ArchivDeutsches Ärzteblatt PP3/2010Ärzte für die Dritte Welt: Sündiger Vater

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Ärzte für die Dritte Welt: Sündiger Vater

PP 9, Ausgabe März 2010, Seite 113

Jachertz, Norbert

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Großes Medien - interesse: Bei Ursula Raue, der vom Jesuitenorden benannten „Missbrauchsbeauftragten“, haben sich bisher 115 Opfer sexueller Übergriffe gemeldet. Die Rechtsanwältin legte am 18. Februar in Berlin einen Zwischenbericht vor. Foto: dpa
Großes Medien - interesse: Bei Ursula Raue, der vom Jesuitenorden benannten „Missbrauchsbeauftragten“, haben sich bisher 115 Opfer sexueller Übergriffe gemeldet. Die Rechtsanwältin legte am 18. Februar in Berlin einen Zwischenbericht vor. Foto: dpa
Die ärztliche Hilfsorganisation ist tief getroffen: Ihr Gründer und Spiritus Rector wird des sexuellen Missbrauchs beschuldigt. Einen „Fall“ hat er eingestanden, der Verein forscht vorsorglich nach weiteren.

Am 16. Februar hat ein Aufklärungsgremium des „Komitees Ärzte für die Dritte Welt“ die Arbeit aufgenommen. Es soll untersuchen, ob sich der Gründer der Hilfsorganisation auch bei seinem Dritte-Welt-Einsatz sexueller Übergriffe schuldig gemacht hat. Aus Deutschland haben sich bisher drei Opfer bei der Berliner Missbrauchsbeauftragten des Jesuitenordens, der Rechtsanwältin Ursula Raue, gemeldet. Raue ist der Kinderschutzorganisation Innocence in Danger verbunden. Deren Geschäftsführerin wiederum, Julia von Weiler, gehört dem Aufklärungsgremium der „Ärzte für die Dritte Welt“ an. Hinzu kommen Mechtild Maurer, die Geschäftsführerin von ECPAT Deutschland, gleichfalls einer Kinderschutzvereinigung, und die Rechtsanwältin Claudia Burgsmüller. Das 3-Damen-Team will nicht nur Nachforschungen über Pater Bernhard Ehlen SJ anstellen, denn um den handelt es sich, sondern auch Vorschläge zur Missbrauchsprävention vorlegen.

Die Fälle liegen lange zurück
Es macht inzwischen keinen Sinn mehr, Ehlens Namen zu anonymisieren, wie das noch mit anderen des sexuellen Missbrauchs verdächtigten Patres des Jesuitenordens notdürftig geschieht. Der Gründer und charismatische Spiritus Rector des „Komitees Ärzte für die Dritte Welt“ ist ein weithin bekannter Mann, er stand oft und nicht ungern im Licht der Öffentlichkeit. Ehlen wurde unverzüglich nach Bekanntwerden der Vorwürfe – der Jesuitenorden veröffentlichte sie selbst am 2. Februar – von seinem Vorstandsamt entbunden und aus dem Verein entfernt. Ob Ehlen das von sich aus tat oder ob er vom schockierten Vorstand hinausgeworfen wurde, ist nicht sicher auszumachen.

Die Vorfälle liegen lange zurück, fast 40 Jahre, als Ehlen in Hannover Jugendseelsorger war. Sie kamen auch nur deshalb jetzt hoch, weil die gegenwärtige Leitung des Canisius-Kollegs der Jesuiten in Berlin Missbrauchstatbestände aus den 70er und 80er Jahren offengelegt hat. Die Affäre zog seitdem Kreise weit über Berlin hinaus und trifft die Jugendarbeit der Jesuiten bis ins Mark. Denn was zurzeit hochgespült wird, lässt auf einen gewohnheitsmäßigen Missbrauch durch einige Patres und das Hinwegsehen der Vorgesetzten schließen, zumindest in der kritischen Zeit.

Auch Ehlen wirkte 1970 und 1971 am Canisius-Kolleg. Beschuldigt wird er indes lediglich wegen der Fälle in Hannover, einen hat er eingestanden. Aufmerken lässt aber ein Satz in der Verlautbarung, die der deutsche Jesuitenobere („Provinzial“), Pater Stefan Dartmann SJ, zu Ehlen veröffentlichte: „Die Vorfälle aus den 70er Jahren in Hannover, deren Opfer sich jetzt an die Beauftragte gewendet haben, geben Anlass zu der Befürchtung, dass es auch an anderen Orten solche gegeben hat.“ Aus Berlin wurden zu Ehlen bislang keine Verfehlungen bekannt. Und auch das „Komitee Ärzte für die Dritte Welt“ habe derzeit keine Hinweise darauf, dass es im Rahmen seiner Arbeit für die Hilfsorganisation zu Übergriffen gekommen sei, erklärt Generalsekretär Dr. phil. Harald Kischlat und verweist auf die Unschuldsvermutung. Wann das Aufklärungsgremium der „Ärzte für die Dritte Welt“ mit Ergebnissen herauskomme, lasse sich nicht abschätzen. Vielleicht in einem halben Jahr. Derzeit nehme man Kontakt zu den Projektpartnern in Übersee auf.

Der tückische dritte Weg
Das „Komitee Ärzte für die Dritte Welt“, das Pater Ehlen 1983 gründete, vermittelt Ärzte, die im Urlaub oder im Ruhestand einige Wochen in der medizinischen Entwicklungshilfe arbeiten wollen. Ehrenamtlich. Bisher haben circa 2 450 Ärztinnen und Ärzte mitgemacht, teils mehrfach. Die Organisation und nicht zuletzt auch Ehlen wurden dafür oft und hoch gelobt. So wurde Ehlen mit zwei Ehrendoktoraten gewürdigt. 2008 wurde ihm das Ehrenzeichen der deutschen Ärzteschaft verliehen. Da waren dem Jesuitenorden dessen Verfehlungen bereits seit drei Jahren bekannt. Der Orden offenbarte sie nicht, hielt sie aber auch nicht gänzlich geheim, sondern beschritt einen dritten Weg, der sich heute als tückisch erweist. Der sieht nach Darstellung des Komitees so aus: 2005 hatte sich ein Opfer offenbart. Ehlen wurde daraufhin von seinen Oberen verpflichtet, den Vorsitz von „Ärzte für die Dritte Welt“ aufzugeben. Was er 2006 schließlich tat; er blieb aber, merkwürdig genug, Vorstandsmitglied. Der Orden teilte dem Vorstand des Komitees mit, Ehlen werde den Vorsitz abgeben, nannte aber die wahren Gründe nicht. Diese wurden lediglich einem Vorstandsmitglied, einer Ärztin, offenbart. Und die hielt dicht. Die Ärztin sei 2008 aus dem Vorstand ausgeschieden und habe vor kurzem den Verein verlassen, verlautbarte lakonisch das „Komitee Ärzte für die Dritte Welt“.
Norbert Jachertz
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