ArchivDeutsches Ärzteblatt PP3/2010Sekundäre Traumatisierung: Mythos oder Realität?

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Sekundäre Traumatisierung: Mythos oder Realität?

PP 9, Ausgabe März 2010, Seite 117

Sonnenmoser, Marion

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LNSLNS Therapeuten von traumatisierten Patienten entwickeln zum Teil selbst posttraumatische Symptome. Ob es sich dabei tatsächlich um eine sekundäre Traumatisierung handelt, ist jedoch umstritten.

Als Risiko oder Gefahr des Psychotherapeutenberufs gilt neuerdings die „sekundäre Traumatisierung“. Darunter versteht man die „Ansteckung“ des Therapeuten mit posttraumatischen Symptomen im Verlauf der Arbeit mit traumatisierten Patienten. Eine sekundäre Traumatisierung unterscheidet sich in drei Punkten von einer primären: Während primäre Traumaopfer das traumatisierende Ereignis meistens nicht vorhersehen können, wissen Therapeuten genau, wann eine therapeutische Sitzung stattfindet, in der Traumamaterial berichtet werden könnte. Primäre Traumaopfer können zumeist den Verlauf des traumatisierenden Ereignisses wenig beeinflussen, wohingegen Therapeuten in der Lage sind, auf den Verlauf der Sitzung mit Hilfe therapeutischer Techniken Einfluss zu nehmen. Außerdem können Therapeuten im Gegensatz zu den Patienten auftretende posttraumatische Sym-ptome als solche erkennen und auf sie fachkundig reagieren. Trotz dieser Unterschiede zeigen Therapeuten und Patienten ähnliche Symptome.

Symptome ähneln einer posttraumatischen Störung
Ob das Phänomen der sekundären Traumatisierung wirklich existiert, ist empirisch allerdings noch nicht gesichert. Einen Beitrag zur Klärung leistete unter anderem die Psychologin Dr. Judith Daniels vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, indem sie 21 Therapeuten interviewte. Sie fand heraus, dass sich eine „übertragene“ Traumatisierung tatsächlich herausbilden kann, und zwar ohne direkten Kontakt des Therapeuten zum Ausgangstrauma, sondern lediglich durch Zuhören, Einfühlen und bildhaftes Vorstellen. Die Traumatisierung äußerte sich in Form von Symptomen, die auch bei posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) auftreten, wie beispielsweise erhöhte Wachsamkeit und Übererregung, Vermeidung von traumaassoziierten Reizen, Interessenverlust, Hoffnungslosigkeit und Wiedererleben. Darüber hinaus fühlten sich die Befragten häufig unkonzentriert, erschöpft oder bedroht, konnten Arbeit und Freizeit nicht mehr voneinander trennen und griffen zu Alkohol und Beruhigungsmitteln.

Psychologen um Dr. Iris-Tatjana Kolassa von der Universität Konstanz sind hingegen im Hinblick auf die Existenz der sekundären Traumatisierung eher zurückhaltend, nachdem sie 21 Studien zu den psychologischen Konsequenzen traumatherapeutischer Arbeit ausgewertet haben. In etwa der Hälfte der Studien gab es einen moderaten Zusammenhang zwischen einer Traumaexposition von Therapeuten durch traumatherapeutische Arbeit und PTBS-Symptomen. In der anderen Hälfte der Studien wurden keine signifikanten Zusammenhänge festgestellt. Die Befunde ergaben also ein widersprüchliches Bild. Die Wissenschaftler lehnen es daher ab, vor den Risiken einer sekundären Traumatisierung zu warnen und traumafokussierte Therapieformen zu meiden. Letzteres würde mehr schaden als nützen, denn traumafokussierte Therapieformen sind bei PTBS nachweislich sehr wirksam.

Die Meinungen zur sekundären Traumatisierung gehen also ausein- ander. Fest steht jedoch, dass Schilderungen von Patienten über deren Traumata mitunter sehr belastend für Psychotherapeuten sein können. Zu einem dysfunktionalen Umgang mit den Traumata der Patienten neigen nach Daniels vor allem Therapeuten, die eine ausgeprägte Empathie besitzen und die zu einer dissoziativen Verarbeitung des Traumamaterials neigen. Kolassa und Kollegen ermittelten zudem, dass Therapeuten mit wenig Berufserfahrung anfällig sind. Dies bestätigt eine Studie, die an der University of Albany/USA durchgeführt wurde. Sie zeigte, dass Berufserfahrung, berufliches Selbstvertrauen, Zufriedenheit mit dem Beruf und das Gefühl, eine sinnvolle Arbeit zu verrichten, Traumatherapeuten vor Belastungsreaktionen schützen.

Ursache könnten frühere Traumatisierungen sein
Möglicherweise handelt es sich bei der sekundären Traumatisierung auch um ein Forschungsartefakt. Kolassa und Kollegen geben zu bedenken, dass bisher nicht untersucht wurde, ob die befragten Therapeuten selbst traumatisiert wurden. Es gibt verhältnismäßig viele Therapeuten, die sich wegen eigener Erfahrungen zur Arbeit mit Traumaopfern hingezogen fühlen. Dies ist einerseits von Vorteil, da sie sich gut in ihre Patienten eindenken können. Es kann aber auch von Nachteil sein, wenn es den Therapeuten nicht vollständig gelungen ist, ihr Trauma zu verarbeiten. Dann wären ihre Symptome durch das eigene Trauma bedingt und keine Folge einer „Ansteckung“.
Dr. phil. Marion Sonnenmoser


Kontakt: Dr. Judith Daniels, Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, Martinistraße 52, 20246 Hamburg, E-Mail: j.daniels@uke.uni-hamburg.de
Dr. Iris-Tatjana Kolassa, FB Psychologie, Universität Konstanz, Universitätsstraße 10, 78457 Konstanz, E-Mail: Iris.Kolossa@uni-konstanz.de
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1.
Carmel M, Friedlander M: The relation of secondary traumatization to therapists’ perceptions of the working alliance with clients who commit sexual abuse. Journal of Counseling Psychology 2009; 56(3): 461–7.
2.
Daniels J: Sekundäre Traumatisierung. Interviewstudie zu berufsbedingten Belastungen von Therapeuten. Psychotherapeut 2008; 53(2): 100–7.
3.
Jurisch F, Kolassa IT, Elbert T: Traumatisierte Therapeuten? Ein Überblick über sekundäre Traumatisierung. Zeitschrift für Klinische Psychologie und Psychotherapie 2009; 38(4): 250–61.
1. Carmel M, Friedlander M: The relation of secondary traumatization to therapists’ perceptions of the working alliance with clients who commit sexual abuse. Journal of Counseling Psychology 2009; 56(3): 461–7.
2. Daniels J: Sekundäre Traumatisierung. Interviewstudie zu berufsbedingten Belastungen von Therapeuten. Psychotherapeut 2008; 53(2): 100–7.
3. Jurisch F, Kolassa IT, Elbert T: Traumatisierte Therapeuten? Ein Überblick über sekundäre Traumatisierung. Zeitschrift für Klinische Psychologie und Psychotherapie 2009; 38(4): 250–61.

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