich mehr Jugendliche fleischlos oder fleischarm (42 Prozent) als im Osten (35 Prozent). Die Menge der Personen, die darauf verzichten, ist außerdem auch bildungsabhängig, der Verzicht steigt mit dem Grad der schulischen Qualifikation.
Auffallend sind die Unterschiede in beiden Gruppen, was die Interessen angeht: Grundsätzlich sind die "Fleischliebhaber" positiver eingestellt, haben tendenziell ein Vorbild aus dem Sport (erste Nennung). Die andere Seite sucht ihre Leitbilder eher unter Schauspielern oder Künstlern. Auch hat sie ein geringeres Interesse an Technik (55 gegenüber 70 Prozent).


Korrupt und interessengeleitet
Das Bild, das Jugendliche von der Politik und von den Politikern haben, ist recht homogen. Politik und Politiker sind unglaubwürdig, interessengeleitet, langweilig, trocken, unehrlich, korrupt und vom Alltagsleben "Schaltjahre entfernt". Politiker sind "alt", ihre Reden schläfern ein, sie sind "träge", "elanlos" und reden, um zu reden, nicht aber, um zu handeln. Nur sehr wenige der im Rahmen der Studie Befragten stehen hinter der derzeitigen Politik und finden einzelne Politiker glaubwürdig. Dabei differenzieren die wenigsten Jugendlichen diese Aussagen nach den einzelnen Parteien. Die Parteienlandschaft scheint für sie vielmehr anonymisiert gleich, genauso wie auch die Programme der Parteien, die sich kaum voneinander unterschieden. "Parteiklüngel" und nicht eingehaltene Wahlversprechen dominieren den Eindruck, folgenlose Reden im Bundestag und undurchschaubare Gegnerschaften und Positionen ziehen bei Jugendlichen Desinteresse nach sich. "Politik" und "politische Prozesse" scheinen keinen Anfang und kein Ende zu haben. Der gleichbleibende (Rede-)Fluß immer gleicher (Fernseh-)Bilder und immer gleicher Personen vermittelt den Jugendlichen den Eindruck von Entscheidungs- und Folgenlosigkeit. Entsprechend ist das Bild vom politischen Geschäft: es bestehe daraus, daß Politiker tagaus, tagein in Gremien sitzen und wirkungslosen Reden zuhören. Politik habe nichts mit Leben zu tun. Politik beschäftige sich auch nicht mit wirklichen Ängsten und Problemen der Jugendlichen. Überhaupt sind die Probleme in den Augen der Zielgruppe der Erhebung gerade den Politikern nicht bekannt. Vielmehr seien die "Herren im grauen Anzug" mehr damit beschäftigt, ihren Besitzstand zu wahren und langfristig abzusichern. "Manchmal denke ich, daß Politiker sowieso alle bestechlich sind, weil sie anders nicht hochkommen. Es ist wahrscheinlich ein Vorurteil, aber das habe ich. Es ist ein schmutziges Geschäft, denn es geht nur um Macht und um Geld." (weiblich, 25 Jahre)


Die Probleme
Die Gesundheit ist - typisch für diese Altersgruppe - ein untergeordnetes Problem. Nur knapp jeder fünfte Befragte sah dies als einen nennenswerten Punkt an. Auch Geldsorgen wurden nur von 19 Prozent angesprochen. Ein anderer Bereich bereitet den Jugendlichen wesentlich mehr Kopfzerbrechen:
Fast jeder zweite (45,3 Prozent) sieht in der Arbeitslosigkeit das größte Problem, mit dem er konfrontiert werden könnte. Auch Lehrstellenmangel und die Sparpolitik mit direkten Auswirkungen auf Jugendeinrichtungen, der Sozialabbau und die fehlende Rentensicherheit, die Armut von Bevölkerungsgruppen sowie die Ausländer- und Gewaltproblematik sind Themen, die in der jungen Generation für viel Gesprächs- und Diskussionsstoff sorgen. Dabei kristallisiert sich mehrheitlich der Eindruck heraus, daß die Politik und das politische System in diesen Bereichen versagt haben. Die Auswirkungen des Versagens träfen vor allem die Jugendlichen in den neuen Bundesländern, deren berufliche Zukunft in den Sternen stehe und die sich von den Versprechen der Politiker - vor und nach der Wende - getäuscht fühlten.

Der Frust
Die Folge: Resignation, Enttäuschung und Frust, aber auch die Vorstellung (im Osten), daß es in der ehemaligen DDR doch auch sehr Positives gab ("Jeder hatte Arbeit und war abgesichert"). Die Sparpolitik, die stark Jugendzentren, Jugendclubs und Schulen betrifft, hinterläßt den Eindruck, daß es der Politik nicht darum geht, wirklich etwas für Jugendliche zu tun und sich mit deren Bedürfnissen und Wünschen zu beschäftigen. Häufig argumentieren Jugendliche, daß Aggression und Gewalt beziehungsweise Gewaltbereitschaft in ihrer Altersgruppe das Ergebnis einer solch kurzfristig gedachten Sparpolitik sind. "Die Politiker haben diese Mißstände mitzuverantworten, diese Aggressivität und Gewaltbereitschaft. Zum Beispiel, weil sie im Bildungs- und Forschungsbereich permanent Mittel kürzen. Dabei ist das die Domäne Deutschlands. Wir haben keine Rohstoffe, teure Löhne. Deutschland kann nur überleben, wenn wir für die Welt vordenken. Das heißt, man muß sehr stark in Ausbildung investieren. Genau aus dem Bereich wird das Geld aber zuerst abgezogen. Schulklassen mit über 35 Schülern sind Usus. In diesen Bereichen wird das Geld abgezogen. Statt dessen werden zum Beispiel Rüstungsfirmen subventioniert, ein Unding, denn entweder ist eine Firma wirtschaftlich, oder sie ist weg. Punkt. Diese perverse Geldverschwendung haben Politiker zu verantworten." (weiblich, 26 Jahre)


Das alltägliche Leben
Im Mittelpunkt des Interesses von Jugendlichen steht das eigene, alltägliche Leben, das es so gut wie möglich zu meistern gilt und das sich durch Lebendigkeit, Spontaneität und Spaß auszeichnen soll. Hier spielen die Clique und der jeweilige Freundeskreis sowie die Partnerschaft die wichtigsten Rollen. Dementsprechend sind auch die Zukunftsbilder in erster Linie privater Natur. Politik und Gesellschaft nehmen dagegen einen geringeren Stellenwert ein. Eine Familie wird angestrebt, am liebsten im eigenen Haus mit Garten, und eine gutbezahlte, sichere und interessante Arbeit, durch die sich Urlaub und Wohlstand finanzieren lassen. Ebenso steht ein großer, zuverlässiger Freundeskreis mit oben auf der Wunschliste. Hohe ethische Maßstäbe werden dabei an alle Personen und Dinge angelegt, mit denen Jugendliche zu tun haben. Ehrlichkeit, Toleranz, Authentizität, Integrität, Offenheit und Glaubwürdigkeit sowie Spontaneität gehören mit zu den wichtigsten Parametern, nach denen Sachverhalte und Menschen beurteilt werden. Marc Seidel

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