ArchivDeutsches Ärzteblatt PP3/2010Behandlungsräume: Die Einrichtung therapiert mit

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Behandlungsräume: Die Einrichtung therapiert mit

PP 9, Ausgabe März 2010, Seite 115

Sonnenmoser, Marion

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LNSLNS Der Verlauf und Erfolg von Therapien hängt von vielen Faktoren ab. Dass auch die Räumlichkeiten, in denen sie stattfinden, einen Einfluss haben können, wird allerdings nur selten berücksichtigt.

Atmosphäre in der Praxis – die Umgebung, in der eine Behandlung stattfindet, beeinflusst das Wohlbefinden des Patienten und kann dadurch Auswirkungen auf den Therapieverlauf haben. Foto: Lukas Roth
Atmosphäre in der Praxis – die Umgebung, in der eine Behandlung stattfindet, beeinflusst das Wohlbefinden des Patienten und kann dadurch Auswirkungen auf den Therapieverlauf haben. Foto: Lukas Roth
Die Einrichtung und Dekoration eines Behandlungsraums kann die Atmosphäre, in der eine Therapie stattfindet, mitbestimmen. Dieser Umstand wird jedoch kaum berücksichtigt. Studien über die Wirkung des Interieurs zeigen aber, dass sowohl gesunde als auch erkrankte Menschen erheblich davon beeinflusst werden. Beispielsweise wiesen japanische Psychologen nach, dass Klienten eine abgeschwächte Beleuchtung in Beratungsräumen und Sprechzimmern gegenüber einer hellen bevorzugen. Die befragten Klienten konnten sich besser entspannen, und es fiel ihnen leichter, etwas von sich zu erzählen, wenn das Licht gedämpft war. Zudem empfanden sie die Atmosphäre angenehmer, und der Therapeut oder Berater machte auf sie einen positiveren Eindruck.

Patienten sollten sich wie zu Hause fühlen
Entscheidend zum Wohlbefinden von Patienten trägt auch die Dekoration eines Raums bei. Verschiedene Patientenumfragen kamen zum Ergebnis, dass Räume weder überladen noch kahl oder nüchtern sein sollten. Es sollten sich vielmehr Gegenstände in überschaubarer Anzahl darin befinden, die die meisten Patienten aus ihrem Alltag kennen, wie Bilder, Kalender, Pflanzen, Vorhänge, Teppiche, Vasen und Kissen. Allerdings sollte auf betont stilvolles, vornehmes oder extravagantes Inventar verzichtet werden. Patienten könnten davon abgelenkt, befremdet oder eingeschüchtert werden. Ein einladendes Ambiente trägt hingegen dazu bei, dass sie sich ein bisschen wie zu Hause fühlen.

Daneben spielen Farben eine wichtige Rolle. Laut einer Studie, die US-amerikanische Persönlichkeitspsychologen durchgeführt haben, bevorzugen die meisten Menschen die Farben Blau und Grün und umgeben sich gerne damit. Bei Kranken ist dieses Bedürfnis besonders stark ausgeprägt. Ein Grund dafür könnte sein, dass beide Farben häufig in der Natur zu finden sind und sie gewissermaßen repräsentieren. Da sich viele erkrankte Menschen nach Natur sehnen, weil sie darin Ruhe, Erholung, Hoffnung und Heilung suchen, fühlen sie sich durch Blau- und Grüntöne beruhigt, getröstet und geborgen.

