ArchivDeutsches Ärzteblatt PP3/2010Priorisierung in Psychiatrie und Psychotherapie: Gegen heimliche Rationierungen

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Priorisierung in Psychiatrie und Psychotherapie: Gegen heimliche Rationierungen

PP 9, Ausgabe März 2010, Seite 103

Bühring, Petra

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„Wir dürfen uns nicht scheuen, schlafende Hunde zu wecken.“ Prof. Dr. med. Wolfgang Gaebel. Foto: DGPPN
„Wir dürfen uns nicht scheuen, schlafende Hunde zu wecken.“ Prof. Dr. med. Wolfgang Gaebel. Foto: DGPPN
Die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde sieht wenig Einsparpotenzial in ihrem Fach, hält aber eine offene Diskussion über Priorisierung und Rationalisierung für wichtig.

Angesichts der zunehmenden Mittelknappheit im Gesundheitswesen muss auch im Fachgebiet Psychiatrie und Psychotherapie die Frage gestellt werden, wo Einsparungen möglich sind. Mit einem Symposium zum Thema „Rationalisierung, Priorisierung und Rationierung. Was kommt auf uns zu bei der Versorgung von Menschen mit psychischen Erkrankungen?“ Anfang Februar in Berlin rief die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) zunächst zu einer Diskussion innerhalb des Fachgebiets auf. „Wir dürfen uns nicht scheuen, möglicherweise schlafende Hunde zu wecken“, sagte Prof. Dr. med. Wolfgang Gaebel, Past President der Fachgesellschaft. Rationalisierungsreserven müssten geprüft werden, forderte Gaebel. Wichtig sei jedoch, die Priorisierungsdiskussion offen und transparent zu führen.

„Keinesfalls dürfen Entscheidungen zulasten psychisch Kranker getroffen werden“, erklärte er. Die seit der Psychiatrie-Enquete 1975 geforderte Gleichstellung von psychisch und somatisch Kranken müsse gewahrt werden.

Der Präsident der Bundes­ärzte­kammer unterstützte bei dem Symposium die Forderung nach einer offenen Priorisierungsdiskussion. „Die heute übliche Praxis heimlicher Rationierungen, wie zum Beispiel eine unzureichende Personalausstattung in Krankenhäusern, muss aufgedeckt werden“, forderte Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe. „Es ist nicht mehr alles bezahlbar, und deshalb muss das Geld so gerecht wie möglich verteilt werden.“ Hoppe schlägt dazu einen Gesundheitsrat vor. Dieser soll die Politik dabei beraten, die Rangfolge der Wichtigkeit von Versorgungszielen (Priorisierung) festzulegen. Einen solchen Gesundheitsrat – bestehend aus Vertretern der Gesundheitsberufe, Ethikern, Juristen, Epidemiologen und Gesundheitsökonomen – hält Hoppe besonders zur Unterstützung von psychisch Kranken für wichtig. „Depressive und Demente gründen keine Selbsthilfegruppe – sie brauchen eine Lobby.“

Heimliche Rationierungen in ihrem Fachgebiet kann die DGPPN einige aufzählen, wie lange Wartezeiten auf Behandlungstermine bei Psychiatern und Psychotherapeuten – vor allem für gesetzlich Krankenversicherte. Die von der Psychiatrie-Personalverordnung vorgegebenen Richtzahlen zur Personalausstattung in psychiatrischen Krankenhäusern und Fachabteilungen würden oftmals nicht erfüllt. Eine eher offensichtliche Form der Rationierung seien die Verkürzung der Verweildauer und der Bettenabbau in diesen Kliniken. „Mit der Verweildauerverkürzung steigt inzwischen auch die Wiederaufnahmerate“, berichtete Gaebel. Er sieht in seinem Fach kein weiteres Rationalisierungspotenzial: „Dem niedergelassenen Psychiater stehen nur 45 Euro im Quartal pro Patient zu Verfügung.“ Prof. Dr. med. Hans Joachim Salize, Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim, sieht indes Einsparpotenzial bei den atypischen Neuroleptika. „Ohne Evidenz über eindeutige Vorteile hinsichtlich Lebensqualität, Compliance oder der Rate an Behandlungsabbrüchen werden diese deutlich teureren Medikamente seit mehr als 20 Jahren verordnet“, wunderte sich der Vertreter der Versorgungsforschung.

Der Vorsitzende des Gemeinsamen Bundes­aus­schusses (G-BA), Dr. Rainer Hess, positionierte seine Behörde in der Priorisierungsdiskussion: Der G-BA dürfe medizinisch notwendige Leistungen grundsätzlich nicht aus dem GKV-Leistungskatalog ausschließen, wenn keine wirtschaftlichere Therapie mit vergleichbarem Nutzen vorhanden sei. Die teurere Behandlung müsse dann bezahlt werden. Vor der Diskussion über Leistungseinschränkungen sei jedoch eine „Strukturdebatte erforderlich“, betonte Hess. Der G-BA habe hierzu eine Arbeitsgruppe „Versorgungsorientierung/Priorisierung“ eingerichtet, die ein Konzept für eine versorgungsorientierte Medizin entwickeln soll. Mit Hilfe des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen und des Instituts für Angewandte Qualitätsförderung und Forschung sollen versorgungsorientierte Handlungsempfehlungen für einzelne Krankheiten entwickelt werden.
Petra Bühring
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