Die Präferenz für naturnahe Farben ist unabhängig von Geschlecht und Lebensalter. So zeigte eine Umfrage in einer britischen Kinderklinik, dass Kinder und Jugendliche schwaches, blasses Blau und Grün beziehungsweise Pastelltöne in Fluren, Wartezimmern und auf Krankenstationen gegenüber anderen und kräftigeren Farben (zum Beispiel Gelb) oder Weiß bevorzugten. Die jungen Patienten schätzten besonders Bilder, die viel Blau enthielten und Wasser zum Thema hatten, allerdings gab es altersbedingte Unterschiede: Die Drei- bis Fünfjährigen mochten Darstellungen in Form von Symbolen, Comics und Cartoons, die Sechs- bis Zehnjährigen bevorzugten naturalistische Bilder und Fotos von Stränden, und die über Elfjährigen erfreuten sich (auch) an leicht abstrahierten Darstellungen. Sehr geschätzt wurden außerdem Unterwasserbilder und viele andere Motive rund um das Wasser, wie beispielsweise Schiffe, Wellen oder Küsten- und Meeresbewohner. Ebenfalls beliebt waren Abbildungen von Bäumen und Blumen.

Landschaften und Blumen werden bevorzugt
Ganz ähnliche Präferenzen sind auch bei erwachsenen Patienten festzustellen. Beispielsweise fanden texanische Umweltpsychologen anhand einer Umfrage unter 33- bis 65-jährigen Patienten heraus, dass diese es schätzten, wenn sie vom Krankenbett aus durch ein Fenster auf Bäume, Blumen oder Wiesen sehen konnten. War dies nicht möglich, wünschten sie sich als Wanddekoration Fotografien oder realistische Zeichnungen von vertrauten, ansprechenden Naturmotiven, vor allem von Blumen, Blättern, Gärten, Wäldern, Himmel, Wasserfällen, Meer, Seen und Tieren. Auch Darstellungen der Jahreszeiten wurden gerne gesehen. Allerdings gibt es in vielen Kliniken keine Herbst- und Winterbilder, weil sie Assoziationen mit dem Sterben hervorrufen können. Während männliche Patienten neben Blautönen auch Brauntöne und vor allem Landschaftsbilder schätzten, bevorzugten weibliche Patienten Blumenmotive und Figuren. „Abstrakte oder stilisierte Kunst kam bei den Patienten hingegen nicht gut an, selbst wenn sie von großen Meistern stammte“, so die Wissenschaftler.

Der Anblick von Natur fördert die Genesung
Die Effekte von Naturnähe und Naturdarstellungen auf Krankheit und Gesundheit werden seit rund 40 Jahren wissenschaftlich untersucht. Dabei kam Erstaunliches zutage: Der Anblick von Natur entspannt nicht nur, sondern lindert auch Schmerzen und fördert Genesungsprozesse. In mehreren Studien wurde festgestellt, dass Patienten, die in irgendeiner Weise von Natur umgeben waren, geringere Schmerzen empfanden, seltener klagten und weniger Schmerzmittel benötigten. Sie litten nicht so oft unter Ängsten und Stress, hatten bessere physiologische Werte, verblieben kürzer im Krankenhaus und wurden schneller gesund als Patienten, deren Blick nur auf weiße Wände und medizinische Geräte fiel. Nebenbei wirkte der Anblick eines Stücks Natur auch bei Ärzten, Therapeuten und beim Klinikpersonal positiv: Sie waren gelassener und geduldiger mit den Patienten, konnten konzentrierter arbeiten und fühlten sich am Ende des Arbeitstages weniger erschöpft. So gesehen kann eine Innenausstattung, die Mensch und Natur verbindet, nur empfohlen werden.
Dr. phil. Marion Sonnenmoser
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1.
Coad J, Coad N: Children and young people’s preference of thematic design and colour for their hospital environment. Journal of Child Health Care 2008; 12(1): 33–48.
2.
Nanda U et al.: Undertaking an art survey to compare patient versus student art preferences. Environment & Behavior 2008; 40(2): 269–301.
1. Coad J, Coad N: Children and young people’s preference of thematic design and colour for their hospital environment. Journal of Child Health Care 2008; 12(1): 33–48.
2. Nanda U et al.: Undertaking an art survey to compare patient versus student art preferences. Environment & Behavior 2008; 40(2): 269–301.

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